Vernünftige Welt + Zweifel

Donnerstag, 31. dezember 2009 4 31 /12 /2009 12:42
(3) Ein nicht unwesentlicher Teil aller Arbeitstätigkeit ist dem Wesen nach parasität, d. h., die Arbeiten schaffen nicht nur keine neuen Werte (und befriedigen damit allgemeine Bedürfnisse), sondern sie verbrauchen geschaffenes Gesamtvermögen. Solcherart Tätigkeiten können beispielsweise sein:
- Steuerberatung (erbringt als "Ergebnis" eine veränderte Aufteilung eines unveränderten Produktionsergebnisses zwischen gesellschaftlicher Nutzungsmöglichkeit = Steuer und Privatnutzung = Nettoprofit)
- Rüstung (vermindert unmittelbar den Umfang der friedlichen Gesamtmittel zur Bedürfnisbefriedigung bei Nichtnutzung, zerstört Mittel zur Bedürfnisbefriedigung bei Einsatz)

(4) Ein nicht unwesentlicher Teil aller Arbeitstätigkeit erhält seine "Nützlichkeit" ausschließlich aus der Warenform der Bedürfnisbefriedigung. Solche Tätigkeiten sind im Wesentlichen alle, die direkt und indirekt mit "Finanzen" zu tun haben (also nicht nur, aber zuerst das Bank- und Versicherungswesen) und Tätigkeiten die das Eigentumsrecht pflegen und schützen (Zoll, ...)

(5) Die Tätigkeiten nach (3) und (4) können in einer gesellschaftlich organisierten Gemeinschaft allmählich vollständig wegfallen.

(6) Der Umfang der Arbeitszeit wird durch zwischenmenschliche Kommunikation i.S. von (3) zu einem gewissen Teil aufgefangen ...
- veröffentlicht in: Vernünftige Welt + Zweifel - Community: Linke Literatur & Toleranz
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Mittwoch, 30. dezember 2009 3 30 /12 /2009 08:36
Die Kunst der Ur-Menschen unterschied sich also besonders dadurch von heutiger, dass sie eine gemeinschaftlichere war. Natürlich auch dadurch, dass niemand sie Kunst genannt hätte. Aber wichtiger für unsere Zukunft - sofern wir eine haben sollten - ist, dass kaum ein Mensch sich aus der "Produktion" solcher Kunst ausgeschlossen hätte. Sicher mag auch ein Sänger aufgetreten sein, aber überwiegend wurde gemeinsam gesungen - weil es auch ein Ausdruck gemeinsamer Freude war.

Um in eine wirklich nachkapitalistische Gesellschaft zu kommen, wird es verschiedene Zwischenstufen geben (müssen). Die wichtigste technische wird eine besondere Form der Konversion sein. Eine weltweite Ablösung der Rüstungsproduktion durch die Fertigung von Robotern, auf welchem Niveau die zu dem jeweiligen Zeitpunkt auch immer stehen mögen. Die vorige Beobachtung zeigt uns nämlich, dass das, was technisch möglich wäre, aus mehreren Gründen eine menschliche Katastrophe heraufbeschwören könnte:

1. Wer heute arbeiten geht, tut dies nicht eines Arbeitsergebnisses wegen, sondern weil er seinen "Job" als Vermittlung für "Geld", also für ihn den Umfang der Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum, ansieht. Dort, wo noch ein unmittelbares Ergebnis sichtbar ist, nämlich in den meisten Dienstleistungen (ich greife einfach den Pflegedienst heraus), überlagert eine relativ niedrige Anerkennung dieser Art gemischt mit besonderer Hetze die Möglichkeit, solche besonders (!) nützlichen Tätigkeiten als solche zu empfinden (manchmal sogar, sie als solche zu erkennen). Unter diesem Vorzeichen ergibt sich eine perverse Logik: Zwar wird "Arbeit" als Last empfunden, andererseits aber erscheint die Möglichkeit, weniger arbeiten zu müssen, als Bedrohung des eigenen materiellen Lebensniveaus. Man will sozusagen weniger arbeiten, obwohl man nicht weniger arbeiten will oder umgekehrt.

2. Gerade die Arbeitshetze nimmt bisher den Arbeitstätigkeiten ihren kommunikativen, zwischenmenschlichen Charakter oder jenen Teil innerhalb der "Arbeit".  Es wäre sozusagen ur-menschlich, sich neben / bei der Arbeitstätigkeit mit sympatischen Kollegen über Sorgen mit den Kindern oder den neuesten Kinofilm usw. auszutauschen. (Innerhalb marktwirtschaftlicher Konkurrenz ist dies natürlich kontraproduktiv - andererseits ein heute unverständlicher Fortschritt der DDR).

...
- veröffentlicht in: Vernünftige Welt + Zweifel - Community: Linke Literatur & Toleranz
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Dienstag, 29. dezember 2009 2 29 /12 /2009 18:55
Vergleichen wir: Heute gibt es prinzipiell keine Schranken, die einen Ausgleich von saisonalen Problemen verhinderten. Unabhängig davon, sich Weihnachtliches im Mai anzuschaffen, ist dies - im Gegensatz zur "Urgesellschaft" möglich. Prinzipiell ist es möglich, fast jedes Produkt auf Vorrat zu produzieren und es bis zum tatsächlichen Nutzungszeitpunkt zu speichern. In welchen Mengen dies sinnvoll ist, kann berechnet werden.
Es geht hier erst einmal um die rein technische Möglichkeit. Die ist zu trennen von kleinen wirtschaftlichen Systemen. Für einen Autobauer wäre es eine Katastrophe, müsste er 5000 PKW einer Marke auf Lager nehmen. Er kann das wirtschaftlich nicht vertreten (auch wenn er es TECHNISCH könnte).
Weiter!
Das "Lebensniveau" des Urmenschen war in höchstem Grade primitiv. Die technischen Möglichkeiten haben sich aber vervielfacht.  Die Zahl der Menschen, die notwendig sind, um eine feste Zahl anderer umfassend mit abwechslungsreicherer Nahrung zu versorgen, ist über Jahrhunderte kontinuierlich gesungen - und könnte permanent weiter sinken, wenn es NUR um den technischen Aspekt ginge. Anders ausgedrückt: Ein "Bauer" im weitesten Sinne versorgt immer mehr Menschen.
Auch wenn sich das seltsam anhört: Mit dem BEGINNENDEN "Computerzeitalter" kann die letzte Schranke zwischen dem Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben zum zwangfreien Leben aufgehoben werden: Der Anteil von unmittelbaren Verwaltungsaufgaben eine "Weltwirtschaft" wird allmählich aufhören zu wachsen und danndurch Technik fast vollständig übernommen werden (können). Die technische POTENZ ist bereits vorhanden. Sie müsste durch eine fast vollständige Erfassung von Ressourcen enden. Dem stehen eigentumsrechliche Fragen im Wege - abgeschlossen werden kann die Entwicklung des "Informationszeitalters" erst mit der Aufhebung der "Warenwirtschaft" als Ganzes.

