Samstag, 29. dezember 2007
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In „Neues Deutschland“ vom 22.12.2007 erschien der folgende Artikel im Wissenschaftsteil:
„Leben ist kein perfektes Design
Die Vielfalt der Arten mag uns zwar erfreuen, doch als Beleg für einen Schöpfer taugt sie nicht
Von Martin Koch
»Anzunehmen, dass sogar das Auge mit all seinen unnachahmlichen Vorrichtungen durch natürliche Selektion entstanden sei, scheint, ich gebe es offen zu, im höchsten Grade absurd.« Wer, glauben Sie
wohl, hat das geschrieben? Kardinal Christoph Schönborn? Papst Benedikt XVI.? Weit gefehlt. Es war kein Geringerer als Charles Darwin, der sich in seinem berühmten Buch »Über die Entstehung der
Arten« (1859) unter anderen mit den »Organen von äußerster Vollkommenheit« beschäftigt hat. Denn die Gegner der Abstammungslehre sahen schon damals in solchen Organen einen untrüglichen Beweis
für die Existenz eines intelligenten Schöpfers.
Prinzipiell freilich hegte Darwin keinen Zweifel, dass sich selbst das komplizierte menschliche Sehorgan aus primitiven Uraugen entwickelt hat. Doch erst der modernen Biologie ist es gelungen,
diesen Evolutionsprozess in groben Zügen zu rekonstruieren. Dabei wurde offenbar, dass von einer Vollkommenheit des Auges keine Rede sein kann. Bevor etwa das Licht auf die Sensoren der Netzhaut
trifft, muss es eine Schicht von Nervenfasern passieren, welche schließlich die visuellen Signale ins Gehirn leiten. »Das entspräche einer Kamera, bei der die lichtempfindliche Schicht des Films
auf der falschen Seite liegt«, urteilt der britische Biologe Steve Jones.
Einem göttlichen Designer wäre ein derart dilettantischer Fehler sicherlich nicht unterlaufen. Doch die Evolution arbeitet eben nicht wie ein Ingenieur. Sie arbeitet,
wenn man so will, wie ein Bastler. Das heißt: Bei jeder neuen Erfindung knüpft sie an das bereits genutzte biologische Material an. Im Fall des Linsenauges war dies zunächst eine
lichtempfindliche Zellschicht auf der Haut, die sich später becherartig vertiefte und damit eine simple Lochkamera formte. Mindestens 40 Mal, so vermutet man heute, sind Augen im Tierreich
unabhängig voneinander entstanden. Und keines davon kann als perfekt bezeichnet werden. Vielmehr gilt: Die Organe der verschiedenen Lebewesen sind nur kompliziert, um ihren Trägern in einer
speziellen Umwelt gerade so das Überleben zu ermöglichen.
Das trifft übrigens auch auf Pflanzen zu. Zwar ist die Photosynthese eine geniale Lösung, um Energie aus Sonnenlicht zu gewinnen. Nur: »Würden perfekt erschaffene Arten existieren, gäbe es keine
C3-Pflanzen«, meint der Kasseler Evolutionsforscher Ulrich Kutschera. Denn die sogenannte Photorespiration sorgt dafür, dass C3-Pflanzen im Licht etwa 30 Prozent des assimilierten Kohlendioxids
sofort wieder verlieren. Andererseits hat sich dieser »Makel« in der botanischen Evolution als höchst erfolgreich erwiesen: Rund 90 Prozent aller bedecktsamigen Blütenpflanzen betreiben
Photosynthese nach C3-Art. Dieses Beispiel zeigt, wie Steve Jones schreibt, dass die Evolution nicht auf Perfektion zielt, sondern lediglich »eine Serie erfolgreicher Fehler« ist.
Einen besonders schlechten Tag scheint Gott bei der Erschaffung des Menschen erwischt zu haben. Denn die »Krone der Schöpfung« ist biologisch betrachtet alles andere als ein ausgereiftes Modell.
