Gestern noch wird für Zufalls-Surfer im Netz die jW-Rezension über Helmut Peters China-Buch blockiert - heute beginnt ein
umfassender Abriss zur Chinesischen Geschichte und Gegenwart aus Sicht des Autors. Grund für mich, diesen Beitrag hier einzukopieren:
Auf neuen Wegen
Rückblick auf 60 Jahre Volksrepublik China (Teil I)
Von Helmut Peters
Am 1. Oktober vor 60 Jahren verkündete Mao Tse-tung (1893–1976) in Peking vom Tor des Himmlischen Friedens aus der Welt die Geburt des neuen China: »Die Zentrale Volksregierung der Volksrepublik
China ist heute gegründet worden.« 300000 Menschen auf dem in rote Fahnen getauchten Tiananmen-Platz nahmen seine Botschaft begeistert auf. Unter den Klängen des Marsches der Freiwilligen »Steht
auf! Nicht länger Sklaven mehr!« stieg die rote Fahne mit den fünf Sternen, das Symbol des Zusammenschlusses des chinesischen Volkes um die KP Chinas, zum ersten Mal am Mast empor. Die koloniale
Unterdrückung, Ausbeutung und Diskriminierung gehörte nun der Vergangenheit an, die alte von Tschiang Kai-schek repräsentierte reaktionäre Ordnung war gestürzt. China trat in ein neues Zeitalter
seiner 4000jährigen Geschichte ein. Ein Fünftel der Menschheit hatte das kapitalistische Weltsystem verlassen und begann, an der Seite der UdSSR und der anderen sozialistischen Länder, eine neue,
eine bessere Gesellschaft zu errichten. Die historische Bedeutung dieses Augenblicks umriß Mao Tse-tung mit den Worten: »Unsere Nation wird sich nun in die Gemeinschaft der Frieden und Freiheit
liebenden Nationen der Welt einreihen, wird mutig und fleißig arbeiten, sich ihre eigene Zivilisation und ihr eigenes Glück schaffen und zugleich Frieden und Freiheit in der Welt fördern. Unsere
Nation wird niemals mehr eine Nation sein, die sich beleidigen und demütigen läßt. Wir sind aufgestanden.«1 Der Gedanke, daß sich dieses Volk, das eine der großen Kulturen der Menschheit
geschaffen hatte, nie wieder beleidigen und demütigen lassen und zu neuer Größe streben wird, sollte einen grundlegenden Einfluß auf die Entwicklung der Volksrepublik nehmen.
Diese verlief wechselhaft und widersprüchlich. Der relativ schnellen Wiederherstellung der Volkswirtschaft folgten Jahre eines erfolgreichen Aufbaus, in denen mit Hilfe vor allem der Sowjetunion
eine erste Grundlage für die Industrialisierung des Landes gelegt wurde. Dann begann Mao Tse-tung seine Politik eines versuchten Sprungs in den Kommunismus. Ihr Scheitern führte in der KP Chinas
zu grundsätzlichen Auseinandersetzungen. Die »Kulturrevolution«, mit der Mao seinen alten Kurs der Partei wieder aufzwingen wollte, stürzte das Land ins Chaos. Der Neuanfang nach dem Tode Maos
und dem Sturz der »Viererbande« stand im Zeichen der Rückbesinnung auf die tatsächlichen nationalen Gegebenheiten. Das war der Ausgangspunkt für die Einleitung des Reform- und Öffnungskurses. Es
begann ein Entwicklungsabschnitt, in dem die Industrialisierung und Modernisierung des Landes einen qualitativ neuen Aufschwung nahmen und China in der Quantität seines Bruttoinlandsproduktes
(BIP) und Exports an die Weltspitze katapultiert wurde. In diesem Prozeß machte der Reform- und Öffnungskurs Anfang der 90er Jahre jedoch eine Metamorphose durch. Seitdem verfolgt die KP Chinas
eine Politik, die in ihren Bedingungen und in ihrer konkreten Gestaltung für eine sozialistische Orientierung weltweit bisher völlig neu und absolut ungewöhnlich ist. Das betrifft im wesentlichen
das Herangehen der KP an den Kapitalismus und das kapitalistische Weltsystem.
