Antisemitismus

Freitag, 24. juli 2009
von Anindya Bhattacharyya, Socialist Worker   

Welches ist das bekannteste Zitat von Karl Marx über Religion? Viele Menschen kennen das Zitat in dem Marx Religion als „Opium des Volkes" beschrieb.

Weitaus weniger Menschen kennen aber die gesamte Textstelle:

„Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes." (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie - hier der Link zu mlwerke.de)

Eine sorgfältige Überprüfung der Schriften von Marx über das Thema zeigt, dass er zwar die Religion kritisierte. Aber andererseits übte er beißende Kritik an Liberalen, die Religionskritik über alle anderen politischen Fragen stellten.

Wie so oft bei den Arbeiten von Marx müssen wir einen Blick auf die politischen Kämpfe werfen an denen er zu Lebzeiten beteiligt war, um seine Analyse der Religion zu verstehen.

Marx wurde 1818 in Preußen geboren. Eine ihn prägende, frühe politische Auseinandersetzung drehte sich um Religion.

In Preußen unterlagen Juden systematischer Diskriminierung. Es gab Gesetze, die festlegten, wo Juden wohnen durften und welche Berufe sie annehmen durften. In den 1840er Jahren gab es heftige Debatten über die jüdische Emanzipation, die einige auffällige Parallelen zu den heutigen Diskussionen über Muslime und den Islam aufweisen.

Damals machte Marx sich einen Namen als radikaler Journalist bei liberalen Veröffentlichungen. Einen großen Teil seiner Energie floss in Debatten mit einem Kreis von liberalen Schriftstellern und Denkern, die als Junghegelianer bekannt waren. Unter ihnen stach Bruno Bauer besonders hervor. Er war einer der Professoren von Marx an der Universität gewesen.

Bauer hatte seine akademische Karriere politisch rechts begonnen, schwenkte aber später nach links und gewann gegenüber dem Christentum eine zunehmend kritische Haltung. 1842 wurde er wegen seiner radikalen Ansichten von der Universität entlassen.

Es gab für Bauer und die Junghegelianer viele gute Gründe, das Christentum und die Religion im allgemeinen zu kritisieren. Preußen war zu der Zeit noch eine absolutistische Monarchie mit sehr strengen Gesetzen, die noch aus der feudalistischen Zeit stammten. Diese Gesetze wurden durch die einengende Ideologie der Kirche gestützt.

Die preußischen Liberalen sehnten sich nach Reformen, wie sie sich im Zuge der Französischen Revolution 1789 entwickelten. Allerdings hatten sie erheblich weniger Interesse daran, eine so unappetitliche Situation wie eine Revolution tatsächlich auch zu haben. Konsequenterweise stellten sie Forderungen nach Reformen an den preußischen Staat. Insbesondere standen Parlamentswahlen und die Teilung von Staat und Kirche im Mittelpunkt ihrer Forderungen.

Die Forderung nach der Emanzipation der Juden war ein Teil dieses breiteren Kampfes. Marx, dessen jüdischer Vater zum Christentum konvertierte, um der Unterdrückung zu entgehen, unterstützte die Kampagne gegen Gesetze, die Juden diskriminierte.

Liberale Atheisten

Aber nicht alle Liberale unterstützen das Anliegen. In scharfem Gegensatz zu Marx sprach sich Bauer gegen die jüdische Emanzipation aus. Zur Verteidigung seines Standpunktes nutze Bauer scheinbar linke Argumente. Viele von Bauers Äußerungen nehmen heutige Argumente vorweg, die heutzutage benutzt werden, um Islamophobie herunterzuspielen, zu ignorieren oder sogar zu teilen.

Bauers sah in der Religion den „Hauptfeind". Die Forderung der Juden nach Emanzipation zu unterstützen sei demnach gleichbedeutend mit der Kapitulation vor der Religion und vor den besonderen Wünschen einer religiösen Minderheit. Bauer beharrte darauf, dass die Juden zuerst ihrer Religion abschwören sollten. Erst dann würden sie die Unterstützung der liberalen Atheisten verdienen.

Bauer schrieb in einem Essay über diese Frage: „Solange er Jude ist, muß über das menschliche Wesen, welches ihn als Menschen mit Menschen verbinden sollte, das beschränkte Wesen, das ihn zum Juden macht, den Sieg davontragen und ihn von den Nichtjuden absondern."

An der Oberfläche scheint dieses Argument alle Religionen als „gleich schlecht" zu betrachten. Es wurde aber schnell durch ein weiteres Argument gestützt, welches deutlich macht, worum es ihm wirklich ging. In einem zweiten Essay gegen die Kampagne zur Emanzipation der Juden argumentierte Bauer, dass zwar alle Religionen gleich schlecht waren, manche von ihnen aber „gleicher" waren als die anderen.

Insbesondere erklärte er nun, dass das Christentum dem jüdischen Glauben überlegen sei: „Der Christ hat nur eine Stufe, nämlich seine Religion zu übersteigen, um die Religion überhaupt aufzugeben ... der Jude dagegen hat nicht nur mit seinem jüdischen Wesen, sondern auch mit der Entwicklung der Vollendung seiner Religion zu brechen, mit einer Entwicklung, die ihm fremd geblieben ist."

Hier sind die Parallelen zu den heutigen Diskussionen über den Islam offensichtlich. Säkulare - das heißt nichtreligiöse oder kirchenunabhängige - Liberale beharren oft darauf, dass sie gegen jegliche Religion sind und kein besonderes Problem mit dem Islam haben. Aber die besondere Religion, die sie am meisten aufregt, die Religion, der sie die Hauptschuld für soziale Übel geben, vom Terrorismus angefangen bis hin zur Homophobie ist ausnahmslos der Islam.