Man denke nur an die Kreuzung von Luft- und Speiseröhre im Rachen, die es notwendig macht, dass beim Essen die Luftröhre durch einen komplizierten Mechanismus verschlossen werden muss. Allerdings
funktioniert dieses System nicht störungsfrei, so dass jedes Jahr etliche Menschen an ihrer eigenen Nahrung ersticken. Aber selbst, wenn die Luftröhre frei ist, nutzt der Mensch den zugeführten
Sauerstoff nicht optimal. Denn unsere Lunge scheidet, anders als beispielsweise die Lunge der Vögel, die verbrauchte Luft nicht vollständig aus. Sauerstoffreiche und sauerstoffarme Luft
vermischen sich vielmehr in unseren Atemwegen, was zwangsläufig unsere Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.
Als Design-Fehler könnte man auch den aufrechten Gang bezeichnen, wäre er nicht aus einer vierbeinigen Fortbewegungsweise hervorgegangen. Bei Vierfüßern verteilt sich
die Last des Körpers nahezu gleichmäßig auf die Wirbelsäule. Zweibeinige Wesen hingegen verlagern ihr Gewicht vornehmlich auf die Nackenwirbel und die untere Wirbelsäule. Da beide Bereiche für
eine solche Belastung nicht gemacht sind, »wehrt« sich unser Körper. Er reagiert mit Rückenschmerzen, über die inzwischen so viele Menschen klagen, dass Ärzte von einer neuen Volkskrankheit
sprechen. Doch den Nachteilen der Zweifüßigkeit stehen eminente Vorteile gegenüber. So haben aufrecht gehende Wesen beide Hände frei. Und sie benötigen nur ein Viertel der Energie, die etwa
Schimpansen für ihre Fortbewegung aufwenden müssen. Letzteres gab in der Evolution wohl den Ausschlag dafür, dass Menschen aufrecht gehen, ohne dafür das passende Rückgrat zu besitzen.
Im Bemühen, ein eigentlich schwächliches Design zu verbessern, tue die Evolution ihr Bestes, meint Jones: »Doch ihr Bestes ist nicht besonders beeindruckend.« Die Liste
der Beispiele hierfür ließe sich beliebig verlängern. Dennoch findet die Vorstellung, dass die Natur vollkommen und mithin der Intelligenz eines allmächtigen Schöpfers entsprungen sei, nach wie
vor zahllose Anhänger. In einigen Ländern, allen voran in den USA, wird sogar versucht, das kreationistische Konzept vom »Intelligent Design« (ID) als Alternative zur
Darwinschen Theorie in den Schulunterricht einzuführen. Wie viele Wissenschaftler ist auch Steve Jones über diese Entwicklung entsetzt und spricht daher Klartext: »Das ID-Konzept ist keine
wissenschaftliche Theorie. Es speist sich aus Denkfaulheit und Arroganz.« Ähnlich dachte im Dezember 2005 wohl auch Richter John Jones vom US-Bundesgericht in Harrisburg. In einem spektakulären
Prozess entschied er, dass ID eine verbrämte religiöse Anschauung sei und somit an Schulen nicht unterrichtet werden dürfe.“
Hier zeigt sich auch, dass es entscheidend für die Darstellung eines Sachverhalts ist, wogegen er sich richten soll oder worauf er sich bezieht. Es unterliegt sicher keinem Zweifel, dass diese
ablehnende Darstellung der Vollkommenheit der Natur (die aus diesem Grund Erfolg eine allmächtigen Schöpfers sein müsste) nicht im Widerspruch zur Idee „sich ausprobierender“ Symbiosen steht.
Andererseits wäre die Logik des Artikels mir zu einseitig, denn was ist Perfektion? Ein Computer von 100 Tarabyte Speicherplatz, der einer Sekretärin als Schreibprogramm dient? Die im Artikel
beanstandeten Mangellösungen erfüllen einfach nur ihren Zweck im Gesamtsystem Natur. Perfektere Fähigkeiten verschöben das Gleichgewicht im Gesamtsystem zu Gunsten ihrer Träger, zerstörten es …
und wären insofern überhaupt nicht perfekt… Oder… Bei als Beispiel wesentlich besserer Sehleistung der Menschen wäre ihre optische Forschung nicht so weit gediehen … und es gäbe (wahrscheinlich)
auch keine „Fernrohre (Teleskope) deren „Sehvermögen“ das aller „natürlichen“ Lebensausstattungen inzwischen weit übersteigt.