Ich habe einen Komiker erlebt, der tatsächlich die radikale Absenkung der Arbeitszeit, sofern sie vorsichtig im Programm der "Linken" auftaucht (so radikal ist eine 30-Stunden-Woche gar nicht), noch als weltfremden Witz kennzeichnen konnte. Die Leute haben zustimmend gelacht. Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass wir das technische Niveau besitzen, uns dem urgesellschaftlichen Vier-Stunden-Arbeitstag wieder anzunähern. (Wobei sich die meisten kaum mehr vorstellen können, was sie mit der Zeit sinnvoll anfangen sollten ... außer auf geistlos-SATT1 Gerichtsshows zu gaffen. Sie müssten es erst wieder lernen, mit einer "Sippe" "Umgang zu pflegen" ...
- veröffentlicht in: Vernünftige Welt + Zweifel - Community: Mehr menschlichkeit
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Dienstag, 29. dezember 2009 2 29 /12 /2009 07:57
Nein. Eigentlich ist es ja ein Musikwissenschaftler und er spricht über die Vergangenheit. Aber wenn der erste Teil seiner Ausführungen mit "Wege zum Weltverständnis" überschrieben ist, dann beansprucht er Faustische Dimensionen: "Was die Welt im Innersten zusammenhält" - Er klammert dabei nur alle unbelebte bzw. ihre Umwelt nicht ansatzweise reflexierende Natur aus.
Aus seinem speziellen Blickwinkel heraus erweitert er den Marxschen (bzw. Engelsschen !) Horizont. Die Rolle der ARBEIT tritt hinter der Kunst zurück. Dabei fasst er den Kunstlegriff weit. Er bindet ihn nicht an spezialisierte "Künstler", sondern schreibt allen sich entwickelnden Vernunftwesen künstlerische Weltreflexionen zu - und zwar in vermischten Formen.  Gesang, Tanz, rhythmische Berührung als entwicklungsgeschichtlich vor graphischen Widergabeformen und symbolischer Reflexion im heutigen Sinn von "Sprache".
Dies hebt das Vernunftwesen aus dem Tierreich: die Mischung von aktiver Tätigkeit, damit verbundener Erkenntnis und Ästhetischem. Etwas bewusst zu machen, weil es "schön" ist (wobei dies eine Definition des Gegenteils einschließt).
Innerhalb seine Betrachtung mindestens von gleicher Bedeutung ist der Verweis auf den Zeitanteil, den Tätigkeiten zur Selbstreproduktion in der frühen Urgesellschaft ausmachten. Dies wirft Marxens Überlegung, dass die Fähigkeit zur dauerhaften Schaffung von Mehrprodukt die Grundlage für die Entstehung von Klassengesellschaften gewesen wäre, in die Mottenkiste (einschließlich des Gedankens, dass die fortschreitende Arbeitsteilung diese Fähigkeit erst geschaffen habe).  Wer nur vier Stunden mit Nahrungsbeschaffung beschäftigt war, hätte also sechs Stunden zusätzlich "arbeiten" können, hatte also bereits in diesem Frühstadium seine Entwicklung jene besondere Potenz menschlicher Arbeitskraft, mehr schaffen zu können, als für die eigene Reproduktion erforderlich gewesen wäre.
Wir kommen erst zu Marx zurück, wenn wir einen Schritt weiter denken: In diesem frühen Menschheitsstadium war die Potenz noch nicht vorhanden, ein solches Mehrprodukt zu verdinglichen - wegen der unterentwickelten Arbeitsteilung. Hätten die Sippen doppelt soviel gejagt, wäre der Rest schlicht vergammelt. Erst lebendiges (domestiziertes) Vieh und individualisiertes Werkzeug bedeutete eine höhere Etappe.
Außerdem hat diese Ablösung von Marx / Engels einen anderen Mangel: Die gemeinschaftliche "Reproduktion" kann eben nicht aufs Jahr verdurchschnittlicht werden. Entscheidend waren die jeweils ungünstigsten Umweltbedingungen, also Winter, Trockenzeit, Regenzeit o.ä.. Auch da hieß es überleben - selbstwenn in einem nicht unwesentlichen Teil des Jahres die Hauptbeschäftigungen in (auch, aber nicht nur sexueller) Kommunikation, Kultur und Vergnügen bestanden.
Für uns ist die Vorklassengeschichte so wichtig, weil sie Schlüsse zulassen müsste über wesentliche Elemente von Nachklassengesellschaften, für die es ja noch kein modernes Vorbild gibt.
- veröffentlicht in: Vernünftige Welt + Zweifel - Community: Linke Literatur & Toleranz
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Montag, 28. dezember 2009 1 28 /12 /2009 07:00
Der zweite Teil des jW-Artikels ist spezifischer, weil enger auf "Kunst und Ästhetik" bezogen. Allerdings bleibt er vom theoretischen Ansatz ebenfalls von grundlegender Bedeutung: Während Sozialdarwinisten das Tierische im Menschen als den ewigen Kampf der Fittesten gegen den Rest ums Überleben zu verabsolutieren suchen, bietet schon die gewählte Überschrift das Gegenmodell, dem in vorderster Linie die Kunst folgt: Hauptzweck Harmonie sagt eigentlich, dass Kunst das besondere Wesen des Menschlichen bestimmt und das wieder Ausdruck des symbiotischen Aufbaus der Natur auf höherer, und zwar bewusster Ebene ist.

Hauptzweck Harmonie

Natur- und Gesellschaftswissenschaft. Evolution des Menschen und Entstehung der Kunst. Teil II (und Schluß): Mimetische Handlung, Ästhetisches, Soziales

Von Hanns-Werner Heister
 

* Vor 150 Jahren erschien Darwins epochemachendes Werk »Die Entstehung der Arten«

Funde für die Anfänge der Kunst gibt es nicht gerade reichlich. Dafür ist einer besonders früh und besonders bemerkenswert. Von Magie und Religion, aus denen nach Ansicht vieler Ideologen Kunst entstanden ist, kann und braucht hier gar keine Rede zu sein. Es genügt der Sinn für Ästhetisches. Hier tritt es auf als Naturschönes. Neben anderen Hinterlassenschaften des Australopithecus fand sich der Kiesel von Makapansgat in Südafrika, datiert auf etwa drei Millionen vor unserer Zeitrechnung. Er sieht aus wie ein Menschengesicht bzw. ein Vormenschengesicht. Das ist ein Zufall, ein Spiel der Natur. Aber der Mensch, der diesen Kiesel sah, sah etwas von sich darin, hatte also ansatzweise Selbst-Bewußtheit, hob ihn auf und bewahrte ihn als etwas Kostbares, Bedeutsames und Schönes. Der Kiesel wurde bereits 1925 gefunden, zunächst aber wenig beachtet. Erst seit den 1990er Jahren geriet er in die Diskussion um die Anfänge eines ästhetischen Bewußtseins und damit der Kunst.1 Die Sache ist insofern brisant, als dieser Fund einer sehr frühen Evolutionsstufe – schon des Menschen oder noch des Vormenschen – zugehört. Diesem werden oft menschliche Züge im engeren Sinn abgesprochen. Bei dem Kiesel handelt es sich um kein Artefakt, also etwas bereits Menschengemachtes und von Menschen Erfundenes, sondern um ein Manuport, etwas von Menschen in der Natur Vorgefundenes und im Wortsinn »Aufgegriffenes« und Mitgenommenes. Für eine Interpretation im Sinne eines ästhetischen Bewußtseins sprechen u.a. die auffällige dunkelrote Farbe (die anthropologisch-psychologisch stets und bis heute eine große Rolle spielt) und natürlich hauptsächlich die Gesichtsform des Kiesels. Noch ist es eine Projektion: ein Hineinsehen von Gestalten, Ästhetisches, kein Herausarbeiten, also im engeren Sinn Kunst.

