China

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 aIst China nun ein "kapitalistisches Land"? vom 2.4.2010

  Domenico Losurdo über China

Nachfolgend zuerst eine trotzkistische Stellungnahme zu den Ereignissen in der Uiguren-Region, dann die Analyse aus der jW und weitere Entwicklungsanalysen:

China: Ethnische Spannungen in Urumtschi - Aufstände in der Provinz Xinjiang

Peter Main

Die amtlichen Zahlen sprechen von 158 Toten und über 1.000 Schwerverletzten. Inoffiziellen Berichten zufolge - vor der Kappung des Internets durch den Staat - soll es sogar etwa 600 Todesopfer gegeben haben, in der Mehrzahl Uiguren. Beide Statistiken jedoch machen deutlich, dass es sich nicht um einen zufälligen Zusammenstoß zweier ethnischer Gemeinden gehandelt haben kann, sondern um die blutigsten Szenen einer sozialen Unruhe in China seit dem Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens vor 20 Jahren.
Kurzfristig und auf lokaler Ebene könnten diese Ausschreitungen als Ergebnis von Spannungen in einer Großstadt gesehen werden, die im letzten Jahrzehnt rasend schnell gewachsen ist, so dass die angestammte Bevölkerungsgruppe, die Uiguren, zu einer kleinen und verarmten Minderheit in einem nun hauptsächlich von Han-Chinesen bewohnten Lebensraum geworden ist. Doch ausschließlich lokale Spannungen würden niemals zu einem solchen Blutbad mit hunderten Opfern führen. Hier müssen tiefere Kräfte am Werk sein. Auch die vorzeitige Abreise des chinesischen Ministerpräsidenten Hu Jintao vom G8-Gipfel in Italien macht dies deutlich.
Sowohl die Bewegung in der Bevölkerung wie auch die Armut der Uiguren sind Produkte der Restauration des Kapitalismus in China und von Pekings Politik der Machtkonsolidierung in Chinas Randgebieten. Der Lauf der Ereignisse verdeutlicht dies.
Die Provinz Xinjiang ist Chinas westlichste Provinz und war stets eine der am schwächsten entwickelten und ärmsten Regionen. Als Folge davon kamen sehr viele junge uigurische ArbeiterInnen als Nachschub in die boomenden Stadte der Ostküstenprovinzen. Die Lebensmittelstände auf den Bürgersteigen bieten vom Islam erlaubte Nahrung an und tragen damit der Religion und den Essgewohnheiten der Bauarbeiter dieser Bevölkerungsgruppe Rechnung.
Vor zwei Wochen stellte der Besitzer einer Spielzeugfabrik in Schaoguan, einer Stadt in der Guangdong-Provinz, die vom Kollaps von Chinas Exporthandel betroffen war, eine Schicht von ArbeiterInnen aus Xinjiang zu geringeren Löhnen ein als die ArbeiterInnen vor Ort dies hinnehmen wollten. Daraufhin tauchte das Gerücht auf, Uiguren hätten Han-chinesische Frauen vergewaltigt. Dies führte zu Übergriffen gegen die Uiguren, wobei zwei von ihnen getötet wurden. Dies wurde gefilmt und ins Internet gestellt. Die Ermordung von uigurischen Wanderarbeitern löste wiederum die uigurischen Protestdemonstrationen in Urumtschi aus.
Die Ortspolizei sah diese Demonstration als ungesetzlichen Angriff auf die Staatsautorität an und zerstreute sie gewaltsam. Erst dann wendeten sich die uigurischen Protestierenden gegen die Han-chinesische Bevölkerung, die sie als privilegierte Neuansiedler betrachtet. Natürlich ist diese Gewalt fehlgeleitet und vertieft fast unvermeidlich die Spaltungen in der Stadt, aber ebenso auch die Privilegien für eine Bevölkerungsgruppe wie die zwangweise Umsiedlung einer anderen Gruppe.
