Der zweite Teil des jW-Artikels ist spezifischer, weil enger auf "Kunst und Ästhetik" bezogen. Allerdings bleibt er vom theoretischen Ansatz ebenfalls von grundlegender Bedeutung: Während
Sozialdarwinisten das Tierische im Menschen als den ewigen Kampf der Fittesten gegen den Rest ums Überleben zu verabsolutieren suchen, bietet schon die gewählte Überschrift das Gegenmodell, dem in
vorderster Linie die Kunst folgt: Hauptzweck Harmonie sagt eigentlich, dass Kunst das besondere Wesen des Menschlichen bestimmt und das wieder Ausdruck des symbiotischen Aufbaus der Natur auf
höherer, und zwar bewusster Ebene ist.
* Vor 150 Jahren erschien Darwins epochemachendes Werk »Die Entstehung der Arten«
Funde für die Anfänge der Kunst gibt es nicht gerade reichlich. Dafür ist einer besonders früh und besonders bemerkenswert. Von Magie und Religion, aus denen nach Ansicht vieler Ideologen
Kunst entstanden ist, kann und braucht hier gar keine Rede zu sein. Es genügt der Sinn für Ästhetisches. Hier tritt es auf als Naturschönes. Neben anderen Hinterlassenschaften des
Australopithecus fand sich der Kiesel von Makapansgat in Südafrika, datiert auf etwa drei Millionen vor unserer Zeitrechnung. Er sieht aus wie ein Menschengesicht bzw. ein Vormenschengesicht. Das
ist ein Zufall, ein Spiel der Natur. Aber der Mensch, der diesen Kiesel sah, sah etwas von sich darin, hatte also ansatzweise Selbst-Bewußtheit, hob ihn auf und bewahrte ihn als etwas Kostbares,
Bedeutsames und Schönes. Der Kiesel wurde bereits 1925 gefunden, zunächst aber wenig beachtet. Erst seit den 1990er Jahren geriet er in die Diskussion um die Anfänge eines ästhetischen
Bewußtseins und damit der Kunst.1 Die Sache ist insofern brisant, als dieser Fund einer sehr frühen Evolutionsstufe – schon des Menschen oder noch des Vormenschen – zugehört. Diesem werden oft
menschliche Züge im engeren Sinn abgesprochen. Bei dem Kiesel handelt es sich um kein Artefakt, also etwas bereits Menschengemachtes und von Menschen Erfundenes, sondern um ein Manuport, etwas
von Menschen in der Natur Vorgefundenes und im Wortsinn »Aufgegriffenes« und Mitgenommenes. Für eine Interpretation im Sinne eines ästhetischen Bewußtseins sprechen u.a. die auffällige dunkelrote
Farbe (die anthropologisch-psychologisch stets und bis heute eine große Rolle spielt) und natürlich hauptsächlich die Gesichtsform des Kiesels. Noch ist es eine Projektion: ein Hineinsehen von
Gestalten, Ästhetisches, kein Herausarbeiten, also im engeren Sinn Kunst.
Menschliche Trinität und Kunst
Kunst verselbständigt, konzentriert, organisiert und objektiviert das in Arbeit, Denken, Sprache latente Ästhetische. Auch das Naturschöne ist, als Verhältnis, dadurch vermittelt. Schon die
Produktion der Gegenstände selber richtet sich nach ästhetischen Maßstäben, zielt auf Schönheit etwa in der Dialektik von Symmetrie und gezielter Abweichung. Der Faustkeil als ein
Universalwerkzeug über Jahrhunderttausende ist zwar vorrangig Arbeitsinstrument. Er ist aber auch mindestens tendenziell Proto-Plastik, insofern er nach Prinzipien auch der Schönheit hergestellt
und schon früh sogar sozusagen geschmückt wird. In der Periode nach 500000 finden sich Faustkeile mit Versteinerungen oder Einschlüssen. Diese sind im Naturmaterial vorgefundenes Schönes. Der
Sinn dafür bildet sich aber im Wechselspiel des Systems von Arbeit, Denken, Sprache. Dieses realisiert sich in Produktion und Kommunikation. Produktion ist primär (materielle) Aneignung und
Umformung der Natur. Kommunikation ist primär Betätigung und Bestätigung der Gesellschaftlichkeit, der individuellen wie kollektiven.