Menschliche Trinität und Kunst

Kunst verselbständigt, konzentriert, organisiert und objektiviert das in Arbeit, Denken, Sprache latente Ästhetische. Auch das Naturschöne ist, als Verhältnis, dadurch vermittelt. Schon die Produktion der Gegenstände selber richtet sich nach ästhetischen Maßstäben, zielt auf Schönheit etwa in der Dialektik von Symmetrie und gezielter Abweichung. Der Faustkeil als ein Universalwerkzeug über Jahrhunderttausende ist zwar vorrangig Arbeitsinstrument. Er ist aber auch mindestens tendenziell Proto-Plastik, insofern er nach Prinzipien auch der Schönheit hergestellt und schon früh sogar sozusagen geschmückt wird. In der Periode nach 500000 finden sich Faustkeile mit Versteinerungen oder Einschlüssen. Diese sind im Naturmaterial vorgefundenes Schönes. Der Sinn dafür bildet sich aber im Wechselspiel des Systems von Arbeit, Denken, Sprache. Dieses realisiert sich in Produktion und Kommunika­tion. Produktion ist primär (materielle) Aneignung und Umformung der Natur. Kommunikation ist primär Betätigung und Bestätigung der Gesellschaftlichkeit, der individuellen wie kollektiven.

Kunst hat selber Aspekte von Arbeit und Produktion, da sie Herstellen und Tun ist. Zentral jedoch ist ihre Bestimmtheit als Kommunikation, als Medium sozialer (Selbst-)Verständigung. Insofern ist Kunst »Sprache«. Sprache ist dabei mehr als nur Wortsprache, mit der sie allzuoft gleichgesetzt wird.

»Mit Händen und Füßen reden«

Das historisch erste und zugleich zeitübergreifend grundlegende Zeichen- bzw. Sprachsystem ist die Mimetische Handlung. Auch nach der Ausdifferenzierung der Sprachen, allen voran die Wortsprache, wirkt sie in der Kommunikation mit: Nicht nur die Vor- und Urmenschen, sondern auch die modernen Menschen gestikulieren in der Regel, wenn sie geordnete Sprachlaute von sich geben. Die Annahme dieses komplexen, multimedialen Kommunikationssystems löst das Problem, daß man meist den Australopithecinen keine Sprache zuschreiben möchte, wohl aber ihnen als werdenden Menschen irgendeine Kommunikation zugestehen muß.

Die Mimetische Handlung arbeitet, wie dann differenziert, erweitert und intensiviert die Mimetische Zeremonie und die Kunst, umfassend mit verschiedenartigem sinnlichen Material als Zeichenträger. In ihr sind präsprachliche biologisch-physiologisch fundierte akustische Elemente (z.B. Seufzer) expressiv und kommunikativ mit optischen Elementen (Geste, Mimik und Körperbewegung) und auch haptischen (Berührungen als Hinweise und Verbundenheitsbeweise) verknüpft. In einem faszinierenden Ineinander, aber auch Gegeneinander der einzelnen Sinne, Organe und ihrer Betätigung verbinden sich also Handbewegung und Tonhöhenbewegung, Mimik und Berührung, Geste und Klang, lautmalendes Proto-Wort und unwillkürlicher Ausruf usw. zu vielschichtigen Zeichensystemen.

Die Mimetische Handlung bildet die praktischen Handlungen, allem voran Arbeit als Aneignung der Natur wie soziale Beziehungen, in einer komplexen multisensuellen Einheit nach. Dieses Konzept entspricht etwa dem, was der Urgeschichtsforscher Steven Mithen (2006) als »holistischen Komplex eines »Hmmmm« bezeichnet: »holistic, manipulative, multi-modal, musical, mimetic«; also ganzheitlich, wirkungsbezogen, unter Beteiligung mehrerer Sinne, musikalisch, nachahmend. Die ontogenetische Parallele ist das IDS (Infant-Directed Speech), die Art und Weise, wie vor allem Mütter mit Säuglingen und Kleinkindern sprechen, nämlich ebenfalls mit einem breiten Spektrum zwischen reinen Lauten und Berührungen. )

Vieles vom multimedialen Charakter der Mimetischen Handlung lebt bis heute mit oder ohne Kunstbezug weiter. So fällt es kleinen Kindern schwer, etwas zu singen, ohne sich dazu zu bewegen (wir können das auch Tanzen nennen), und selbst große Künstlerinnen spielen auf Musikinstrumenten nicht ohne mimische und gestisch-körperliche Bewegung. Beim Lesen bewegen wir oft die Lippen oder sprechen lautlos mit. Auch selbst wenn es die Kommunikationspartner nicht sehen, gestikulieren wir beim Telefonieren oder malen Männchen, wenn Material dafür zuhanden ist.

Diese Mimetische Handlung hat Vorläufer im Tierreich, etwa Warnrufe oder das »grooming«, die soziale Fellpflege bei den Affen und Menschenaffen, die eben Kommunikation ist und nicht nur aus »Lausen« oder Haarschuppenentfernung besteht, so wichtig diese unmittelbar praktisch-körperliche Dimension allerdings doch ist. Der entscheidende Unterschied ist die Mimesis: Die Mimetische Handlung hat insgesamt Zeichencharakter, stellt also, bildhaft oder abstrakt, etwas dar und verweist auf einen Sachverhalt. Die kommunikative Handlung im Tierreich, auch bei den Menschenaffen, ist Handlung ohne diesen Verweischarakter.

Pole: Natur und Gesellschaft

Erledigt ist durch dieses Konzept der Mimetischen Handlung z.B. der unproduktive Streit darüber, ob die Gesten den (historischen und anthropologischen) Vorrang vor dem Wort, die Musik den vor der Wortsprache, der Tanz vor dem Drama habe usw. – ein Streit, in dem einigermaßen willkürlich jeweils auch das Gegenteil behauptet werden kann und wird.

Die wichtigsten und elementaren Funktionen der Mimetischen Handlung erwachsen aus den Notwendigkeiten und Bedürfnissen der Vor- und Frühmenschen in ihren einfachen und zugleich schwierigen Lebensverhältnissen. Sie beziehen sich auf zwei Hauptfelder. Das eine ist das Signal als Verweis auf äußere Natur, und zwar in doppelter Gestalt und Zwecksetzung: negativ als Warnung vor Raubtieren, positiv als Hinweis auf attraktive Nahrung u. ä., sei es entferntes Aas oder naheliegende Nuß. Das andere Hauptfeld der Mimetischen Handlung ist vorwiegend positiv die Bestätigung und Vertiefung von freundschaftlichen, kooperativen Sozialkontakten, aber auch generell Gemeinschaftspflege und Pflege des »Betriebsklimas« durch kommunikative Lösung von Konflikten aller Art. Dabei werden Mimetische Handlungen selbstverständlich auch für aggressive Absichten und Aktionen genutzt. Eine weitere Differenzierung ist die zwischen expressiver Funktion, die Zustände, Stimmungen, Gefühle der Individuen ausdrückt, und im engeren Sinn kommunikativer Funktion, die sich unmittelbar auf zwischenmenschliche Kontakte bezieht.

Insgesamt also bildet die Auseinandersetzung mit der Natur den einen, die Auseinandersetzung in der und mit der »Gesellschaft«, vorab der eigenen Menschengruppe, den Kernbereich der Funktionen.

Diese beiden Pole bleiben auch für grundlegende Zwecksetzungen der Kunst bestimmend: imaginär-reale Harmonie mit der Natur und mit der eigenen Gesellschaftlichkeit.

Feuer-Abend, Abendmahl, Fest

Kunst ist außeralltägliche soziale Kommunika­tion. Und sie ist eine spezielle Art der Produk­tion; diese ist als Konzentration des Ästhetischen auf Vergegenständlichung von Sinnlichkeit und Sinn gerichtet.