Marx hatte bereits begonnen, seine Verbindungen zu den Junghegelianern zu überdenken. Er antwortete Bauer im Jahr 1844 mit einem starken und polemischen Essay namens „Zur Judenfrage". Statt mit einzustimmen in die Angriffe auf die „jüdische Rückschrittlichkeit" oder mit einem freundlichen Lächeln Appelle zur Toleranz zu äußern, wandte er seine Waffen gegen die Schwächen von Bauers liberaler Politik.

Zuerst merkte Marx an, dass die eingeschränkte "politische Emanzipation", die Bauer forderte - letztlich die Forderung nach einem säkularen Staat - bei weitem nicht ausreichend sei. Tatsächlich würde diese Forderung die Religion nicht loswerden, und das war schließlich das angebliche Hauptziel Bauers. Marx schrieb, dass die Verfassung der USA ganz offen säkular war, „dennoch ist Nordamerika vorzugsweise das Land der Religiosität", in dem es vor lauter Sekten und Kulten, die mit ihren Angeboten hausieren gehen, nur so wimmelt.

Der soziale Kampf

Noch grundlegender antwortete Marx, dass religiöser Glaube hauptsächlich die Folge einer viel weitergehenden Unterdrückung sei und nicht ihre Ursache. Die Konzentration auf die religiöse Frage diene dazu, dieses weitergehende Bild zu vertuschen. Diese Konzentration diene dazu, Energien von den realen sozialen Kämpfen abzulenken und auf eine sterile theologische Debatte zu richten.

Marx schrieb, dass Liberale die menschliche Gesellschaft strikt einteilen in ein öffentliches „politisches Leben" und eine private „bürgerliche Gesellschaft". Politische Reformen sollten auf das erstere begrenzt bleiben, forderten sie. Wirtschaftliche Beziehungen wie Privatbesitz von Produktionsmitteln und Lohnarbeit sollten davon unberührt bleiben, weil sie in die Kategorie „bürgerliche Gesellschaft" fielen.

Marx zerriss diesen künstlichen Gegensatz. Er erklärte, wie die scheinbar atheistischen Forderungen der Junghegelianer tatsächlich dazu dienten, ihren eigenen quasi-religiösen Thesen zu dienen.

Insbesondere glaubten sie an eine menschliche Gesellschaft, die aus vereinzelten privaten Individuen besteht. Diese besäßen privaten Grund und Boden und waren durch Eigennutz angetrieben. Dies war eine Art Vorahnung des Neoliberalismus und beruhte nicht auf das tatsächliche Funktionieren von Gesellschaften:

„Vor allem konstatieren wir die Tatsache, daß die sogenannten Menschenrechte ... nichts anderes sind als die Rechte des Mitglieds der bürgerlichen Gesellschaft, d.h. des egoistischen Menschen, des vom Menschen und vom Gemeinwesen getrennten Menschen."

Die Ironie, so Marx, besteht darin, dass Bauer den Juden genau das vorwirft, wofür er sich selbst am meisten einsetzt: der „Egoismus" sich von der Gesellschaft abzuheben sowie die Möglichkeit, vom Handel und vom Geldverdienen besessen zu sein. Bauer macht sich selbst der Sünden schuldig, die er den Juden und dem Judentum vorwirft. Sie dienen ihm als geeigneter Sündenbock für seine eigenen politischen Fehler.

Im Gegensatz zu den Liberalen forderte Marx eine radikale Verallgemeinerung der „politischen Emanzipation" hin zu einer „Emanzipation des Menschen". Diese würde die wirtschaftlichen Verhältnisse und die gesamte Gesellschaft revolutionieren, statt nur an der Art des Staatswesens herumzudoktern. Dieses sozialistische, politische Projekt würde auf eine durchgehend materialistischen Auffassung der Welt basieren, nicht auf einer lediglich atheistischen.

Das Essay „Zur Judenfrage" war Teil einer ganzen Serie von Artikeln, in denen er sich mit der politischen Unklarheit der Junghegelianer befasste. Bald danach entwickelte sich Marx zum revolutionären Verfechter der Arbeiterklasse. Für seine Leistungen auf diesem Gebiet ist er noch heute bekannt.

Im Gegensatz zu Marx entwickelte sich Bauer schnell nach rechts. Er wurde eine Führungsfigur des widerwärtigen Antisemitismus, der sich in Deutschland in den 1870er Jahren entwickelte. Eine Ideologie, die letztendlich zu den Gaskammern der Nazis führte.

Wir Linke müssen heute die Erkenntnisse von Marx wiederentdecken. Im Gegensatz zur Behauptung von säkularen liberalen Kriegsbefürwortern, ging Marx nicht davon aus, dass der Glaube an den freien Markt und die Verehrung des Privateigentums in irgendeiner Weise religiösem Denken überlegen seien.

Ganz sicher verschwendete keine Zeit an Leute, die Opposition gegen Religion als eine Ausrede ansehen, religiöse Minderheiten als Sündenböcke zu brandmarken, während sie gleichzeitig Lobgesänge auf das kapitalistische System singen. Ein System, das unausweichlich zu Armut, Rassismus und Krieg führt.

 

Zur weiteren Lektüre empfehlen wir den Essay von Marx „Zur Judenfrage". Er kann auf www.mlwerke.de online gelesen werden.

Es ist nicht einer seiner einfacheren Artikel und wird oft aus drei Gründen missverstanden:

1. Marx' Schreibstil ist gespickt mit rhetorischen Schnörkeln, die damals unter den Junghegelianern in Mode waren.

2. Teilweise nutzt die von Marx verwendete Sprache die damals fast universell vorhandenen Vorurteile gegen Juden. Einige antimarxistische Propagandisten nutzen dies, um Marx des Antisemitismus anzuklagen. Dies lässt aber völlig außer Acht, dass dieser Artikel eine Streitschrift für die jüdische Emanzipation ist.