Ein kompliziertes Ganzes
Die Debatten, die wir bislang über den Sozialismus in der VR China geführt haben, verdeutlichen: Es besteht allgemein keine Klarheit über die spezifischen nationalen Ausgangsbedingungen, unter
denen die KP den chinesischen Weg zum Sozialismus zu gestalten hat. Das Erfassen der komplexen nationalen Gegebenheiten, vor allem ihres Kerns, des Charakters und des Entwicklungsstandes der
Gesellschaft, ist jedoch generell von maßgeblicher Bedeutung für das Verständnis aller Probleme der Revolution und des Aufbaus der neuen Gesellschaft. In der Geschichte des frühen Sozialismus
entstanden zahlreiche Probleme und Widersprüche allein durch die Nichtbeachtung der historischen Voraussetzungen für den Sozialismus bzw. durch eine überhöhte Einschätzung der bereits erreichten
gesellschaftlichen Fortschritte. Die KP Chinas bildet hier keine Ausnahme.
Sie hält bis heute offiziell an der von Mao Tse-tung unter dem Einfluß Stalins getroffenen Einschätzung fest, daß die traditionelle chinesische Gesellschaft einen »halbkolonialen und
halbfeudalen« Charakter gehabt habe. Die damit verbundene Unterschätzung des Ausmaßes mittelalterlicher Elemente und Kräfte auf der einen und die Überschätzung des Entwicklungsgrades des
Kapitalismus in der chinesischen Ackerbaugesellschaft auf der anderen Seite hatten verhängnisvolle Folgen. Diese Einschätzung war schon erstaunlich; denn im Gegensatz dazu hatte Mao Tse-tung am
Vorabend des Sieges der Revolution vermerkt, daß das Wirtschaftsleben im alten China »zu 90 Prozent« »im Altertum verblieben ist«. Neuere chinesische Untersuchungen haben ergeben, daß der Anteil
der mittelalterlichen ökonomischen Verhältnisse noch größer gewesen war. Im Leninschen Sinne handelt es sich folglich um eine klassische (kolonial deformierte) vorkapitalistische
Gesellschaft.2
Ihr Einfluß war auch in China mit der Aufhebung der damit verbundenen Ausbeutungsverhältnisse und dem Sturz der darauf beruhenden politischen Macht nicht gebrochen. Jahrzehnte danach war zu
beobachten, daß Elemente der materiellen und geistigen Kultur dieser alten Gesellschaft nachwirken und den gesellschaftlichen Fortschritt Chinas in Gestalt traditioneller Denk- und
Handlungsweisen hemmen und deformieren.3 So beeinträchtigt z.B. die in der alten Gesellschaft nicht erfolgte Herausbildung des Citoyens nach wie vor die Gestaltung produktiver Beziehungen
zwischen Staat und Bürgern. Und der mit eigenen Interessen verbundene »traditionelle lokale Separatismus« bereitet – verstärkt durch die Marktwirtschaft – der Durchsetzung der zentralen
Makropolitik noch immer enorme Probleme.
Ganz zu schweigen von der Ständeauffassung, vom Patriarchalismus und dem autokratischen Führungsstil in den politischen Beziehungen. Der chinesische Historiker Zheng Qian hat in einer seiner
Veröffentlichungen diese Problematik in ihren Wurzeln und Auswirkungen anschaulich generalisiert: »Unsere kulturelle Tradition ist ein kompliziertes Ganzes. Sie hat eine glänzende, gedankenreiche
und progressive Seite, sie hat aber auch ihre konservative, negative, rückständige und sogar unzivilisierte Seite. Diese Kultur, die grundsätzlich in einer rückständigen agrarischen Zivilisation
entstanden war, die, ohne dem Angriff, der Auslese und den Umgestaltungen im Entwicklungsstadium des Kapitalismus ausgesetzt gewesen zu sein, in das sozialistische Entwicklungsstadium eintrat,
mußte deshalb notwendigerweise in vielen Bereichen einen negativen Einfluß auf die Entstehung der sozialistischen Gesellschaft ausüben. (…) Wir müssen anerkennen, daß es uns, was die Rolle der
traditionellen Kultur, insbesondere ihrer feudalen Überreste, gegenüber dem Sozialismus anbetrifft, an Forschungen und der notwendigen Beachtung gefehlt hat. Faktoren wie die theoretische
Schwäche, die Vulgarisierung und Vereinfachung des Marxismus und der Ideen Mao Tse-tungs, die Abschottung nach außen und die noch nicht erfolgte Überwindung von Armut und Rückständigkeit
verstärkten direkt oder indirekt die negativen Seiten der traditionellen Kultur. Diese negative Rolle hat unser Verständnis für den Marxismus und unsere Erkenntnis des Sozialismus beeinträchtigt.