Kunst hat selber Aspekte von Arbeit und Produktion, da sie Herstellen und Tun ist. Zentral jedoch ist ihre Bestimmtheit als Kommunikation, als Medium sozialer (Selbst-)Verständigung. Insofern ist
Kunst »Sprache«. Sprache ist dabei mehr als nur Wortsprache, mit der sie allzuoft gleichgesetzt wird.
»Mit Händen und Füßen reden«
Das historisch erste und zugleich zeitübergreifend grundlegende Zeichen- bzw. Sprachsystem ist die Mimetische Handlung. Auch nach der Ausdifferenzierung der Sprachen, allen voran die
Wortsprache, wirkt sie in der Kommunikation mit: Nicht nur die Vor- und Urmenschen, sondern auch die modernen Menschen gestikulieren in der Regel, wenn sie geordnete Sprachlaute von sich geben.
Die Annahme dieses komplexen, multimedialen Kommunikationssystems löst das Problem, daß man meist den Australopithecinen keine Sprache zuschreiben möchte, wohl aber ihnen als werdenden Menschen
irgendeine Kommunikation zugestehen muß.
Die Mimetische Handlung arbeitet, wie dann differenziert, erweitert und intensiviert die Mimetische Zeremonie und die Kunst, umfassend mit verschiedenartigem sinnlichen Material als
Zeichenträger. In ihr sind präsprachliche biologisch-physiologisch fundierte akustische Elemente (z.B. Seufzer) expressiv und kommunikativ mit optischen Elementen (Geste, Mimik und
Körperbewegung) und auch haptischen (Berührungen als Hinweise und Verbundenheitsbeweise) verknüpft. In einem faszinierenden Ineinander, aber auch Gegeneinander der einzelnen Sinne, Organe und
ihrer Betätigung verbinden sich also Handbewegung und Tonhöhenbewegung, Mimik und Berührung, Geste und Klang, lautmalendes Proto-Wort und unwillkürlicher Ausruf usw. zu vielschichtigen
Zeichensystemen.
Die Mimetische Handlung bildet die praktischen Handlungen, allem voran Arbeit als Aneignung der Natur wie soziale Beziehungen, in einer komplexen multisensuellen Einheit nach. Dieses Konzept
entspricht etwa dem, was der Urgeschichtsforscher Steven Mithen (2006) als »holistischen Komplex eines »Hmmmm« bezeichnet: »holistic, manipulative, multi-modal, musical, mimetic«; also
ganzheitlich, wirkungsbezogen, unter Beteiligung mehrerer Sinne, musikalisch, nachahmend. Die ontogenetische Parallele ist das IDS (Infant-Directed Speech), die Art und Weise, wie vor allem
Mütter mit Säuglingen und Kleinkindern sprechen, nämlich ebenfalls mit einem breiten Spektrum zwischen reinen Lauten und Berührungen. )
Vieles vom multimedialen Charakter der Mimetischen Handlung lebt bis heute mit oder ohne Kunstbezug weiter. So fällt es kleinen Kindern schwer, etwas zu singen, ohne sich dazu zu bewegen (wir
können das auch Tanzen nennen), und selbst große Künstlerinnen spielen auf Musikinstrumenten nicht ohne mimische und gestisch-körperliche Bewegung. Beim Lesen bewegen wir oft die Lippen oder
sprechen lautlos mit. Auch selbst wenn es die Kommunikationspartner nicht sehen, gestikulieren wir beim Telefonieren oder malen Männchen, wenn Material dafür zuhanden ist.