3. Drittens nutzt Marx den Jargon der hegelschen Philosophie und seine Unterscheidungen zwischen „politischem Staat" und „bürgerlicher Gesellschaft". Insbesondere der Begriff „politisch" wird hier in einem sehr eng gefassten Rahmen benutzt und im Sinne von gesetzlichen und konstitutionellen Reformen genutzt. Heutzutage nutzen wir diesen Begriff viel umfassender.

Abgesehen von diesen drei Einschränkungen ist der Artikel von Karl Marx sehr lesenswert.

Der ursprüngliche Artikel erschien in der britischen Arbeiterzeitung Socialist Worker

Übersetzung: Internationale Sozialisten / fb


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Donnerstag, 30. oktober 2008

Dazu gehört die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Die Anthropologie weiß heute, dass der Genpool der Menschen Elemente enthält, die sich bei allen heute lebenden Menschen ebenso finden, die sich in dem bisher untersuchten und bis hinab zu den im wahrscheinlichen Zentrum der Entstehung des Menschen gefundenen Fossilien nachweisen lassen.  Nicht vor Gott, sondern vor dem Genpool sind alle Menschen gleich! Sind alle Brüder und Schwestern! Gewiss hat sich der menschliche Organismus in den Millionen Jahre während den Wanderungen über den Globus, sich mit  geografisch-klimatischer Bedingungen auseinandersetzend oder sich ihnen anpassend, Merkmale, Eigenheiten  oder Eigenschaften im Phänotyp gebildet, die vor- oder unwissenschaftlich als Rassen bezeichnet wurden, aber nicht den Kern des Menschseins betreffen, sondern sein „Äußeres“! Es sind dies Merkmale, Eigenheiten  oder Eigenschaften, die den Bau, die Lebensäußerungen, die Ernährungs- oder Bewegungsweise, den Aufenthaltsort u. ä. betreffen. Sie sollen es erlauben, die gegebenen Lebensmöglichkeiten möglichst frei von Konkurrenz gründlich auszunutzen. Diese Merkmale (z. B Haut und Haare, Augen), Eigenheiten oder Eigenschaften bildeten sich in einem zum Teil viele Hundert Millionen Jahren umfassenden Zeitraum (schon) auf der vor-menschlichen Ebene heraus und wurden dabei stabil. Sie führten auch zu Spezialisierungen, die es den betreffenden Organismen nicht erlaubten, unter Bedingungen zu leben die dieser Spezialisierung widersprachen. Doch am wesentlich Menschlichen hat das nichts verändert. Der Genotyp blieb erhalten.

Robert Steigerwald


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Mittwoch, 29. oktober 2008

Was ist dagegen zu tun?

Zuerst und das sollte selbstverständlich sein, ist gegen jede Art der Verharmlosung, Leugnung oder des demagogischen Missbrauchs des Themas Auschwitz anzugehen..

Vor allem aber ist es wichtig, die Blitzableiterfunktion zu zerstören, den Blitz – um im Bild zu bleiben – auf die Kräfte zurückzuschleudern, die sie einsetzen, den Schleier des Rassismus wegzuziehen, damit der wirkliche Schuldige, der wirkliche Feind, der Kapitalismus sichtbar werden kann. Welche Möglichkeiten bieten sich da an?

In früheren Zeiten orientiert sich die Politik der englischen Bourgeoisie daran, sich eines Festlandsdegens zu vergewissern.  Beispielsweise diente der Preußenkönig Friedrich der Zweite – er bekam dafür etwas Geld – dazu, französisches Potential in Mitteleuropa zu binden, damit England in Nordamerika Frankreichs Position schwächen konnte. Dese Funktion, fremde Degen für die eigene Sache nutzen zu wollen, ist nicht ausgestorben. Die USA benutzten zunächst die Taliban als afghanischen Degen gegen die dortige kommunistische Regierung und ihre sowjetischen Hilfstruppen, dann spielte Saddam Hussein gegen den Iran in einem Stellvertreter-Krieg für die USA die Rolle eines Degens. Und seit geraumer Zeit spielt Israel diese Rolle. Und das ist besonders intelligent, denn die massenhaft der Vernichtung entronnenen Juden, die sich im Schutz eines eigenen Staates befinden, stießen und stoßen auf teils erbitterte arabische und palästinensische Feindschaft: Die Rolle des Degens der USA im Nahen Osten, als Türwächter der größten Erdölvorkommen der Welt, konnte verteidigt und dies zugleich mit dem Schutz der Juden vor neuer Feindschaft verbunden werden.

Es ist mit dieser Situation sehr sensibel umzugehen.

Erstens: Wir marxistischen Kräfte lassen keinen Zweifel daran, dass die Existenz des Staates Israel zu schützen ist. Die von bestimmten arabischen, palästinensischen und iranischen Kräften gegen Israel gerichteten Vernichtungsdrohungen (es gibt so etwas spiegelverkehrt, wenn auch weniger stark, auch in Israel gegen die Palästinenser!) sind entschieden zurück zu weisen.

Zweitens: Aber eben so treten wir auch ein für einen lebensfähigen palästinensischen Staat

Drittens: Gefährdet war die Existenz Israels durch die seit Jahrzehnten andauernde Politik dieses Staates gegenüber den palästinensischen Massen. Den Widerstand der Palästinenser gäbe es längst nicht mehr, hätten die Verantwortlichen Israels, wie es völkerrechtlich beschlossen ist, der Gründung eines lebensfähigen Staates Palästina schon zugestimmt.

Viertens, im Kampf zwischen Israel und den Palästinensern geht es nicht um Juden und Palästinenser, nicht um Religion und  nicht einmal der Hauptsache nach um „Volk“, sondern um Land (und Wasser), also um recht materielle Dinge, was mit Kapitalismus, mit bourgeoiser Politik des Staates Israel zu tun hat.