Kunst geht so zum einen aus vom Ästhetischen als dem sinnlichen Schein und Widerschein der Welt zwischen Natur, Arbeit und Sozialem. Das Ästhetische ist hier nur kurz und pragmatisch zu bestimmen als Abstraktion, als die sinnliche Erscheinung der Dinge und der von den Dingen abgezogene losgelöste Schein. Im Zentrum steht das Schöne; aber auch Häßliches oder Erhabenes sind eingeschlossen. Das Ästhetische ist damit, in Anlehnung an wie Abgrenzung von Hegel, zu bestimmen als das »sinnliche Scheinen« – nicht der Idee, sondern der gegenständlichen materiellen Welt, zu der als besonders attraktives Objekt der Mitmensch gehört.

Kunst geht zum anderen aus eben von der Mimetischen Handlung. Sie bringt das Ästhetische, verstärkt und eigenständig, zur Sprache. Kunst und Künste entfalten, intensivieren und differenzieren sich im Rahmen der vom alltäglichen Dasein abgegrenzten »Mimetischen Zeremonie«. Wie das Konzept der Mimetischen Handlung die falsche Fokussierung von »Sprache« nur auf Wortsprache vermeidet, so vermeidet das der Mimetischen Zeremonie den Fehler, von einer späten und als dinghaftes Objekt wie Bilder oder Skulpturen fixierten Erscheinungsform der Kunst auszugehen.

Die Mimetische Zeremonie – ein von Georg Knepler 1977 eher beiläufig in die wissenschaftliche Diskussion eingeführter Begriff – ist »Gesamtkunstwerk« lange vor der Entstehung von Einzelkünsten oder gar Kunst im neuzeitlichen Sinn, und zwar im praktisch-ästhetischen Zusammenwirken aller einer jeweiligen Gruppe. Die Mimetische Zeremonie umfaßt dabei nicht nur alle potentiellen Künste, sondern erfaßt zugleich alle Sinnesgebiete über die Fernsinne Hören und Sehen hinaus: Tastsinn (zwischen Körperkunst, Instrumentenspiel, Anfassen bei gemeinsamer musikalisch-tänzerischer Betätigung und Distanz imaginär überwindendem Beifall), Geruch (zwischen Pheromonen, Rauch und Weihrauch), Geschmack (das Mahl bis hin zum Heiligen Abendmahl) und auch den Schmerzsinn (v.a. bei Initiationsriten).

Die Mimetische Zeremonie ist strukturell (zeitlich und örtlich) und funktionell umgrenzt, vom Alltag abgehoben. Sie ist nach zeitlicher Lagerung wie Qualität verschieden dimensioniert: kleine und große Feste, »Feierabend« (der u.a. mit dem Feuer nicht etymologisch, wohl aber sachlich und chronologisch zusammenhängt, da mit der Entdeckung des Feuers der Tag in die Nacht hinein verlängert werden konnte) und größere Zyklen (Monate bzw. Mondphasen, Sonnen­umlauf, Jahreszeiten), Tageslauf und Lebenslauf (etwa mit den rites de passage, den Festen für Zäsuren und Übergänge im Lebenslauf) u.a.m. bilden hier ein mehrdimensionales Raster.

Die Abgrenzung basiert nicht zuletzt auf bereits im Tierreich angelegten, insoweit fast naturgegebenen Zuständen innerhalb des Lebensablaufs. Auch Tiere tun gelegentlich nichts als Ruhen, Dösen, im Kindheitsstadium sogar so etwas wie spielen. Der Unterschied der Zustände, zunächst im Rahmen der Menschwerdung eher gering, wird kulturell weitergebildet zur Differenz von Alltag und Fest. Es ist zugleich die Differenz zwischen der Kategorie »Anderer Zustand« (Traum, Rausch, Ekstase, Trance usw. bis hin zum Pathologischen, Verrückten) und der Kategorie dessen, was sich korrelativ dazu »Normalzustand« nennen läßt, der Bereich des Alltags, der Produktions- und Lebenspraxis. Das Reich der Notwendigkeit und das Reich der Freiheit stehen sich dabei gegenüber, und zwar so, daß sich Reproduktion und Kompensation des Realen verschränken. Die Mimetische Zeremonie ist humanisierte, »gebändigte Orgie« (Georg Knepler 1977).

Als mögliche dritte Kategorie hier einzuführen ist die des Ausnahmezustands, wie ihn dann der faschistische Staatsdenker Carl Schmitt zur politischen Zentralkategorie machte: Dieser ist der falsche Andere Zustand, der Zustand verschärfter Unterdrückung im Rahmen der jeweiligen Gesellschaftsordnung, von Krieg, Hungersnot, Naturkatastrophe. Daß gerade Krieg durchaus rauschhaft-orgiastisch erfahren werden kann, ist eine historisch seit der Entstehung von in Klassen und Schichten differenzierte Gesellschaften – also nicht »schon immer« – dauerhafte Menschheitserfahrung.

Versöhnung

Treibendes Motiv und bestimmender Zweck der Mimetischen Zeremonie und damit der Kunst als besonderer Form der Kommunikation ist Versöhnung. Entsprechende Harmonie ist die Übereinstimmung von Widerstreitendem, sogar Gegensätzlichem, nicht eine bloße Mediation vorweg bereits begradigter Widersprüche.

Es geht dabei zunächst um innersoziale Problem- und Konfliktlösung. Weil es in der alltäglichen Lebenspraxis immer und immer wieder unerledigte Reste – Konflikte zwischen den Menschen, mißglückte Arbeitshandlungen usw. – gibt, ist eine Auflösung dieser Probleme dringlich. Der Mimetischen Zeremonie funktional vergleichbare Versöhnungsrituale gibt es auch bei Schimpansen und Bonobos. Daß die Menschen die soziale Fell- und Kontaktpflege verbal oder musikalisch-klanglich ergänzen oder sogar ersetzen und dabei mit mehreren gleichzeitig kommunizieren können, das Soziale also unmittelbar im Zeichensystem enthalten ist, ist entschieden ein evolutionärer und gesellschaftlicher Vorteil.

Weiter aber und übergreifend geht es um Versöhnung mit der Natur und der Menschen mit sich selbst. Mit der Natur bewußt und absichtlich, weil sich die Menschen selbst als Teil der Natur verstehen und verstehen müssen – abhängig von ihr, (fast) ohnmächtig zuerst, können sie ihr erst allmählich, nicht zuletzt durch aneignende Arbeit selbstbewußter bis schließlich selbstherrlich gegenübertreten. Auch dann aber bleiben sie, hegelianisch formuliert, die ihrer selbst bewußt gewordene Natur: In den Menschen tritt diese sich selbst gegenüber. Mit sich selbst, als gesellschaftlichen Wesen (so wie, den Feuerbach-Thesen zufolge, das Individuum seinerseits »das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« ist), geschieht diese Versöhnung über weite Strecken wohl hauptsächlich halbbewußt, da eben die Selbsterzeugung von Gattung, Gesellschaft und Geschichte bzw. deren Wahrnehmung geradezu als eine Art blinder Fleck erscheint.

Empirisch ist diese Zweckbestimmung der Mimetischen Zeremonie, Harmonie darzustellen und herzustellen, nicht zuletzt eine Bestimmung besonders der Musik, oft in Verbindung mit Tanz. Denn sie ermöglicht in gemeinsamer musizierender Betätigung (die sogar als nur imaginierte wirksam ist) zugleich Ich- und Wir-Erfahrung, und kann so Kollektives und Individuelles zu mindestens punktueller Übereinstimmung bringen. In diesem Sinn wirkt Musik z. B. bei Befriedungszeremonien in Stammeskulturen, in denen genuin noch alle (jeweils dazugehörenden) Menschen Brüder bzw. Schwestern sind und es dann wieder werden.