Von den tieferliegenden Schichten wie der psychologischen Beschaffenheit und den Denkgewohnheiten her festigten und erhielten wir ein überholtes wirtschaftliches und politisches System, und durch
die Kraft der Tradition wurde die gesellschaftlich-psychologische Grundlage für das Aufkommen der ›Kulturrevolution‹ vorbereitet.«4
Unvergleichliche Lage
Zu Beginn der 80er Jahre hatte Maos späterer Nachfolger Deng Xiaoping (1904–1997) kritisch festgestellt, die Partei hätte in der Vergangenheit die Bedeutung »der Aufgabe, den Einfluß der feudalen
Reste im ideologisch-politischen Bereich auszumerzen«, unzureichend erkannt.5
Der XIII. Parteitag 1987 setzte in der Einschätzung der nationalen Gegebenheiten neue Akzente. Seine wesentlichen Aussagen waren: 800 Millionen von über einer Milliarde Menschen lebten noch auf
dem Dorfe, die eine noch weitgehend naturalwirtschaftliche Landwirtschaft manuell betrieben; ein großer Teil der Industrie lag bis zu 100 Jahren hinter dem Weltniveau zurück; ein Viertel der
Bevölkerung hatte das Analphabetentum noch nicht überwunden; einen breiten Einfluß übten noch »feudale und bürgerliche korrupte Ideologien und die Macht der Gewohnheit der Kleinproduktion« aus.
Die Schlußfolgerung, die der Parteitag aus alledem zog, lautete: »In China, in diesem rückständigen großen Land des Ostens, den Sozialismus zu errichten, ist ein neues Problem in der
Entwicklungsgeschichte des Marxismus. Die Lage, der wir uns gegenübersehen, gleicht weder dem Aufbau des Sozialismus auf der Grundlage einer hohen Entwicklung des Kapitalismus in den
Vorstellungen der Begründer des Marxismus, noch gleicht sie völlig der anderer sozialistischer Länder. Bücher zu kopieren, geht nicht. Das Ausland nachzuahmen, geht auch nicht. Wir müssen von der
Lage des Landes ausgehen.«6 In diesem Sinne wurde die auf 50 bis 70 Jahre angelegte Reform und Öffnung des Landes präzisiert, gleichwohl die Sprachreglung »halbkoloniale und halbfeudale«
Gesellschaft beibehalten wurde. Weiterhin blieb auch die Behauptung Mao Tse-tungs stehen, daß in China 1956 mit der im wesentlichen erfolgten Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln
(auf der Grundlage der rückständigen gesellschaftlichen Produktivkräfte!) eine sozialistische Gesellschaft entstanden wäre. Sie ging in die Einschätzung des Parteitages ein, daß sich China
seitdem im Anfangsstadium des Sozialismus befände. Ich stimme mit chinesischen Historikern wie Chen Weitong von der Parteischule des ZK der KPCh7 darin überein, dieses »Anfangsstadium« ist seiner
Aufgabe und seinem Inhalt nach vielmehr eine Entwicklungsphase, die dem Sozialismus vorausgeht.
Internationale Position
Mit den nationalen Bedingungen nahmen zugleich das internationale Umfeld und die internationalen Bedingungen im Transformationsprozeß der chinesischen Gesellschaft entscheidenden Einfluß auf die
Gestaltungsmöglichkeiten für die Strategie der KP Chinas. Diese Bedingungen haben sich seit 1949 mehrfach grundlegend verändert. In den 1950er Jahren konnte sich die VR China in ihrer Entwicklung
und in Auseinandersetzung mit dem Imperialismus auf eine umfassende Unterstützung durch die Sowjetunion und das gesamte sozialistische Lager stützen, die den militärischen Schutz des Landes
einschloß. In den 60er bis zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts befand sich die VR China generell in einer Frontstellung sowohl gegenüber der Sowjetunion und der absoluten Mehrheit der
anderen sozialistischen Länder als auch gegenüber dem Imperialismus. In den 1970er Jahren kam die VR China den Bestrebungen der USA und ihrer Verbündeten, China in ihre antisowjetische Strategie
einzubinden, scheinbar zeitweilig entgegen; auf diesem Wege gelang es ihr, aus der Zwei-Fronten-Konstellation herauszukommen, sich neue Möglichkeiten für die Wahrnehmung nationaler Interessen
(Taiwan) zu erschließen, ihre Beziehungen über die Entwicklungsländer hinaus vor allem mit den für sie interessanten ökonomisch führenden kapitalistischen Ländern zu normalisieren und damit ihre
internationale Position wesentlich auszubauen. Durch die sich in den 1980er Jahren anbahnende Normalisierung der Beziehungen mit der Sowjetunion und anderen bis dahin verfeindeten sozialistischen
Ländern auf der Grundlage der Prinzipien der friedlichen Koexistenz begann dann China, eine nach allen Seiten hin relativ unabhängige internationale Position einzunehmen. Dieser für die Politik
der KP Chinas günstige Prozeß kam durch den Untergang der Sowjetunion und des sozialistischen Lagers jedoch nicht zum Tragen. Seitdem muß die KP Chinas ihre Strategie unter dem Gesichtspunkt der
globalen Herrschaft des Kapitalismus, der gleichzeitigen Tendenz zu einer multipolaren Entwicklung der Welt und der raschen Zunahme ökologischer Gefahren für die Existenz der Menschheit
gestalten.