Fünftens: Wir üben Kritik an dieser Staatspolitik Israels, mit Juden und Judentum hat das gar nichts zu tun, wäre der USA-Degen dort unten nicht Israel, sondern etwa Ägypten, müssten wir uns genau so kritisch verhalten.

Sechstens: Wir müssen zeigen, dass der Staat Israel, seine Bourgeoisie sich nur so verhalten kann, wie dies geschieht, weil der Staat USA-Nahost-Degen ist. Würden sich die USA dort auf der Grundlage der UN-Beschlüsse bewegen, statt Israel in seiner Politik der fortwährenden Verletzung dieser Beschlüsse zu unterstützen, so hätte man schon längst eine für beide Seiten annehmbare Lösung, also eine für beide Seiten annehmbare Zweistaaten-Lösung gefunden.

Eine unter der Decke schwelende Judenfeindschaft ist vorhanden, wird aber hinter der Kritik an der Politik des jüdischen Staates  versteckt. Dass pro-jüdische Kräfte, sog. Antideutsche, sich nach Kräften bemühen, berechtigte und notwendige Kritik an dieser Politik Israels als Judenfeindschaft hinzustellen, ist Bestandteil der Aufgabe, Israel als Nahost-Degen der USA zu rechtfertigen.

Dies sind politische Positionen. Es ist aber auch unbedingt erforderlich, den Rassismus selbst in seinem Kern und zwar wissenschaftlich zu zerstören – nicht nur der Juden wegen, sondern wegen jeglicher Art von Fremdenhass.


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Dienstag, 28. oktober 2008

Bundesdeutsche Verfahrensweisen

Eine wirkliche in die Breite und Tiefe  gehende ideologische Entnazifizierung fand nicht statt. Wie hätte dies auch sein können, wo man vor folgender Situation stand:

Die Adenauer-Regierung hatte durch zwei Gesetze die Bedingungen dafür geschaffen, dass eifrige Verfechter der nazistischen Judenfeindschaft und Judenvernichtung – Globke, der Hauptautor der Nürnberger Rassegesetze als Staatssekretär Adenauers, Abs, der Chefarisierer der Deutschen Bank als Adenauers Finanzberater, dies sind nur Beispiele – in Wirtschaft, Politik, Justiz, Polizei und Armee wieder führend wirkten. Das eine Gesetz ließ die ehemaligen Beamten der Nazizeit wieder in den Dienst eintreten (das sog. 131er Gesetz), ein zweites Gesetz sah die Bestrafung von Kriegs- und Naziverbrechen nur für den Fall vor, dass  sie auf der Grundlage einer niedrigen Gesinnung erfolgten, die man dann in aller Regel – anders jedoch bei Kommunisten im Zuge der politischen Strafjustiz gegen Linke - nicht ausfindig machen konnte. Also das Personal der nazistischen Judenfeindschaft nun als Personal der neuen Judenfreundschaft? Kann man sich Perverseres vorstellen?

So blieb der „Mutterboden“ der rassistischen Judenfeindschaft unangetastet, wurde Judenfeindschaft nur politisch und allenfalls moralisch verurteilt. Es kam zu einer  angesichts des Völkermord-Verbrechens an den Juden ein verordneten Philosemitismus. In diesem Zeichen getraute man sich nicht mehr, sich all zu deutlich und öffentlich sich negativ zu Juden und dem Judentum zu äußern. Freilich konnte sich das alles gut verstecken hinter Kritik an der Politik des Staates Israel gegen die Palästinenser. An die Stelle von medienwirksamer und öffentlicher Judenfeindschaft traten, neben dem erprobten Mittel der Hetze gegen Kommunisten mehr und mehr Fremdenfeindschaft, unter Ausnutzung der Terrorhysterie Islam-Feindschaft: Dabei spielt die Konkurrenz um Arbeitspolätze und Wohnungen zwischen deutschen und Immigranten-Arbeitern eine diese Fremdenfeindschaft schürende Rolle.

Dier religiöse Judenfeindschaft spielt kaum noch eine Rolle, denn die katholische Kirche war wegen der „Nicht-Rolle“ des Vatikans bei der Judenvernichtung und der Aktiv-Rolle bei der „Rettung“ von Nazi- und Kriegsverbrechern (Mengele, Eichmann und Konsorten) nach Lateinamerika in die Defensive gedrängt. Beide Konfessionen suchten und suchen namens des Kampfes gegen den Sozialismus und die Kommunisten – also aus klassenpolitischen Gründen - den Schulterschluss mit den Juden: Gemeinsam gegen den den Sozialismus als Idee und Realität und zwar an der Seite des US-Imperialismus.

Niemand möge sich täuschen: In der Masse des Volkes gibt es nach wie vor eine Judenfeindschaft in milderer Form. Solange nicht klar ist, dass Juden- wie Fremdenfeindschaft nur Ablenkungsstrategien zugunsten des wirklichen Volksfeindes, des Kapitalismus sind, werden Juden- und Fremdenfeindschaft, in welcher Form auch immer, nicht aus der Welt verschwinden.

Das folgt auch daraus, dass es nicht nur an gesellschaftswissenschaftlich-kritischem Bewusstsein mangelt, sondern auch an naturwissenschaftlicher Aufklärung, deren Fehlen dem Rassismus und der Fremdenfeindschaft in die Hände spielen.