Diese Mimetische Handlung hat Vorläufer im Tierreich, etwa Warnrufe oder das »grooming«, die soziale Fellpflege bei den Affen und Menschenaffen, die eben Kommunikation ist und nicht nur aus
»Lausen« oder Haarschuppenentfernung besteht, so wichtig diese unmittelbar praktisch-körperliche Dimension allerdings doch ist. Der entscheidende Unterschied ist die Mimesis: Die Mimetische
Handlung hat insgesamt Zeichencharakter, stellt also, bildhaft oder abstrakt, etwas dar und verweist auf einen Sachverhalt. Die kommunikative Handlung im Tierreich, auch bei den Menschenaffen,
ist Handlung ohne diesen Verweischarakter.
Pole: Natur und Gesellschaft
Erledigt ist durch dieses Konzept der Mimetischen Handlung z.B. der unproduktive Streit darüber, ob die Gesten den (historischen und anthropologischen) Vorrang vor dem Wort, die Musik den
vor der Wortsprache, der Tanz vor dem Drama habe usw. – ein Streit, in dem einigermaßen willkürlich jeweils auch das Gegenteil behauptet werden kann und wird.
Die wichtigsten und elementaren Funktionen der Mimetischen Handlung erwachsen aus den Notwendigkeiten und Bedürfnissen der Vor- und Frühmenschen in ihren einfachen und zugleich schwierigen
Lebensverhältnissen. Sie beziehen sich auf zwei Hauptfelder. Das eine ist das Signal als Verweis auf äußere Natur, und zwar in doppelter Gestalt und Zwecksetzung: negativ als Warnung vor
Raubtieren, positiv als Hinweis auf attraktive Nahrung u. ä., sei es entferntes Aas oder naheliegende Nuß. Das andere Hauptfeld der Mimetischen Handlung ist vorwiegend positiv die Bestätigung und
Vertiefung von freundschaftlichen, kooperativen Sozialkontakten, aber auch generell Gemeinschaftspflege und Pflege des »Betriebsklimas« durch kommunikative Lösung von Konflikten aller Art. Dabei
werden Mimetische Handlungen selbstverständlich auch für aggressive Absichten und Aktionen genutzt. Eine weitere Differenzierung ist die zwischen expressiver Funktion, die Zustände, Stimmungen,
Gefühle der Individuen ausdrückt, und im engeren Sinn kommunikativer Funktion, die sich unmittelbar auf zwischenmenschliche Kontakte bezieht.
Insgesamt also bildet die Auseinandersetzung mit der Natur den einen, die Auseinandersetzung in der und mit der »Gesellschaft«, vorab der eigenen Menschengruppe, den Kernbereich der
Funktionen.
Diese beiden Pole bleiben auch für grundlegende Zwecksetzungen der Kunst bestimmend: imaginär-reale Harmonie mit der Natur und mit der eigenen Gesellschaftlichkeit.
Feuer-Abend, Abendmahl, Fest
Kunst ist außeralltägliche soziale Kommunikation. Und sie ist eine spezielle Art der Produktion; diese ist als Konzentration des Ästhetischen auf Vergegenständlichung von Sinnlichkeit und
Sinn gerichtet.
Kunst geht so zum einen aus vom Ästhetischen als dem sinnlichen Schein und Widerschein der Welt zwischen Natur, Arbeit und Sozialem. Das Ästhetische ist hier nur kurz und pragmatisch zu bestimmen
als Abstraktion, als die sinnliche Erscheinung der Dinge und der von den Dingen abgezogene losgelöste Schein. Im Zentrum steht das Schöne; aber auch Häßliches oder Erhabenes sind eingeschlossen.
Das Ästhetische ist damit, in Anlehnung an wie Abgrenzung von Hegel, zu bestimmen als das »sinnliche Scheinen« – nicht der Idee, sondern der gegenständlichen materiellen Welt, zu der als
besonders attraktives Objekt der Mitmensch gehört.