Herstellung von Harmonie des Verschiedenen kann auch etwas ganz Handfestes sein. Eine evolutionär nicht unwichtige Funktion hat Kunst im Kontext der sexuellen Selektion, die wohl ergänzend zur »natürlichen Auslese« evolutionär wirkt. Darwin selber brachte bereits Singen damit in Beziehung. Das kann hier nicht mehr diskutiert werden, verweist jedenfalls auf ein Weiterwirken der biologischen Evolution auch innerhalb der kulturell-gesellschaftlichen Entwicklung. Gerade in der spätpaläolithischen Kunst spielt Sexuelles eine große und herausgehobene Rolle, ob in Gestalt von »Venus«-Figuren, von Symbolen oder Tieren, die die Polarität Weiblich-Männlich bedeuten, oder von deutlichen, symbolhaft verknappten Phallus- und Vulva-Darstellungen. Mit der entfalteten Kunst gelangen wir also zu »Anfängen« und Anfängen der Kunst.

1 Vgl. dazu vor allem Bednarik, Robert G.: Der Kiesel von Makapansgat. Früheste Urkunst der Welt, in: Anthropos 94/1999, S. 199-204

* Einige Tips zum Weiterlesen:

– Burenhult, Göran (Hg.), Menschen der Urzeit. Die Frühgeschichte der Menschheit von den Anfängen bis zur Bronzezeit, Köln 2004

– Eibl-Eibesfeldt, Irenäus / Sütterlin, Christa, Weltsprache Kunst. Zur Natur- und Kunstgeschichte bildlicher Kommunikation, Wien 2007

– Heister, Hanns-Werner, »Ästhetik oder Magie. Systematische Überlegungen zur Vor- und Frühgeschichte der Musik«, in: »Denn in jenen Tönen lebt es«. Wolfgang Marggraf zum 65. Geburtstag, Weimar 1999, S. 1–35

– ders., »Singen, Klingen, Sagen. Zur Komplementarität von Vokalem und Instrumentalem«, in: Kunstwerk und Biographie. Gedenkschrift Harry Goldschmidt, Berlin 2002 (Zwischen/Töne. Neue Folge, Bd. 1), S. 121–155

– ders., »Mimetische Zeremonie – Gesamtkunstwerk und alle Sinne. Aspekte eines Konzepts«, in: Mimetische Zeremonie, Anderer Zustand, Singen und Spielen. Zur Entstehung der Musik, in: EWE (Erwägen – Wissen – Ethik), Stuttgart 2007, H. 4, Mai 2008, S. 556–559

– Autorenkollektiv, Leitung Herrmann, Joachim / Ullrich, Herbert, Hg.: Menschwerdung. Millionen Jahre Menschheitsentwicklung – natur- und geisteswissenschaftliche Ergebnisse. Eine Gesamtdarstellung, Berlin 1991

– Husemann, Dirk, Die Neandertaler. Genies der Eiszeit, Frankfurt a. M. und New York 2005

– Knepler, Georg, Geschichte als Weg zum Musikverständnis. Zur Theorie, Methode und Geschichte der Musikgeschichtsschreibung, Leipzig 1977 (2. erw. Aufl. 1982)

– ders., »Die Rolle des Ästhetischen in der Menschwerdung. Überlegungen zu einem vernachlässigten Problem«, in: Weimarer Beiträge 34/1988, S. 365–400

– ders., Macht ohne Herrschaft. Die Realisierung einer Möglichkeit, Berlin 2004

– Kuckenburg, Martin, Als der Mensch zum Schöpfer wurde. An den Wurzeln der Kultur, Stuttgart 2001

– Mania, Dietrich, Auf den Spuren des Urmenschen. Die Funde aus der Steinrinne von Bilzingsleben, Berlin 1990

– Mithen, Steven, The Origins of Language, Mind and Body, London: Phoenix 2006

– Taylor, Timothy, Sexualität der Vorzeit. Zur Evolution von Geschlecht und Kultur, Wien 1997

– Tomberg, Friedrich, »Menschliche Natur in historisch-materialistischer Definition«, in: G.Rückriem/F. Tomberg/ W. Volpert (Hg.), Historischer Materialismus und menschliche Natur, Köln 1978, S. 42–79



  • Hanns-Werner Heister ist Professor für Musikwissenschaft in Hamburg
- veröffentlicht in: Vernünftige Welt + Zweifel - Community: Linke Literatur & Toleranz
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Sonntag, 27. dezember 2009 7 27 /12 /2009 10:47

Funde und Befunde

»Kunst« als Allgemeinbegriff ist der Sammel- und Inbegriff aller Künste. Er umfaßt das, was allen gemeinsam ist. Ihre Unterschiede gehen 1. von ihrem jeweiligen sinnlich-gegenständlichen Material aus, 2. den menschlichen Sinnen, auf die sie sich beziehen und 3. den Organen sowie »Organprojektionen« (z. B. Musikinstrumente, Masken, Verkleidung, Pinsel usw.), mit denen sie produziert werden.

Es ist klar, daß ein Gutteil der Anfänge der Kunst nur indirekt zu rekonstruieren ist. Für Arbeit, Ernährung und andere Bestandteile der materiellen Kultur gibt es immerhin – mehr oder minder – handfeste Belege in Gestalt von Arbeitsinstrumenten wie z. B. den Chopper, den an einer Seite und roh behauenen Stein, dann den symmetrisch mehrseitig zugehauenen und im Lauf der Jahrzehntausende verfeinerten Faustkeil, Nahrungsabfälle (Pollen, Knochen, Muschelschalen) usw. Dennoch, auch Bildende Kunst ist in ausgeformter, gegenständlicher Gestalt eben erst spät überliefert, und ihre Anfänge müssen aus Spuren wie z.B. Rötel im Umkreis von Aufenthaltsorten und später Gräbern oder aus Ritzungen auf Geräten erschlossen werden. Grundsätzlich ist also auch die Vorstellungskraft angesprochen.

Gerade die drei zentralen Zeichen- und Sprachsysteme, die Wortsprache, die Klang- und die Gestensprache sind aber ebenso wie die Berührungssprache nur indirekt nachweisbar. Von ihnen geht dann das aus, was wir die drei plus eins »Grund«- oder Urkünste nennen könnten, nämlich Dicht-, Ton- und Körper- bzw. Tanzkunst sowie Bildende Kunst; diese ist von der unmittelbar körperlichen Betätigung durch Vergegenständlichung bereits losgelöst und hat insofern einen etwas anderen Status. Körperbemalung sowie schon auf Dauer hin orientierte Tätowierung, Schmucknarben und ähnliches wären Übergangsformen, die als solche archäologisch nicht nachweisbar sind. Auch Pantomime oder Tanz hinterlassen kaum archäologische Spuren, sind aber logisch-anthropologisch erschließbar.

Wenn bei archäologischen Ausgrabungen Musikinstrumente gefunden werden (so aus der Zeit nach 37000), gibt es logischerweise auch Musik. Daß aber keine Stimmen unter den Fundstücken sind, heißt umgekehrt nicht, daß nicht gesprochen oder gesungen wurde. Das klingt läppisch, aber auf diesem Nicht-Reflexionsniveau bewegen sich manche Ausführungen über die Anfänge »der« Sprache und der Kunst.