Wie und warum sind die Uiguren im eigenen Land zu einer Minderheit geworden? Weshalb sollten Millionen Han-Chinesen im vergangenen Jahrzehnt plötzlich den Entschluss fassen, in eine der am wenigsten entwickelten Regionen des Landes abzuwandern? Die Antwort ist sowohl wirtschaftlicher wie strategischer Natur. Unter den Ebenen und Wüsten von Xinjiang befinden sich riesige Vorräte an Öl,.Gas und Kohle, also lebenswichtige Rohstoffe für die wirtschaftliche Entwicklung. Obwohl Peking und die herrschende KP vorgibt, die Rechte der nationalen Minderheiten zu achten, unterwirft ihre Ideologie von der „chinesischen Nationenfamilie“ alle Minderheiten den dominanten Han-Chinesen. Diese Ideologie geht nicht etwa von einer „asiatischen Nationenfamilie“, sondern von einer „chinesischen“ aus, und „chinesisch“ bedeutet in dem Fall einfach „Han“.
Folglich will die Zentralregierung auch die Ausbeutung der Bodenschätze nicht der Kontrolle der alteingesessenen Bevölkerungsgruppe, den Uiguren, überlassen. Für die KP sind dies chinesische Ressourcen und müssen somit für Chinas Entwicklung verwendet werden. Regionale Entwicklungen könnten leicht zu einer materiellen Grundlage für die Abspaltung eines uigurischen Staates von China führen. Demzufolge wurde den Han-Chinesen, die vielfach aus ihren Dörfern durch die industrielle Entwicklung vertrieben wurden, eine Verbesserung der Lebensumstände als Anreiz für die Übersiedlung nach Xinjiang in Aussicht gestellt. In der Provinz bilden diese Zuwanderer nun eine Mehrheit, die auf Städte konzentriert ist und überdurchschnittlich von dem neuen Wirtschaftsfortschritt begünstigt ist. Außerdem liefert eine riesige neue Rohrleitung von 4.200 Km Gas aus dem Tarim-Becken für Chinas Industrie. Der militärische Schutz dieser strategischen Einrichtung wird von der Pekinger Regierung als weiterer Grund für die Stärkung ihrer unmittelbaren Kontrolle der Provinz erachtet.
All das bildet den übergreifenden Zusammenhang, in dem dieses Blutbad verstanden werden muss. Die Uiguren sind eine unterdrückte Volksgruppe, denen der Zugang zu den Rohstoffen des eigenen Landes systematisch verwehrt wird, die daran gehindert wird, ihr eigenes kulturelles, im wesentlichen islamisches, Erbe frei auszuüben und die als Arbeitskräftereservoir für Chinas kapitalistische Entwicklung überausgebeutet wird. Für revolutionäre KommunistInnen, aber auch für aufrechte DemokratInnen verdienen alle Kämpfe gegen solche Formen der Unterdrückung bedingungslosen Rückhalt.
Selbst wenn die Methoden der Bewegungen zur nationalen Befreiung nicht die unsrigen sein mögen, erkennen wir doch das Recht jener Bewegungen an, ihre Unterdrückung mit allen Mitteln zu bekämpfen. Die Gewalt der Unterdrückten darf nie mit der Gewalt der Unterdrücker gleichgesetzt werden!
In China wie in allen Vielvölkerstaaten müssen KommunistInnen für alle Völkerschaften und Nationalitäten nicht nur Gleichbehandlung in allen gesellschaftlichen Bereichen fordern und für sie eintreten; sie müssen auch das Recht auf Selbstbestimmung der unterdrückten Nationalitäten bis zu und unter Einschluss von Abtrennung in Form eines Separatstaates unterstützen, sofern jene das wollen. Das ist die alleinige Grundlage für den Aufbau einer Arbeiterbewegung, die solche Spaltungen, die kapitalistische Ausbeutung wie auch die staatliche Unterdrückung überwinden kann.