Kunst geht zum anderen aus eben von der Mimetischen Handlung. Sie bringt das Ästhetische, verstärkt und eigenständig, zur Sprache. Kunst und Künste entfalten, intensivieren und differenzieren
sich im Rahmen der vom alltäglichen Dasein abgegrenzten »Mimetischen Zeremonie«. Wie das Konzept der Mimetischen Handlung die falsche Fokussierung von »Sprache« nur auf Wortsprache vermeidet, so
vermeidet das der Mimetischen Zeremonie den Fehler, von einer späten und als dinghaftes Objekt wie Bilder oder Skulpturen fixierten Erscheinungsform der Kunst auszugehen.
Die Mimetische Zeremonie – ein von Georg Knepler 1977 eher beiläufig in die wissenschaftliche Diskussion eingeführter Begriff – ist »Gesamtkunstwerk« lange vor der Entstehung von Einzelkünsten
oder gar Kunst im neuzeitlichen Sinn, und zwar im praktisch-ästhetischen Zusammenwirken aller einer jeweiligen Gruppe. Die Mimetische Zeremonie umfaßt dabei nicht nur alle potentiellen Künste,
sondern erfaßt zugleich alle Sinnesgebiete über die Fernsinne Hören und Sehen hinaus: Tastsinn (zwischen Körperkunst, Instrumentenspiel, Anfassen bei gemeinsamer musikalisch-tänzerischer
Betätigung und Distanz imaginär überwindendem Beifall), Geruch (zwischen Pheromonen, Rauch und Weihrauch), Geschmack (das Mahl bis hin zum Heiligen Abendmahl) und auch den Schmerzsinn (v.a. bei
Initiationsriten).
Die Mimetische Zeremonie ist strukturell (zeitlich und örtlich) und funktionell umgrenzt, vom Alltag abgehoben. Sie ist nach zeitlicher Lagerung wie Qualität verschieden dimensioniert: kleine und
große Feste, »Feierabend« (der u.a. mit dem Feuer nicht etymologisch, wohl aber sachlich und chronologisch zusammenhängt, da mit der Entdeckung des Feuers der Tag in die Nacht hinein verlängert
werden konnte) und größere Zyklen (Monate bzw. Mondphasen, Sonnenumlauf, Jahreszeiten), Tageslauf und Lebenslauf (etwa mit den rites de passage, den Festen für Zäsuren und Übergänge im
Lebenslauf) u.a.m. bilden hier ein mehrdimensionales Raster.
Die Abgrenzung basiert nicht zuletzt auf bereits im Tierreich angelegten, insoweit fast naturgegebenen Zuständen innerhalb des Lebensablaufs. Auch Tiere tun gelegentlich nichts als Ruhen, Dösen,
im Kindheitsstadium sogar so etwas wie spielen. Der Unterschied der Zustände, zunächst im Rahmen der Menschwerdung eher gering, wird kulturell weitergebildet zur Differenz von Alltag und Fest. Es
ist zugleich die Differenz zwischen der Kategorie »Anderer Zustand« (Traum, Rausch, Ekstase, Trance usw. bis hin zum Pathologischen, Verrückten) und der Kategorie dessen, was sich korrelativ dazu
»Normalzustand« nennen läßt, der Bereich des Alltags, der Produktions- und Lebenspraxis. Das Reich der Notwendigkeit und das Reich der Freiheit stehen sich dabei gegenüber, und zwar so, daß sich
Reproduktion und Kompensation des Realen verschränken. Die Mimetische Zeremonie ist humanisierte, »gebändigte Orgie« (Georg Knepler 1977).