Erst relativ spät tauchen explizite, eigens zum Spielen gemachte Musikinstrumente auf, durchbohrte Gelenkknochen (Phalangen) mit oft unsicherer Herkunft (Tierverbiß oder Menschenwerk) und Datierung schon vor 40000 oder Divje babe I in Slowenien sogar 45000, gesicherte Flöten aus Geißenklösterle seit etwa 37000. Mit bis zu drei und sogar vier Löchern lassen sich durch geschicktes Greifen und Anblasen ziemlich viele Töne erzeugen. Aber instrumentale Musik wurde auch schon ohne solche Pfeifen oder Flöten gemacht. Auf stoffliche Spuren fixierte Forscher vergessen, daß Menschen nicht nur auf einem Kamm, sondern auch mit einem (Baum-)Blatt blasen können, oder auf Fingern statt Rentierphalangen oder anderen Gelenkknochen pfeifen. Auch sonst ist vieles einfach vergangen, ob einzelne oder zusammengebundene Schilf- oder Bambusröhren des Typs »Panflöte«. Und als Schlagzeug taugen nicht nur in der Natur vorfindliche Hölzchen, Stöckchen oder Steine oder später Arbeitsgeräte aus diesem Material, sondern bereits der Körper selbst mit dem Körperschlag (oder »body percussion«) in Gestalt von Händeklatschen usw.

Erschließbar ist aber vieles auch indirekt, etwa über die Anatomie von Skelettfunden. So deutet das Zungenbein beim Neandertaler, das wie das des modernen Menschen geformt ist, darauf hin, daß er für eine Sprache hinreichend viele und unterschiedliche Laute artikulieren konnte.

Notwendigkeit der Rekonstruktion

In manchen Schädeln zeigen sich innen Abdrücke der Sprach-›Zentren‹ der Großhirnrinde wie vor allem Wernicke- und Broca-Zentrum, dieses für Sprechmotorik, jenes für Sprachverstehen zuständig. Entsprechende Abdrücke scheinen sogar schon für Homo habilis (»geschickter Mensch«) zirka 2,4 Millionen vor unserer Zeitrechnung relativ sicher belegbar.

Gegenständliche Belege finden sich aber auch, etwa die erwähnten Rötel- bzw. Ockerspuren (schön rot als Körperbemalung und zugleich nützlich gegen Insekten oder als Imprägnierung von Fellen), gesichert wohl für nach 900000, oder bewußte Ritzungen an Arbeitsinstrumenten, manchmal sogar mit offensichtlichen Gliederungen etwa in Siebenergruppen, die auf einen Sinn für Zählen wie für Rhythmus hinweisen. Anderes muß über mehr oder minder weite Umwege – »methodisch« also im Wortsinn – erschlossen werden: Vor allem durch Vergleiche mit Gegenwärtigem, ob Physiologie des Menschen oder Verhalten der Menschenaffen, Biokommunikation oder Gehirnforschung und vieles andere mehr.

Diese Notwendigkeit der Rekonstruktion gilt aber prinzipiell für Geschichte überhaupt. Sie ist hier nur fühlbarer, denn schon die Zeiträume sind unermeßlich größer als in der schriftlich dokumentierten Geschichte seit den frühen Hochkulturen; daher sind auch die Quellen spärlicher und weiträumiger verteilt. Aber immer gibt es oft erhebliche Lücken in der Überlieferung, auch in Schriftkulturen; und auch die Höhlenbilder, deren Charakter als Kunst offenkundig ist, erschließen sich mitnichten einfach so. Wir sind sogar wahrscheinlich in vieler Hinsicht oft noch ziemlich von einem eingehenden Verständnis entfernt. Da gibt es die Frage nach dem Gesamtkunstwerk-Charakter – in den berühmten spätpaläolithischen Höhlen wurde nachweislich (Fußabdrücke im Boden) getanzt, wahrscheinlich im Zusammenhang mit zyklischen Jahresfesten und/oder Initiationsriten. Da ist zu fragen, ob hier künstlerisch verdichtet schlicht auch Kenntnisse über das Aussehen der wichtigen Tiere vermittelt und frühe astronomische und kalendarische Erkenntnisse gemalt wurden und anderes mehr. Bei Kunst verhält es sich mit den methodischen Problemen insofern nicht grundsätzlich anders als in anderen Bereichen der Frühgeschichte und letztlich Geschichte überhaupt: Fakten müssen miteinander verknüpft, objektive Gründe und subjektive Beweggründe verstanden, Zusammenhänge begriffen und erklärt werden.

1 Husemann, Dirk: Die Neandertaler. Genies der Eiszeit, Frankfurt a. M. und New York 2005, S. 36

2 Husemann 2005, S. 37

3 So z. B. der Untertitel des ansonsten ausgezeichneten Buchs Eiszeitkunst im süddeutsch-schweizerischen Jura von Holdermann, Claus-Stephan / Müller-Beck, Hansjürgen / Simon, Ulrich, Eiszeitkunst im süddeutsch-schweizerischen Jura. Anfänge der Kunst, Stuttgart 2001

4 Georg Knepler: Macht ohne Herrschaft. Die Realisierung einer Möglichkeit, Berlin 2004, S. 62

Hanns-Werner Heister ist Professor für Musikwissenschaft in Hamburg
- veröffentlicht in: Vernünftige Welt + Zweifel - Community: Linke Literatur & Toleranz
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Sonntag, 27. dezember 2009 7 27 /12 /2009 05:41
Die Anfänge der Kunst stehen also im Zusammenhang mit einer spezifisch menschlichen Trinität, der Dreieinigkeit von Arbeit, Denken und Sprache. Mit dieser verständigen sich die Menschen über sich selbst, über die Natur, über ihre Tätigkeiten und Beziehungen. Kunst ist Teilmoment von Naturbeherrschung: Wer etwas nachmachen kann, bemächtigt sich seiner, ideell und imaginär sowieso, aber als Kunststück auch insofern real, als dabei ein materiell konkretes Produkt entsteht.

Kunst und Ästhetisches sind integraler Bestandteil der Anthropogenese, der Menschwerdung, und ebenso auch der menschlichen Existenz und der menschlichen Natur überhaupt. Sie entstehen nicht nachträglich, als Luxus im Geschichtsverlauf – etwa nach dem Motto »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen«: »Verabschiedet werden muß (...) die verbreitete Vorstellung, Frühmenschen seien so arm und so bedrängt von den Mühen des Überlebens gewesen, daß sie für nichts Zeit gehabt hätten als für ihre Arbeit. Wir können, dem entgegen, davon ausgehen, daß es keine menschliche Gesellschaft gab, in der nicht Zeit gewesen wäre für (...) Nachdenken, Muße, Spiel, Zeremonien und Lachen.« (So der Historiker und Musikwissenschaftler Georg Knepler 2003)4

Im Gegenteil: Viele Berechnungen gerade für die heute noch überlebenden archaischen, auf altsteinzeitlicher Sammel- und Jagdkultur beruhenden Gesellschaften zeigen, daß dort etwa vier Stunden durchschnittliche notwendige Arbeitszeit für die Reproduktion genügen – so etwa bei den sogenannten »Pygmäen« in Zentralafrika. Der beträchtliche Rest, bei zugestanden niedrigem Niveau der materiellen Kultur, bleibt für soziale Kommunikation, Vergnügen im weiten Sinn. Davon wagen heutige Lohnabhängige kaum zu träumen, obwohl wir bei einer wirklich allgemeinen Arbeitszeitverkürzung und egalitären Verteilung der vorhandenen und erforderlichen Arbeit zu ähnlichen Werten kämen, bei gleichbleibend hohem Niveau der materiellen Kultur.