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Montag, 27. oktober 2008

Im Rückgriff auf dargelegte Te3ndenzen auch in der Arbeiterbewegung und auf den genannten Aufsatz von Marx wird suggeriert, auch von linken Kräften ( den sog. Antideutschen). es gebe im Marxismus, im Kommunismus einen verdeckten Antisemitismus. Die kollektivistische Art, wie unter Stalin Probleme angegangen wurden, wirkte sich auch insofern negativ aus, dass beim Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion wegen der Befürchtung, in der deutschen Emigration könnten Nazi-Kollaborateure stecken, dies zu einer Art Kollektivverdacht führte.  Analoges betraf die japanischen Emigranten – aber das war in den USA nicht anders, auch dort wurden etwa die  Japaner in Lager interniert.  Wegen der internationalen Verbreitung der Juden, wegen ihrer Rolle in den USA, wegen des Verdachts, auf dieser Grundlage könne sich in der Sowjetunion eine antisowjetische Kraft entwickeln, konnten sich im  Kollektivverdacht und unter dem Formenzeichen des Anti-Kosmopolitismus in der Tat Tendenzen der Judenfeindschaft bilden. Doch verweist Mario Kessler in seinem Buch ”Antisemitismus, Zionismus und Sozialismus” (Mainz 1994) auch darauf, dass die Sowjetunion rechtzeitig zwei Millionen sowjetischer Juden vor den vordringenden Nazis in Sicherheit bringen ließ (S. 136) und es Hunderte jüdische Generale in der Roten Armee gab.

 ein Ruhmesblatt in der Geschichte der KPD bleiben, dass die von ihr geleitete illegale Häftlings-Führung in Buchenwald folgendes organisierte:

Im April 1945 sollten die noch im Lager Buchenwald verbliebenen Juden zum Transport zum Marsch in das Vernichtungslager antreten. Da gab die Leitung die Anordnung heraus: Juden treten nicht auf dem Appellplatz an. Der Befehl der SS wurde wiederholt. Da gab die Partei die Anordnung heraus: Die Judensterne werden abgerissen, die Juden werden unter den nicht-jüdischen Häftlingen verteilt. Wollen wir sehen, ob die SS die Juden herausfindet. Das gelang ihr nicht, die jüdischen Häftlinge  wurden gerettet.

 

Der tiefste Grund dafür, dass es im Marxismus weder Judenfeindschaft noch Judenfreundschaft gibt, ist die Klassenorientierung des Marxismus, während Judenfeind- und –Freundschaft genau so völkisch orientieren, wie auch die Ideologie und Politik des Zionismus. Dies sind gleiche Brüder, gleiche Kappen.


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Sonntag, 26. oktober 2008

Zionismus und marxistische Arbeiterbewegung.

 

Das neunzehnte Jahrhundert war auch ein solches des erwachenden Nationalbewusstseins in Osteuropa und damit auch bei den dort, vor allem im galizischen Raum in großer Zahl lebenden Juden. Unter dem Druck, sie zu russifizieren und der Pogrome führte dieses   eigene nationale Erwachen zur Suche nach einer wie es hieß „Heimstatt“. Ee kam zur Auswanderung im großen Stil, weg aus dem Bereich der Pogrome. Oft mit einem Zwischenstadium Deutschland, wo es einerseits zur Konkurrenz mit deutschen Arbeiter- und Kleinbürgermassen kommt, andererseits sich assimilierende Juden in den armen Verwandten aus dem Osten Leute sahen, deren Abwanderung nach Palästina eher zu wünschen sei. Manche schämten sich ihrer armen Verwandten und ihres Lebensstils.  Es war dies der Boden des entstehenden Zionismus, auf den – und auf die dramatischen, auch tragischen Entwicklungen des Zionismus und seiner Aktivitäten,  die man übrigens keineswegs alle über einen Leisten schlagen darf, denn Klassen gibt es auch im Volk der Juden! –kann ich hier nicht eingehen. Wer bei der Benutzung des Wortes Volk der Juden gestutzt haben mag, dem möchte ich vorschlagen, darüber nachzudenken, ob nicht solche Gemeinsamkeiten wie jene der Sprache – das Jiddische – der Schrift – der Religion – der mosaischen - dies alles sehr wesentliche Elemente der Selbstbehauptung gegenüber orthodoxen Russen, katholischen Österreichern, protestantischen Preußen wichtige Merkmale einer Ethnie waren.

Der Marxismus geht von der  ”Gleichheit all dessen aus, das Menschenantlitz trägt” –  wie es sogar uralte christliche Auffassung ist und auch dem Menschenbild der Aufklärung zugrunde liegt, an das der Marxismus anschließt. Alle Menschen sind, unabhängig von Sprache, Kultur, Hautfarbe, Religion und dergleichen von jeglicher Ausbeutung und Unterdrückung zu befreien, sollten auf dieser Grundlage friedlich zusammenleben können. Das bedeutet nach marxistischer Auffassung, dass die Juden in das Ziel dieses Wirkens ebenso, wie in den Kampf für dieses Ziel einzubeziehen sind. Der Marxismus ist davon überzeugt, dass der Sozialismus die Überwindung die teils historisch entstandenen, teils künstlich geschaffenen ”Moden” (man denke an Schillers/Beethovens Ablehnung des ”was die Mode streng geteilt”) bewirken  werde. Kampf um den Sozialismus bedeute also auch Kampf um die Befreiung der Juden. Zugleich wurde – zu dieser Zeit – die Revolution als nahe bevorstehend eingeschätzt, also die Realisierung dieses Zieles als der nahen Zukunft angehörend angenommen. Diese Orientierung bedeutete, sowohl gegen die Jdenfeindschaft zu kämpfen als auch die Flucht vor ihr, das Ausweichen vor dem Kampf zu kritisieren. Juden sollten im Land bleiben, sich am Kampf für den Sozialismus beteiligen (was ja auch viele Juden taten!).