Als mögliche dritte Kategorie hier einzuführen ist die des Ausnahmezustands, wie ihn dann der faschistische Staatsdenker Carl Schmitt zur politischen Zentralkategorie machte: Dieser ist der
falsche Andere Zustand, der Zustand verschärfter Unterdrückung im Rahmen der jeweiligen Gesellschaftsordnung, von Krieg, Hungersnot, Naturkatastrophe. Daß gerade Krieg durchaus
rauschhaft-orgiastisch erfahren werden kann, ist eine historisch seit der Entstehung von in Klassen und Schichten differenzierte Gesellschaften – also nicht »schon immer« – dauerhafte
Menschheitserfahrung.
Versöhnung
Treibendes Motiv und bestimmender Zweck der Mimetischen Zeremonie und damit der Kunst als besonderer Form der Kommunikation ist Versöhnung. Entsprechende Harmonie ist die Übereinstimmung von
Widerstreitendem, sogar Gegensätzlichem, nicht eine bloße Mediation vorweg bereits begradigter Widersprüche.
Es geht dabei zunächst um innersoziale Problem- und Konfliktlösung. Weil es in der alltäglichen Lebenspraxis immer und immer wieder unerledigte Reste – Konflikte zwischen den Menschen, mißglückte
Arbeitshandlungen usw. – gibt, ist eine Auflösung dieser Probleme dringlich. Der Mimetischen Zeremonie funktional vergleichbare Versöhnungsrituale gibt es auch bei Schimpansen und Bonobos. Daß
die Menschen die soziale Fell- und Kontaktpflege verbal oder musikalisch-klanglich ergänzen oder sogar ersetzen und dabei mit mehreren gleichzeitig kommunizieren können, das Soziale also
unmittelbar im Zeichensystem enthalten ist, ist entschieden ein evolutionärer und gesellschaftlicher Vorteil.
Weiter aber und übergreifend geht es um Versöhnung mit der Natur und der Menschen mit sich selbst. Mit der Natur bewußt und absichtlich, weil sich die Menschen selbst als Teil der Natur verstehen
und verstehen müssen – abhängig von ihr, (fast) ohnmächtig zuerst, können sie ihr erst allmählich, nicht zuletzt durch aneignende Arbeit selbstbewußter bis schließlich selbstherrlich
gegenübertreten. Auch dann aber bleiben sie, hegelianisch formuliert, die ihrer selbst bewußt gewordene Natur: In den Menschen tritt diese sich selbst gegenüber. Mit sich selbst, als
gesellschaftlichen Wesen (so wie, den Feuerbach-Thesen zufolge, das Individuum seinerseits »das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« ist), geschieht diese Versöhnung über weite Strecken
wohl hauptsächlich halbbewußt, da eben die Selbsterzeugung von Gattung, Gesellschaft und Geschichte bzw. deren Wahrnehmung geradezu als eine Art blinder Fleck erscheint.
Empirisch ist diese Zweckbestimmung der Mimetischen Zeremonie, Harmonie darzustellen und herzustellen, nicht zuletzt eine Bestimmung besonders der Musik, oft in Verbindung mit Tanz. Denn sie
ermöglicht in gemeinsamer musizierender Betätigung (die sogar als nur imaginierte wirksam ist) zugleich Ich- und Wir-Erfahrung, und kann so Kollektives und Individuelles zu mindestens punktueller
Übereinstimmung bringen. In diesem Sinn wirkt Musik z. B. bei Befriedungszeremonien in Stammeskulturen, in denen genuin noch alle (jeweils dazugehörenden) Menschen Brüder bzw. Schwestern sind und
es dann wieder werden.