Verschiedene Ansätze
Der ursprüngliche Ansatz der KP Chinas für den Weg Chinas zum Sozialismus wurde von Mao Tse-tung Ende der 1930er Jahre in Gestalt der Theorie von den zwei Revolutionen, der neudemokratischen und
der sozialistischen Revolution, entwickelt. Er kam zu dem Schluß, daß angesichts der Rückständigkeit Chinas der sozialistischen Revolution eine längere Phase der neudemokratischen Entwicklung
vorangehen müsse. Die damit zu schaffende »Chinesische Demokratische Republik« sollte auf »der gemeinsamen Diktatur aller antiimperialistischen und antifeudalen Kräfte (einschließlich der
»fortschrittlichen Bourgeoisie« – d. V.) unter Führung des Proletariats« und dem Staatseigentum in den entscheidenden Bereichen der Wirtschaft beruhen, gleichzeitig jedoch dem Kapitalismus zur
Industrialisierung des Landes längere Zeit Raum geben. Die Praktizierung der neudemokratischen Strategie in den Jahren 1945 bis 1952 stützte sich im wesentlichen auf die Bauernschaft und erfolgte
vom Dorf hin zur Stadt. Auf diese Weise vermochte es die Partei, 1949 die politische Macht im Lande zu erobern und die kriegszerstörte Wirtschaft in erstaunlich kurzer Zeit
wiederherzustellen.
1951/52, noch am Beginn der neudemokratischen Entwicklungsetappe im nationalen Maßstab, ließ Mao Tse-tung diesen ursprünglichen Ansatz für den Übergang zum Sozialismus in China überraschend
fallen. Er setzte sich über die Auffassung Liu Shaoqis und anderer Vertreter in der Parteiführung hinweg und beschloß, sofort zum Sozialismus überzugehen und in diesem Prozeß die
Industrialisierung und Kollektivierung Chinas nach sowjetischem Modell zu verwirklichen. Mao hoffte, auf diese Weise die Entwicklung Chinas schneller als auf dem neudemokratischen Wege
vorantreiben und in der gesellschaftlichen Entwicklung zur Sowjetunion aufschließen zu können. Damit begann sich im Denken und Handeln Maos ein verhängnisvoller Voluntarismus auszubreiten.
»Revolutionärer Wille« und übereilte Abschaffung des Privateigentums traten an die Stelle der Beachtung objektiver ökonomischer Gesetze und die Entwicklung der Produktivkräfte.8 Damals war der
Sozialismus für die KP Chinas wie allgemein für die kommunistische Bewegung nur eine kurze Übergangsphase zum Kommunismus. Mao wollte diese Phase in einem »großen Sprung« hinter sich lassen: Die
dabei kreierte Grundeinheit der kommunistischen Gesellschaft, die Volkskommune, verkörperte in Inhalt, Form und Aktion eine Art bäuerlichen Kriegskommunismus.