Der Zionismus wurde als eine bürgerliche Bewegung beurteilt, der aber eine Massenbasis in den bereits genannten entwurzelten Schichten vor allem Russlands habe. Statt sich zu wehren orientiere er auf Flucht, leugne folglich die Möglichkeit, die Probleme mittels des Sozialismus zu lösen und nehme dabei in Kauf, dass Juden im Einwanderungsland soziale Konflikte mit der ansässigen (zumeist bäuerlichen) Bevölkerung provozierten und schließlich dort selbst zu einer Unterdrückernation werden würden.

Da auch der Zionismus keine homogene Klassenbewegung war, kam es immer wieder zu zionistischen Versuchen, unter Anlehnung oder Benutzung marxistischer Formulierungen, auch direkt sozialistischer Zielsetzungen, einen linken Zionismus zu begründen, sich sogar den jeweiligen (zweiten bzw. dritten) Internationalen anzuschließen. Doch da der Zionismus, auch in seinen linken Varianten, stets daran festhielt, die Juden auf nationaler Grundlage abzusondern, also sich de facto völkisch, anti-internationalistisch verhielt, mussten stets alle seine Varianten als bürgerliche Bewegung beurteilt werden. Das führte bisweilen allerdings auch zu ernsten politischen Fehlern in der kommunistischen Bewegung. Wo  in ultralinker Weise die dennoch vorhandenen Differenzierungen im Zionismus missachtet, alle seine Varianten über einen Kamm geschoren wurden (als Analogie denke man an die Missachtung der Differenzierungen zwischen verschiedenen bürgerlichen und sozialdemokratischen Kräften am Vorabend der faschistischen Machteroberung - Stichwort. Sozialfaschismus), traten solche Fehler auf. Immerhin gab es, besonders im Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund Russlands, Polens und Litauens Widerstand gegen die zionistischen Orientierungen auf Auswanderung, wies man auf den sich daraus ergebenden jüdisch-arabischen Konflikt hin. Außerdem, und das wurde in den Darstellungen zur Geschichte der KPdSU in der Stalin-Zeit verschwiegen (!) waren gerade diese Kräfte führend an der Gründung der SDAPR beteiligt.

Als sich in der Arbeiterbewegung der Revisionismus herauszubilden begann, der ja nicht einfach marxistische Prinzipien preisgab, sondern sie durch bürgerliche ersetzte, und das bedeutete zu dieser Zeit bereits die Übernahme imperialistischer Prinzipien, da meldeten sich innerhalb des Revisionismus Stimmen zu Wort, welche die zionistischen Bestrebungen als kulturelle Missionen in den kolonialen Gebieten zu rechtfertigen versuchten. So auch wurden von diesen Kräften die zionistischen Einwanderungen in Palästina als Leistungen zivilisatorischer und kulturbringender Art gedeutet!


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Samstag, 25. oktober 2008

Ein Aufsatz von Karl Marx

Judenfeindschaft drang auf der Grundlage sozialdarwinistischer und vulgärmaterialistischer Ansichten auch in  Teile der Arbeiterklasse ein, weil die dagegen immunisierend wirkende  marxistische Gesellschaftstheorie nur kleineren Teilen der Arbeiterbewegung bekannt war.

Es wird ein Aufsatz von Marx Judenfrage herangezogen, um dessen Verhältnis und das der Arbeiterbewegung zu diskreditieren. Der zweiteilige Aufsatz "Zur Judenfrage“ stammt aus dem Jahre  1843. Nun muss man zunächst sagen, dass Marx zu dieser Zeit noch auf dem Weg zum Marxismus war, schon weit vorangekommen auf diesem Weg, aber immer noch Strecken des Wegs zurückzulegen hatte. Es gibt in dem Aufsatz Anzeigen dafür, dass Marx noch unter dem Eindruck des christlich-abendländischen Juden-Bildes Juden einschätzte - das reicht noch bis in die erste Feuerbach-These, wo die Rede von der schmutzig-jüdischen Praxis ist. Der Aufsatz von Marx war primär eine Auseinandersetzung mit Bruno Bauer, der die Judenfrage vor christlichen Hintergrund als eine religiöse Frage behandelte. Marx unternimmt es nachzuweisen, dass es sich hier um ein politisches Problem handelt, dem soziale Erscheinungen zugrundeliegen: das Geld, die Geldwirtschaft. Marx berücksichtigt die sozial-historischen Gründe dafür noch nicht, später tat das sehr wohl. Angesichts dessen, dass im Geldbereich Juden eine starke Rolle spielten, setzte Marx Geldmanager und Juden gleich. kritisierte beides in dieser Kombination.

Marx´ Bild war in gewisser Weise noch unhistorisch, aber in diesem Bild und dieser Kritik entfaltete sich bereits eine frühe Form von Kapitalismus-Kritik. Dass dies mit Antisemitismus nicht zu tun hat, kann man schon daraus erkennen, Marx war zu dieser Zeit Chefredakteur der „Rheinischen Zeitung“. Darin führte er einen entschiedenen Kampf für die Emanzipation der Juden, welchen durch Erlass vom 4. Mai 1816 die bürgerlichen Rechte wieder geraubt wurden, die Napoleon ihnen „geschenkt“ hatte. Wo Marx in dem genannten Aufsatz und in der ersten Feuerbach-These Jüdisches anspricht, ging es ihm um den Kapitalismus. Alle späteren Äußerung Marxens zur Judenfrage lassen keinen Zweifel daran, dass Marx nicht antijüdisch sondern antikapitalistisch argumentiert. Keinesfalls ist es zulässig, etwa gestützt auf  Marx Aufsatz „Zur Judenfrage“ einen besonderes jüdischen Typus als Repräsentanten des Kapitalismus zu bilden und namens des Antikapitalismus gegen einen solchen erfundenen Typus zu opponieren.