Herstellung von Harmonie des Verschiedenen kann auch etwas ganz Handfestes sein. Eine evolutionär nicht unwichtige Funktion hat Kunst im Kontext der sexuellen Selektion, die wohl ergänzend zur
»natürlichen Auslese« evolutionär wirkt. Darwin selber brachte bereits Singen damit in Beziehung. Das kann hier nicht mehr diskutiert werden, verweist jedenfalls auf ein Weiterwirken der
biologischen Evolution auch innerhalb der kulturell-gesellschaftlichen Entwicklung. Gerade in der spätpaläolithischen Kunst spielt Sexuelles eine große und herausgehobene Rolle, ob in Gestalt von
»Venus«-Figuren, von Symbolen oder Tieren, die die Polarität Weiblich-Männlich bedeuten, oder von deutlichen, symbolhaft verknappten Phallus- und Vulva-Darstellungen. Mit der entfalteten Kunst
gelangen wir also zu »Anfängen« und Anfängen der Kunst.
1 Vgl. dazu vor allem Bednarik, Robert G.: Der Kiesel von Makapansgat. Früheste Urkunst der Welt, in: Anthropos 94/1999, S. 199-204
* Einige Tips zum Weiterlesen:
– Burenhult, Göran (Hg.), Menschen der Urzeit. Die Frühgeschichte der Menschheit von den Anfängen bis zur Bronzezeit, Köln 2004
– Eibl-Eibesfeldt, Irenäus / Sütterlin, Christa, Weltsprache Kunst. Zur Natur- und Kunstgeschichte bildlicher Kommunikation, Wien 2007
– Heister, Hanns-Werner, »Ästhetik oder Magie. Systematische Überlegungen zur Vor- und Frühgeschichte der Musik«, in: »Denn in jenen Tönen lebt es«. Wolfgang Marggraf zum 65. Geburtstag, Weimar
1999, S. 1–35
– ders., »Singen, Klingen, Sagen. Zur Komplementarität von Vokalem und Instrumentalem«, in: Kunstwerk und Biographie. Gedenkschrift Harry Goldschmidt, Berlin 2002 (Zwischen/Töne. Neue Folge, Bd.
1), S. 121–155
– ders., »Mimetische Zeremonie – Gesamtkunstwerk und alle Sinne. Aspekte eines Konzepts«, in: Mimetische Zeremonie, Anderer Zustand, Singen und Spielen. Zur Entstehung der Musik, in: EWE (Erwägen
– Wissen – Ethik), Stuttgart 2007, H. 4, Mai 2008, S. 556–559
– Autorenkollektiv, Leitung Herrmann, Joachim / Ullrich, Herbert, Hg.: Menschwerdung. Millionen Jahre Menschheitsentwicklung – natur- und geisteswissenschaftliche Ergebnisse. Eine
Gesamtdarstellung, Berlin 1991
– Husemann, Dirk, Die Neandertaler. Genies der Eiszeit, Frankfurt a. M. und New York 2005
– Knepler, Georg, Geschichte als Weg zum Musikverständnis. Zur Theorie, Methode und Geschichte der Musikgeschichtsschreibung, Leipzig 1977 (2. erw. Aufl. 1982)
– ders., »Die Rolle des Ästhetischen in der Menschwerdung. Überlegungen zu einem vernachlässigten Problem«, in: Weimarer Beiträge 34/1988, S. 365–400
– ders., Macht ohne Herrschaft. Die Realisierung einer Möglichkeit, Berlin 2004
– Kuckenburg, Martin, Als der Mensch zum Schöpfer wurde. An den Wurzeln der Kultur, Stuttgart 2001
– Mania, Dietrich, Auf den Spuren des Urmenschen. Die Funde aus der Steinrinne von Bilzingsleben, Berlin 1990
– Mithen, Steven, The Origins of Language, Mind and Body, London: Phoenix 2006
– Taylor, Timothy, Sexualität der Vorzeit. Zur Evolution von Geschlecht und Kultur, Wien 1997
– Tomberg, Friedrich, »Menschliche Natur in historisch-materialistischer Definition«, in: G.Rückriem/F. Tomberg/ W. Volpert (Hg.), Historischer Materialismus und menschliche Natur, Köln 1978, S.
42–79
- Hanns-Werner Heister ist Professor für Musikwissenschaft in Hamburg