»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen« gilt freilich zwar nicht als zeitlich-historische, chronologische Abfolge, wohl aber (anthropo)logisch-gesellschaftlich und strukturell. Basis der gesellschaftlichen Lebensprozesse ist die Reproduktion der materiellen Lebensgrundlagen. Der Verweis auf entsprechende Gedanken und Formulierungen schon in der »Deutschen Ideologie« von Marx und Engels mag hier genügen.


aus http://www.jungewelt.de/2009/12-24/046.php

Die Hervorhebungen stammen von mir ...
- veröffentlicht in: Vernünftige Welt + Zweifel - Community: Linke Literatur & Toleranz
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Samstag, 26. dezember 2009 6 26 /12 /2009 18:37
Das ist sozialer Futurismus, Zukunftsmusik. In der Vergangenheit war die Entwicklung der Menschheit im wesentlichen fremdbestimmt, einschließlich der Bestimmung über ihre eigene Gesellschaftlichkeit trotz fortschreitender Naturbeherrschung. Die Evolution hin zum Menschen vollzog sich ihrerseits in einem Bedingungsdreieck: 1. zufällige Mutationen (samt sexuell vermittelter Rekombination der Gene), 2. im Prinzip mit Naturnotwendigkeit sich durchsetzende Selektion der am besten an die (jeweilige und damit veränderliche) Umwelt Angepaßten im Maßstab von Populationen (Adaption), 3. die vom Standpunkt der Evolution aus zufälligen Veränderungen der Umwelt. Diese waren samt Klimawandel und punktuellen Katastrophen sowohl Schranke als auch Chance und beeinflußten wiederum die Mutationsrate. Und sie sind das heute noch.

Dabei überlagert und überformt die gesellschaftlich-kulturelle Entwicklung von Anfang an und historisch in zunehmendem Ausmaß die biologische Evolution. Diese geht jedoch mindestens bis zur Entstehung des anatomisch modernen Menschentyps weiter. Sie macht sich auch danach noch geltend, etwa in der Verengung der Kieferbögen samt dem sich damit verschärfenden Problem der Weisheitszähne, oder in der (inzwischen wohl gestoppten) Akzeleration, der mit jeder Generation fortschreitenden Körpergröße jedenfalls in den reichen Nationen dank durchschnittlich verbesserter Ernährung. Die Dialektik von Zufall und Notwendigkeit ergab evolutionäre Verzweigungen und Sackgassen, keine gerade und notwendige Fortschrittslinie vom Menschenaffen und Affenmenschen zum modernen Menschen oder eben hin zur Entfaltung der Kunst.

Wann genau welche Komponente von Kunst und welche Kunstart zum ersten Mal auftraten, ist erstens oft schwer zu datieren, und kann sich zweitens mit einem neuen wichtigen archäologischen Fund verändern, gelegentlich sogar entscheidend. Sachlich und von der relativen Chronologie her aber ist die Grenze ziemlich genau festzulegen. Die Wesen, die sich in ihrer Menschwerdung aus dem Tierreich herausarbeiten, müssen zumindest folgendes haben bzw. können, und damit drei in sich komplexe Entwicklungsstufen erreicht haben:

1. Sie haben durch aufrechten Gang freie Hände. Diese nutzen sie für Gebrauch und Herstellung von Werkzeugen, von Arbeitsinstrumenten in der fortwährenden Aneignung von Natur durch die Arbeit. Und sie nutzen sie kommunikativ für die werdende Gestensprache, im Zusammenhang mit Pantomime und Tanz als »Körperkunst« und die dann daraus sich entwickelnden Bildenden Künste sowie für den Gebrauch von Musikinstrumenten.

2. Sie verfügen über anatomische und physiologische, psychische und soziale Voraussetzungen für die Produktion absichtlich artikulierter Laute, also die menschliche Stimme, für die werdende Wortsprache wie fürs Singen.

3. Sie tun das alles zusammen mit komplexen Denkoperationen, innerhalb sozialer Gruppen, und bedenken es mit individueller wie kollektiver Selbstbewußtheit.

aus http://www.jungewelt.de/2009/12-24/046.php

Wichtig hier bereits die enge Verknüpfung von "Menschwerdung" mit Kunst - ich werde Gedanken daraus in den Überlegungen zum Kommunismus als Künstler-Gesellschaft wieder aufgreifen. (Wobei ich darüber schon früher nachgedacht habe.
- veröffentlicht in: Vernünftige Welt + Zweifel - Community: Linke Literatur & Toleranz
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Samstag, 26. dezember 2009 6 26 /12 /2009 14:30
Fast durchgängig sind die Zeiträume für Ästhetisches und Kunst zu spät angesetzt. Da ist es noch ein Stück Wegs bis zur vollen Entdeckung der »Tiefenzeit« (Stephen Jay Gould), wie sie sich für Paläontologie, Biologie und für Paläoanthropologie inzwischen gegen den engen biblischen und sonstige mythische Zeitrahmen weitgehend durchgesetzt hat.

Wenn von »Anfängen der Kunst«3 die Rede ist, sind üblicherweise die zu Recht berühmten Höhlenmalereien und die Kleinplastiken aus Altamira, Lascaux, Le Chauvet, aus Geißenklösterle und anderen Höhlen auf der Schwäbischen Alb u. a. m. gemeint, die meist in Zusammenhang mit Magie und Religion stehen. Das kann man so sehen. Aber damit werden drei Eingrenzungen gemacht, die bestenfalls, höflich gesagt, unnötig sind: Erstens auf Kunst einer Spätzeit, nämlich das Spät- bzw. Jungpaläolithikum (die ›Jungaltsteinzeit‹), also die Zeit zwischen etwa 40000 und 10000 vor unserer Zeitrechnung, zweitens auf Bildende Kunst, und drittens eben auf eine bereits magisch-religiös eingebettete Kunst. Gern ist dabei (z. B. in Der Spiegel) von »Urknall« die Rede oder gar von der auf die Gesellschaft bezogen gehaßten »Revolution« – ohne die geschichtliche Dialektik von allmählicher Evolution und qualitativem Sprung, von Kontinuum und Zäsur zu berücksichtigen.

Demgegenüber liegen die wirklichen Anfänge der Kunst weitaus früher. Es gibt erstens Kunst längst vor der Entstehung des magisch-religiösen Bewußtseins, und zweitens gehören zu ihr alle Künste, also auch die akustischen, nicht nur die visuellen, und auch die, die keine Spuren in Gestalt von Wandbildern oder Skulpturen hinterlassen.

Kunst, keimhaft zu Beginn und noch nicht eigenständige Kunst im neuzeitlichen Sinn, entsteht mit der Entstehung des Menschen. (Im folgenden ist der Kürze halber vieles, was der Sache nach Hypothese ist, als These formuliert.) Kunst ist Ausdruck wie Mittel der Menschwerdung und der Evolution im Übergang von der biologischen Evolution zur gesellschaftlich-kulturellen Entwicklung. Schon die werdenden Menschen haben nicht nur gearbeitet, gedacht und gesprochen, sondern sie haben auch gemimt und getanzt, sich geschmückt und einander etwas vorgetragen, haben gesungen und gespielt. Daß das zunächst und lange Zeit sehr elementar primitiv war, kaum Kunst in unserm Sinn, versteht sich. Kunst ist, im Zusammenhang von Arbeit, Denken und Sprache, eines der wesentlichen Unterscheidungsmerkmale der Menschen von den Tieren. So schön die Vögel oder die Wale »singen« oder die Laubenvögel komplizierte »Environments« zum Anlocken der Weibchen bauen: Es gibt keine vor- und außermenschliche Kunst.