Der dritte Ansatz der KP Chinas, das Land in den Sozialismus zu führen, war mit der ersten Phase des Reform- und Öffnungskurses bis 1991 verbunden. Mit einer Art »neuer ökonomischer Politik
chinesischer Prägung« sollte die sozialistische Gesellschaft errichtet werden. Typisch für diesen Ansatz waren die Anpassung des wirtschaftlichen Aufbaus an die nationalen Bedingungen, eine dem
Charakter und dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte entsprechende Eigentumsstruktur mit Nutzung des ausländischen Kapitals unter Führung des staatlichen Sektors, die Verbindung von
Planwirtschaft und ergänzender Rolle der Marktwirtschaft, die Schaffung eines demokratischen politischen Systems und einer entwickelten geistigen Zivilisation und der Aufbau der Partei mit einem
funktionierenden demokratischen Zentralismus, einer politisch und fachlich versierten kollektiven Führung ohne Fraktionsbildung, ohne Privilegien und mit korrekten Beziehungen zu den anderen
Organisationen. International sollte am proletarischen Internationalismus festgehalten, »Imperialismus, Hegemonismus, Kolonialismus und Rassismus« bekämpft, der Weltfrieden verteidigt, die
wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen mit allen Ländern auf der Grundlage der friedlichen Koexistenz ausgebaut und der Befreiungskampf der unterdrückten Völker wie der gerechte Kampf aller
Völker unterstützt werden.
Im Ergebnis von Auseinandersetzungen in der KP Chinas über diesen dritten Ansatz, der Ausbreitung des Pragmatismus in der Partei, des Sieges des Kapitalismus über den frühen Sozialismus und neuer
Überlegungen Deng Xiaopings über den Kapitalismus wurde der dritte Ansatz verworfen. Anfang der 1990er Jahre bildet sich im generellen Rahmen des Reform- und Öffnungskurses ein vierter Ansatz
heraus.
Deng Xiaoping kam im Zusammenhang mit den Veränderungen im internationalen Kräfteverhältnis 1990 zu einer neuen Einschätzung des Kapitalismus. »Weshalb ist die Ablösung des Kapitalismus durch den
Sozialismus ein solch langer Prozeß? Und weshalb verläuft er so gewunden? Der moderne Kapitalismus verfügt auch über die Funktion, sich selbst zu regulieren. Die westlichen Länder nutzen einige
Politiken zur Regulierung – erstens die Politik der Einmischung des Staates, zweitens greift der Westen verbreitet zu einer Politik der öffentlichen Wohlfahrt, drittens legt er großen Wert auf
die Rolle von Wissenschaft und Technik und wendet sie in der Produktion an. Das erklärt, weshalb der Kapitalismus noch Raum für seine Entwicklung hat.«9 Deng schloß daraus, daß ein neues Modell
des Sozialismus in Gestalt der »sozialistischen Marktwirtschaft« zu schaffen wäre. Prof. Qin Gang von der Abteilung Wissenschaftlicher Sozialismus an der Parteischule des ZK der KP Chinas macht
uns darauf aufmerksam, daß sich Deng Xiaoping als Schöpfer dieses Modells im Herangehen an den Kapitalismus wesentlich von Marx und Lenin unterscheidet: »Marx entwickelt sein Verständnis für den
Sozialismus aus der Kritik am Kapitalismus. Lenin errichtet den Sozialismus durch Ausnutzen des Kapitalismus. Deng Xiaoping baut den Sozialismus durch Lernen vom Kapitalismus auf.«10
China begann, fortan bewußt als Kraft innerhalb des bestehenden (kapitalistischen) Weltsystems zu agieren und pragmatisch (ideologisch fast bedenkenlos) von den »entwickelten Ländern«11 zu
lernen, wie es seine Interessen – vorrangig sein Erstarken und seine Modernisierung – verwirklichen kann. Das Ergebnis war das sogenannte »chinesische Wirtschaftswunder«. Sein Preis war eine
bedrohliche Destabilisierung der gesellschaftlichen Entwicklung. Der mit dem vierten Ansatz von der KP Chinas mit aller Kraft forcierte Aufstieg zu einer ökonomischen Weltmacht stellte die
sozialistische Perspektive des Landes ernsthaft in Frage.