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Freitag, 24. oktober 2008

Imperialismus und „neue“ Judenfeindschaft

Deutschland war im Übergang zum Imperialismus, dazu, seinen Anspruch auf einen Platz an der Sonne zu erheben. Den durchzusetzen erforderte, Ruhe im eigenen Land herzustellen, die Kraft der „Nation“ für die Auseinandersetzung in der Welt zu entfalten. Die marxistische Theorie der Existenz von Klassen und des Klassenkamfes im Innern der Nation stand diesem imperialistischen Nationalismus im Weg und musste bekämpft werden.

Man begann darum, auf besondere Weise auf die Arbeiter- und Kleinbürgermassen einzureden: Der Sozialismus sei richtig, aber er beruhe auf einer falschen der marxistischen Theorie. Nicht Klassen seien die bewegenden Faktoren der Geschichte, sondern das Blut, die blutsgemeinschaft. Auf dieser Grundlage sei das Volk zu einigen. Die Führer der Arbeiterbewegung seien Agenten, stünden im Bund mit einer jüdischen Verschwörung, der es darum gehe, die Volkskraft durch Klassenhass zu zersetzen, so dass es dem Weltjudentum möglich werde, den Sieg des Judentums über das Germanentum zu erzielen. Dies der Titel eines Buches von Marr aus dem Jahre 1873. Rassenkampf sei ein lebensgesetzlicher Kampf, nötig sei deshalb kein marxistischer, sondern ein völkischer Sozialismus. Die Juden  wollten – so ein weiterer Schritt in den Bemühungen, den marxistischen Sozialismus zu verdrängen – mit Internationalismus, Klassen und Klassenorientierung das Volk spalten, schwächen zur Niederlage bereit machen. Also dagegen sei im Namen der Einheit der Nation und des Kampfes für den Sieg des Germanentums über das Judentum Front zu machen, was möglich sei auf Grundlage der  Einheit des Volkes, der Rasse, der Blutsgemeinschaft. Das Judentum sei sogar eingedrungen in das Kapital. Dort gebe es das raffende und schaffende Kapital. Der fleißige deutsche Arbeiter müsse sich mit den ebenfalls fleißigen, produzierenden schaffenden Unternehmern gegen das raffende Judentum vereinigen.

Es war eine Judenfeindschaft entstanden, die sich nicht an die mittelalterliche, religiös bemäntelte anschloss, sondern nun auf vorgeblich rassischer Grundlage wirkte. Es war dann auch beispielsweise völlig egal, ob sich jemand, aus jüdischer Familie stammend, taufen ließ, an seiner „Rassezugehörigkeit“ änderte das gar nichts.

Dieser etwas länger andauernde Prozess wurde vorangetrieben durch eine schwere Krise, die 1873 eintrat und als Gründerschwindel in die Geschichte eingegangen ist, dem etwa eben solche kapitalistische Schwindelmanöver zugrunde lagen, wie dem gegenwärtigen im Banken- und Finanzskandal. Nur hieß es damals: Die Juden hätten sich in den Besitze der nach dem deutsch-französischen Krieg an Deutschland gezahlten Tribut gesetzt, mit dessen Hilfe große Betriebe und Banken geschaffen welche die kleinen ruiniert hätten: Der Blitz wurde von den Kapitalisten auf die Juden gelenkt, was im Kleinbürgertum und bei den Bauern nicht ohne Wirkung blieb. Auf Gründe hierfür wurde schon eingegangen.


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Donnerstag, 23. oktober 2008

Kapitalismus, Massenelend und Arbeiterbewegung

Mit den sich entwickelnden kapitalistischen Verhältnissen, in Deutschland ab Mitte des Jahrhunderts besonders rasant voranschreitend, mit der Herausbildung von Klassen und Klassenkampf, einer entstehenden sozialistischen Arbeiterbewegung veränderte sich das politische Klima im Land grundlegend. „unten, wo das Leben konkret ist“ (Hegel), bei jenen Schichten, die besonders hart von der kapitalistischen Entwicklung gebeutelt wurden, Bauern, Handwerkern, Kleinbürger, dort waren die Bedingungen zur Verbreitung antijüdischer Stimmungen und Taten vorhanden. Auch frühe Sozialisten (Anhänger Fouriers wie Toussenet und Leroux) waren nicht frei von Judenfeindschaft. Auch bei Franz Mehring und Wilhelm Liebknecht finden sich noch - sogar 1890/91 - Äußerung, die, bei Ablehnung der Judenfeindschaft, dennoch indirekt eine gewisse Berechtigung als Reaktion auf den Philosemitismus deuteten. Es gab und gibt durchaus Ansichten, diese Stimmungen seien  eine Art Entwicklungsstufe eines Antikapitalismus bei zurückgebliebenen sozialen Schichten und es gab und gibt immer wieder den Versuch, dies im Rahmen eines demagogischen Antikapitalismus zu nutzen. Doch gerade die Geschichte hat erschreckend deutlich gemacht, dass wirkliche Sozialisten auf keinerlei Weise diese primitiven Formen des Antikapitalismus in ihr politisches Kalkül einbeziehen dürfen. Engels hat das mehrere Male in Arbeiten der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts deutlich gemacht, nannte diesen primitiven Antikapitalismus eine Abart des feudalen Sozialismus, der Lage von Klassen bzw. Schichten entsprechend, die durch die kapitalistische Entwicklung zum Untergang verurteilt seien. Und die SPD hat auf ihrem Parteitag 1893 eindeutig und entscheiden gegen den Antisemitismus Stellung bezogen.