Die Menschwerdung (Anthropogenese) ist Grenze und zugleich Übergang bzw. Grenzüberschreitung. Sie ist Kluft und Überbrückung, Sprung aus dem Tierreich heraus und Fortgang ineins, insofern die Menschen auch als gesellschaftliche Wesen weiterhin biologische bleiben. Die Menschwerdung bildet die Nahtstelle zwischen Natur und Gesellschaft, zwischen Evolu­tion und Geschichte, zwischen Biologischem und Sozialem. Sie ist konzentriert in dem langen geschichtlichen Zeitraum, in dem sich die Menschheit aus der Naturgeschichte herausarbeitet, der Mensch »sich selber schafft« (so der australische Historiker Gordon Childe) – nichts da von überweltlichem, göttlichem »Schöpfer«.

Kunst ist Teil dieser Selbsterzeugung der Menschheit. Sie ermöglicht einen besonderen, durch nichts anderes ersetzbaren Zugang zur Welt und zum Weltverständnis: Kunst macht die Welt besser sinnlich-anschaulich begreifbar und sozial verständlich, sie hilft durch mimetisch-darstellendes und veränderndes Nachmachen bei der Bemächtigung der Realität, sie gibt Abbilder und Vorbilder, die letztlich zum Eingreifen auffordern.

Der zeitliche Rahmen für die Entstehung des Menschen und der Kunst liegt in der Größenordnung zwischen etwa 4,5 bis 1,8 Millionen Jahre vor unserer Zeitrechnung: Australopithecus, ab zirka 4,4 Millionen Jahre und Homo erectus, ab zirka 1,5 Millionen. Der Urgeschichtler Steven Mithen (2006) z. B. plädiert für den homo ergaster (ab zirka 1,8 Millionen) als entscheidenden Ausgangs- und Übergangspunkt. Entsprechend dem nicht unproblematischen Begriff des »Vor-Menschen« ließe sich hier von Proto-Kunst sprechen, also »Vor-« und Frühkunst.

Der geläufige generelle Begriff der »Vorgeschichte« ist dabei, wenn er in Abgrenzung zu »Geschichte« auf das Kriterium der Schriftlosigkeit/Schrift fixiert wird, unbrauchbar. Er ist statt dessen strikt auf die Vorgeschichte der Menschheit zu beschränken. Je nach Sichtweise ist das die Epoche der Entstehung der Hominiden, der Trennung von der gemeinsamen Stammesgeschichte mit den (Menschen-)Affen vor etwa fünf bis zehn Millionen Jahren (mit dem angenommenen Mittelwert von etwa 7,5 Millionen), oder, später und näher am modernen homo sapiens sapiens, die Periode der Australopithecinen, innerhalb derer sich der Übergang zum Menschen vollzogen haben dürfte.

Daß nach einer anderen Lesart die eigentliche menschliche Geschichte erst mit dem Ende der jetzigen Gesellschaftsformation anfängt, steht auf einem andern Blatt. Im »Buch der Geschichte« begönne dann jedenfalls ein neues Kapitel: Eine mündig gewordene Menschheit entwickelte sich nun selbstbestimmt, planmäßig, im Zeichen von Gleichheit, Solidarität und Freiheit, in einer Welt ohne Hunger und ohne Angst.


aus http://www.jungewelt.de/2009/12-24/046.php

Der letzten Absatz verdient eine Hervorhebung - dazu muss man allerdings eben Geschichte als Prozess nicht nur über Jahrhunderte sondern über Zehntausende, ja, Millionen Jahre. Dann wird die Zeit vom Römischen zum USamerikanischen Imperium zu einem zeitlichen Grenzstrich geschrumpft ...
- veröffentlicht in: Vernünftige Welt + Zweifel - Community: Linke Literatur & Toleranz
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Samstag, 26. dezember 2009 6 26 /12 /2009 10:25
" ... Die Antworten sind auch heute noch im Zeitalter der »Moderne«, der »Demokratie« (bei der in der Regel das entscheidende Eigenschaftswort vergessen wird, hierzulande also der bürgerlichen), im Zeitalter der Wissenschaft, oft erstaunlich vormodern und unwissenschaftlich. Weniger höflich formuliert sind Kreationismus (das fundamentalistische Festhalten am biblischen Schöpfungsbericht) und Kretinismus, also eine inzwischen als Wort veraltete Form von Verblödung, miteinander verschwistert. »Nach einer Umfrage des Gallup-Instituts von 1999 halten nach wie vor 47 Prozent aller US-Amerikaner an der Schöpfungstheorie fest. ›Sie können nicht glauben, daß ihre Vorfahren Fische waren. Das ist ja auch eine verrückte Idee‹, sagt (… der) Präsident des Institute of Creation Research und Hohepriester der Kreationisten. Aber Kreationismus ist kein rein US-amerikanisches Phänomen. Die italienische Bildungsministerin (...) verbannte im April 2004 die Evolutionslehre aus dem Lehrplan für staatliche Grund- und Mittelschulen.«1

Der Beschluß wurde nach breiten Protesten zurückgenommen. Vorerst. Aber er zeigt, wes Geistes Kind viele der Regierenden und Herrschenden sind: Wissenschaftliche Wahrheit nein, religiöse Ideologie ja. Oder, anders gesagt: Statt Darwinismus bzw. Neodarwinismus zu lehren und zu lernen wird Sozialdarwinismus praktiziert. Nur die Stärksten, Gesündesten, Tüchtigsten, »Fittesten« überleben; »Leistung lohnt sich«, besonders für die, die zu gesellschaftlich sinnvoller Arbeit unfähig, aber sonst zu allem fähig sind und es sich leisten können; »jeder ist seines Glückes Schmied«, egal, ob er die Schmiede besitzt oder vom Schmiedenbesitzer benützt oder gar entlassen wird; und der »Markt«, wie Gott, wird es schon richten.

»In Deutschland, Österreich und der Schweiz glaubten nach einer Umfrage vom November 2002 41 Prozent der Bevölkerung daran, daß die Welt und das Leben Schöpfungen Gottes sind.« Dabei gibt es anscheinend immerhin Zugeständnisse an die Wissenschaft: »Jeweils die Hälfte dieser Gruppe glaubte entweder an eine von Gott gesteuerte Evolution nach Darwin oder an die Schöpfung des Lebens durch Gott allein in den vergangenen 10000 Jahren.«2

Mit der ersten Variante hätte sich Darwin wohl sogar abgefunden, da er vorsichtig und im Prinzip mit der bürgerlichen Ordnung nicht uneinverstanden war, jedenfalls unter der Bedingung, daß besagter Gott nicht direkt in die Selektion eingriff und etwa eine Population zum »auserwählten Volk« erklärte. Die Variante mit »Gott allein« und ohne Selektion geht allerdings entschieden zu weit rückwärts. Andererseits hat aber offensichtlich immerhin eine Fast-Zweidrittelmehrheit der Bevölkerung allen Anstrengungen der Gegenaufklärung zum Trotz in diesem Punkt ein wissenschaftliches Weltbild."

aus: http://www.jungewelt.de/2009/12-24/046.php = Fortsetzung zu Helster "Wege zum Weltverständnis"

Dies nur zur Abrundung des durchschnittlichen geistigen Horizonts der Wähler der "Führer der Welt" ...

- veröffentlicht in: Vernünftige Welt + Zweifel - Community: Linke Literatur & Toleranz
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen

WEB-Friedensdemo bis1.9.09

Friedensblog
Friedenstexte
hier mitmachen 

täglich! 

Was ist sonst los?
bundesweit Termine:
https://www.dfg-vk.de/termine

Suchen

Kalender

Januar 2010
M D M D F S S
        1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 31
             
<< < > >>

Blog erstellen

Erstellen Sie einen Blog auf de.over-blog.com - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Missbrauch melden - Articles les plus commentés