Strategische Korrekturen
Die Ende 2002/Anfang 2003 neu gewählte Partei- und Staatsführung mit dem Generalsekretär des ZK Hu Jintao und dem Ministerpräsidenten Wen Jiabao sah sich deshalb gezwungen, eine Reihe
strategischer Korrekturen einzuleiten. Durch sie sollen die gesellschaftliche Entwicklung wieder stabilisiert, die nationalen Kräfte auf einer neuen Grundlage für die Fortsetzung der Aufstiegs
Chinas gebündelt und die sozialistische Perspektive wieder gesichert werden. Neu orientiert wurden in diesem Zusammenhang vor allem die Entwicklung in den Bereichen Parteiaufbau,
Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, ökologische Politik und Außenpolitik. Die Partei soll in ihrer gesamten Tätigkeit und in allen ihren Gliederungen der »wissenschaftlichen Auffassung über die
Entwicklung« folgen. Das bedeutet, »den Menschen als das Wesentliche anzusehen, die Auffassung von der allseitigen, abgestimmten und nachhaltigen Entwicklung zu kultivieren und die Wirtschaft,
die Gesellschaft und den Menschen in ihrer Entwicklung allseitig fördern«. Angewandt z.B. auf die Wirtschaftspolitik heißt das praktisch, nicht mehr allein der Erhöhung des BIP nachzujagen, um
die entwickelten kapitalistischen Länder baldmöglichst einzuholen, sondern danach zu streben, den Menschen mit seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt der Wirtschaftspolitik zu rücken und Reform
und Öffnung in Übereinstimmung mit der ganzheitlichen Entwicklung von Stadt und Land, der Landesteile, von Wirtschaft und Gesellschaft, von Mensch und Natur, von innerer Entwicklung und Öffnung
des Landes nach außen zu bringen. Die Formulierungen entsprechen bisher der traditionellen Art, in der die KP Chinas, ohne sich öffentlich kritisch zu einer vorangegangenen Politik zu äußern,
sich von dieser distanziert.
Gegenwärtig geht es um die Umsetzung und die weitere Profilierung dieses strategisch korrigierten Kurses der Partei.
1 Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Band V, Peking 1978, S. 13
2 Ausführlich begründe ich diese These im ersten Kapitel meines Buches »Die VR China – Aus dem Mittelalter zum Sozialismus: Auf der Suche nach der Furt«. Dort setze ich mich auch mit der
Auffassung über den feudalen Charakter der traditionellen chinesischen Gesellschaft auseinander
3 In offiziellen Publikationen über die Geschichte der KP Chinas ist diese Problematik in ihrer Auswirkung auf die Entwicklung der Partei und der Volksrepublik bislang kaum beachtet worden. Ein
klassisches Beispiel ist die parteioffizielle Geschichtsversion, die in der Veröffentlichung von Rolf Berthold, »Chinas Weg. 60 Jahre Volksrepublik«, Berlin 2009, dokumentiert ist
4 Zheng Qian, »Die ›Kulturrevolution‹ und eine weitere Erkenntnis über die Ursachen ihrer Entstehung«. In: Kritisches zehn Jahre danach. Sammlung von Aufsätzen zur Geschichte der
»Kulturrevolution«, Peking 1986, S. 305ff., Übers. aus d. Chines. v. H. P.
5 Ausgewählte Schriften Deng Xiaopings (1975–1982), Peking 1983, S. 295, chinesisch
6 Sammlung von Dokumenten des XIII. Parteitages der Kommunistischen Partei Chinas, Peking 1987, S.9, Übers. H.P.
7 Chen Weitong, Eingehende Diskussion einiger wichtiger Fragen der ökonomischen Theorie zum Anfangsstadium des Sozialismus in unserem Lande, in: Zeitschrift Dangdai Shijie yu Shehuizhuyi (Die
gegenwärtige Welt und der Sozialismus), Jg. 2000, H.6. S. 9
8 Xiaoping nannte es »einen bedeutenden Mangel« Mao Tse-tungs, »die Entwicklung der Produktivkräfte außer acht gelassen zu haben. Das heißt nicht, daß er nicht daran dachte, die Produktivkräfte
zu entwickeln, aber seine Methoden waren dafür ungeeignet. So wurde beispielsweise beim ›großen Sprung nach vorn‹ und bei der Volkskommune nicht gemäß den Gesetzen der sozialökonomischen
Entwicklung gehandelt.« Siehe: Ausgewählte Schriften Deng Xiaoping, Band III, Peking 1993, S. 116, Übers. H. P.
9 Zitiert nach: Wang Zhanyang, Neue Demokratie und neuer Sozialismus, Peking 2004, S.31, Übers. H. P.
10 Qingnian Bao, zit. n. Renmin Wang v. 19.7.2004
11 Unter diesem Begriff wurden nun die ökonomisch führenden kapitalistischen Länder subsumiert
-
Von Helmut Peters erschien zuletzt: »Die VR China – Aus dem Mittelalter in den Sozialismus: Auf der Suche nach der Furt«, Neue Impulse Verlag, Essen 2009, 580 Seiten, 19,80 Euro
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