Für den Kapitalismus wurde es angesichts der raschen Entwicklung der marxistisch geprägten sozialistischen Arbeiterbewegung „lebensnotwendig“, Position zu beziehen, die Entwicklung zu entschärfen.  Man entsann sich der alten Funktion des Blitzableiters. Nur, wie konnte man auf wen den Blitz ablenken? Dies war das zu lösende Problem. Wie hätte man es anzustellen, die Arbeitermassen vom am Marxismus orientierten Sozialismus wegzuziehen? Ein Frontalangriff auf den Sozialismus konnte diesen eventuell nur stärken, erfolgversprechender konnte es sein, zumal bei den Deutschen – aus historischen Gründen - eine Neigung zur Theorie besonders ausgebildet ist, den Stoß gegen die Grundlagen des Sozialismus zu richten.

Es war dies zugleich die Zeit einer blühenden Naturwissenschaft und eines naturwissenschaftlichen Materialismus.  Darwins Entdeckung machte die Runde und diente als Grundlage für eine Biologisierung des Menschenbilds (bis hinein in die Freidenkerbewegung, Ludwig Büchner, der eifrige Popularisator dieses Materialismus, war Begründer und Vorsitzender der Freidenkerbewegung). Der missverstandene oder missdeutete Gedanke der Evolution wurde mit den Irrlehren der Blutsgemeinschaft und der Vererbung verbunden und im Rückgriff auf das schon im Schwange befindliche, aber bis dahin noch unschuldige Wort von den Rassen vereint: Der Rassismus war geboren.


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Mittwoch, 22. oktober 2008

Aufklärung, Französische Revolution, Bodenverlust der religiösen Judenfeindschaft

Mit der Aufklärung, verstärkt in Deutschland nach den Religionskämpfen und wegen der religiösen Spaltung, war der Boden bereitet für eine Tendenz zur Toleranz. Der preußische König Friedrich der Zweite verkündete, in seinem Reich möge jeder nach seiner Fasson selig werden und man solle die Gazetten nicht genieren. Freilich galt das im Grunde nur für den Adel und die sich allmählich herausbildende frühe bürgerliche Intelligenz – die Massen konnten noch gar nicht lesen. Zugleich verkündete   die Französische Revolution bürgerliche Rechte und Freiheiten, auch für die Juden. Dies erreichte die besten deutschen Geister, Lessings „Nathan“, nicht nur er, stand dafür Pate. Andererseits darf nicht übersehen werden, dass dies alles nicht tief ins Volk eindringen konnte. Schulen wurden für das Volk ja erst in dieser Zeit geschaffen, und neben dem noch nicht überwundenen Analphabetismus standen ja auch materielle Hindernisse im Weg: Zeitungen kosteten Geld, und das war im Volk nur in geringem Ausmaße vorhanden. Dennoch: Für die Juden hatten Aufklärung und bürgerliche Revolution erhebliche positive Auswirkungen. Die Ghettos wurden aufgelöst, die Beschränkung auf gewisse Berufe zurückgenommen, der neue, aufgeklärte Geist erfasste zwar nicht das gesamte Judentum – auch dort gab es borniertes, engstirniges, am Alten zäh festhaltendes Personal – aber vor allem junge Männer (sie mehrheitlich, denn es herrschte auch bei ihnen das Patriarchat) ergriffen begierig die Möglichkeit, sich diesen neuen Geist der Aufklärung, der bürgerlichen Rechte und Freiheiten, der Philosophie anzueignen, wofür Namen wie Rosenkranz, Marx, Lassalle und andere stehen.

„Neue“ Judenfeindschaft

Insbesondere die protestantische Theologie erfuhr unter dem Einfluss der Aufklärung bedeutende Änderungen. Es fand eine gründliche und kritische Analyse der Bibel, ihren Mythen statt. Dabei hat diese Bibel-Kritik und Theologie alles das, was an der überkommenen Theologie unhaltbar schien, auf das jüdisch-religiöse Erbe zurückgeführt. Das wurde mit dem überkommenen Judenbild verbunden. Doch  diese Theologie war philosophisch idealistisch. Folglich ging sie dazu über, einen besonderen christlichen - und im Gegenzug dann eben auch einen - jüdischen Geist dem jeweiligen Religionsverständnis zuzuordnen. So änderte sich unter der Hand das Judenbild zum jüdischen Geist. Die religiös „begründete“ Judenfeindschaft verlor dabei schrittweise ihre Grundlage. Der Kampf ging nicht mehr gegen eine fremde Religion, sondern gegen den Feind der „Nation“  (d. h. Frankreich) und die ideologischen und politischen Konzeptionen, die von diesem nationalen Feind, seiner Geschichte, der Aufklärung, dem Liberalismus, der Demokratie ausgingen. Judenfeindschaft musste nun ganz anders „begründet“ werden: Aus einer bestimmten die Juden prägenden Geistigkeit, aus ihrer historisch verbundenen Nähe zum Geist der Aufklärung – der sie wesentliche Momente ihrer Einbeziehung in die bürgerliche Gesellschaft verdankten. Viele Juden waren tatsächlich die Träger des rationalen Geistes, der aber nun verteufelt wurde als alles analysierend, zersetzend, berechnend.

Deutschland war aus historischen Gründen in seiner Entwicklung zurück geblieben, seine Nationsbildung erschwert, das Kleinbürgertum verspießert, ein sich entwickelnde Großbürgertum politisch schwach, feig, unfähig, die berechtigten nationalen Interesse wahrzunehmen. Zugleich bildete sich im Kampf gegen die nationale Unterdrückung durch Frankreich in Gestalt des Turnvater Jahns, des Politikers Ernst Moritz Arndt, der Burschenschaften aus einem zunächst progressiven Nationalgefühl ein aggressiver Nationalismus. Frankreich, von dem die neuen humanistischen Impulse ausgingen, die Aufklärung  der  Liberalismus, die jedoch im Volk eine weit geringere Verankerung als in den besten Teilen der philosophischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Intelligenz,  war der nationale Feind und damit gerieten Aufklärung, Liberalismus, Demokratie in die Schusslinie dieses Nationalismus.


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