Die Liga für die Fünfte Internationale tritt ein für:

- Nieder mit der bürokratischen Diktatur!
- Nieder mit der nationalen Unterdrückung!
- Für das Recht auf Selbstbestimmung aller unterdrückten Völkerschaften!
- Für eine revolutionäre Arbeiterpartei in China!
- Für eine Arbeiterrepublik in China und eine Föderation von asiatischen Arbeiterstaaten!

Was passiert in Xinjiang?

Die Berichterstattung über die Unruhen im Westen Chinas steht in einer langen Reihe antikommunistischer Agitation

Von Domenico Losurdo
Wer erinnert sich nicht, was in den Jahren des kalten Krieges und vor allem in seiner Endphase geschah? Unermüdlich behandelte die westliche Presse das Thema der Flüchtlinge, die der kommunistischen Diktatur entflohen, um die Freiheit zu gewinnen. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre wurde nach der Niederlage der US-amerikanischen Besatzungstruppen und dem Sturz der Marionettenregierung in Saigon das endlich wieder vereinigte Vietnam als ein riesiges Gefängnis beschrieben, aus dem das verzweifelte »boat people« mit allen möglichen Mitteln, zusammengepfercht und unter Lebensgefahr entfloh. Mit den entsprechenden Varianten wurde dieses Motiv für Kuba, die DDR und für alle anderen aus der »freien Welt« ausgestoßenen Länder wiederholt. Heute ist vor aller Augen, daß die Migrationswelle in Richtung Westen aus dem östlichen Teil Deutschlands, aus Polen, Rumänien, Albanien usw., trotz der endlich eroberten Freiheit weitergeht und sich sogar noch verstärkt. Allerdings werden diese Migranten nicht mehr als Freiheitskämpfer begrüßt. Sie werden oft als zumindest potenzielle Delinquenten zurückgewiesen. Die Modalitäten der großen Manipulation werden jetzt klar und offensichtlich: die Flucht aus dem Süden in den Norden der Erde, aus dem weniger entwickelten Gebiet (zu dem auch das »sozialistische Lager« gehörte) in das entwickeltere und reichere Gebiet; dieser ökonomische Prozeß ist von den Ideologen des kalten Krieges zu einem epischen politischen und moralischen Unternehmen verklärt worden, das ausschließlich von dem sublimen Wunsch geleitet war, das Gelobte Land bzw. die »freie Welt« zu erreichen.

Freiheitsfeindlich?

Eine ähnliche Manipulation spielt sich heute vor unseren Augen ab. Wie soll man die schweren Zwischenfälle erklären, die sich im März 2008 in Tibet ereignet haben und die sich jetzt, auf breiterer Ebene, in Xinjiang ausbreiten? Im Westen gibt es für die »große« »Informations«presse, aber auch für die »kleine« »linke« Presse keine Zweifel: Alles erklärt sich mit der freiheitsfeindlichen Politik der Pekinger Regierung. Zu denken geben sollte allerdings, daß die Wut der Demonstranten, mehr als die staatlichen Institutionen, die Han und vor allem die Geschäfte der Han ins Visier nimmt. Und doch kann man in jedem Geschichtsbuch nachlesen, daß in Südostasien (in Ländern wie Indonesien, Thailand, Malaysia) die chinesische Minderheit, die oft auch dank ihrem historischen Unternehmergeist ein ökonomisches Gewicht hat, das ihre demographische Dimension weit überschreitet, wiederholt »zum Sündenbock und zum Opfer regelrechter Pogrome« wurde1. Es stimmt, in Südostasien »wird der wirtschaftliche Erfolg der Hua qiao (der Überseechinesen) mit einer Mißgunst verfolgt, die regelmäßig auf antichinesische Gewaltausbrüche hinausläuft, die am Ende manchmal die diplomatische Beziehungen stören. Das war besonders der Fall bei Malaysia in den sechziger Jahren, bei Indonesien 1965, als die inneren Unruhen den Vorwand für das Massaker an mehreren hunderttausend Personen lieferten. 30 Jahre später lenkten die Tumulte, die den Sturz des Diktators Suharto begleiteten und die systematisch die chinesische Gemeinschaft heimsuchten, erneut die Aufmerksamkeit auf die Unsicherheit der Lage«2. Es ist kein Zufall, daß die Chinesenphobie oft mit der Judenphobie verglichen worden ist.

Mit der außerordentlichen Entwicklung, die Tibet und Xinjiang erleben, erneuert sich auch in diesen Regionen die Tendenz zu Pogromen gegen die Han, die von den neuen ökonomischen Opportunitäten angezogen werden und sehen, daß ihre Anstrengungen von Erfolg gekrönt sind. Tibet und Xinjiang üben auf die Han die gleiche Anziehung aus, die Peking, Schanghai und die modernsten Städte Chinas auf die westlichen Unternehmer und Techniker (oder Überseechinesen) ausüben, die oft eine relevante Rolle in Sektoren spielen, wo sie noch ihre höhere Spezialisierung geltend machen können. Keinen Sinn hat es, die schweren Zwischenfälle in Tibet und Xinjiang mit der Theorie von der Han-»Invasion« zu erklären, eine Theorie, die sicher für Südostasien nicht funktioniert. Im übrigen ist auch in Italien und im Westen der Kampf gegen die »Invasion« das Hauptargument der xenophoben Kreise.

Separatistische Agitation

Konzentrieren wir uns jetzt auf Xinjiang. Im Jahre 1999 ist die in dieser Region herrschende Situation vom italienischen General Fabio Mini in der Zeitschrift Limes. Rivista italiana di geopolitica folgendermaßen beschrieben worden: Eine außerordentliche Entwicklung sei im Gange, und die chinesische Zentralregierung »finanziert ohne sich um die Wiedererlangung der Investitionen zu sorgen, ungeheure Ausbauten der Infrastrukturen«. Wie es scheint, geht die ökonomische Entwicklung mit der Anerkennung der Autonomie einher: »Die lokale Polizei ist zum Großteil aus Uiguren zusammengesetzt.« Trotzdem gibt es eine separatistische Agitation, »die zum Teil von islamischen Extremisten, wie den afghanischen Taliban« finanziert werde. Es handle sich um eine Bewegung, die »sich mit der gewöhnlichen Kriminalität vermischt« und »Schandtaten« begehe. Die Attentate scheinen in erster Linie die »toleranten Uiguren oder ›Kollaborateure‹« bzw. die »Polizeireviere« ins Visier zu nehmen, die von Uiguren kontrolliert werden, wie wir gesehen haben. Jedenfalls – resümiert der General, der im übrigen seine Sympathien geopolitischer Art für den Separatismus nicht verheimlicht – »sollten die Einwohner Xinjiangs heute zu einer Volksbefragung über die Unabhängigkeit einberufen werden, würden sie wahrscheinlich in der Mehrheit dagegen stimmen« (Limes 1/1999).

Und heute? In der italienischen Tageszeitung La Stampa (8. Juli 2009) berichtet Francesco Sisci aus Peking: »Viele Han von Ürümqi beklagen sich über die Privilegien, die die Uiguren genießen. Denn diese haben, als muslimische nationale Minderheit, bei gleichem Lohnniveau, viel bessere Arbeits- und Lebensbedingungen als ihre Han-Kollegen. Im Büro hat ein Uigure die Genehmigung, die Arbeit mehrmals am Tag zu unterbrechen, um die fünf täglichen traditionellen muslimischen Gebete zu verrichten (…) Außerdem brauchen sie am Freitag, dem muslimischen Feiertag, nicht zu arbeiten. Theoretisch müßten sie am Sonntag nachholen. Aber am Sonntag sind die Büros verlassen (…) Ein weiteres schmerzliches Thema ist für die Han, die der harten Politik der Familienvereinheitlichung unterworfen sind, die das Einzelkind vorschreibt, die Tatsache, daß die Uiguren zwei oder drei Kinder haben dürfen. Als Muslime erhalten sie außerdem eine Extravergütung zusammen mit ihrem Gehalt, weil sie, wegen des Schweinefleischverbots, auf Lammfleisch ausweichen müssen, das teurer ist.«

Es macht also keinen Sinn, die Regierung in Peking anzuklagen – wie es die proimperialistische Propaganda tut – sie wolle die nationale und religiöse Identität der Uiguren auslöschen.

Zusammen mit der Gefahr, die Minderheiten darstellen, die zum einen in bestimmten Sektoren vom Fundamentalismus vergiftet sind und zum anderen vom Westen aufgehetzt werden, muß man natürlich auch die Gefahr des Chauvinismus der Han berücksichtigen, die sich auch in diesen Tagen verspüren läßt: Ein Problem, auf das die kommunistische Partei, von Mao Zedong bis Hu Jintao, immer aufmerksam gemacht hat. Aber die in der Linken, die dazu neigen, den Separatismus der Uiguren zu verklären, täten gut daran, das Interview zu lesen, das Rebiya Kadeer, die Führerin der uigurischen separatistischen Bewegung, ein paar Wochen vor den jüngsten Ereignissen gegeben hat. Aus ihrem US-amerikanischen Exil drückt sie sich im Gespräch mit einer italienischen Journalistin so aus: »Siehst du, du gestikulierst wie ich, du hast die gleiche weiße Haut wie ich: du bist Indoeuropäerin, möchtest du von einem Kommunisten mit gelber Haut unterdrückt werden?« (La Stampa, 8. Mai 2009) Wie man sieht, ist das entscheidende Argument nicht die Verurteilung der »Invasion« der Han und nicht einmal der Antikommunismus. Vielmehr bringt die arische bzw. »indoeuropäische« Mythologie ihren ganzen Abscheu für die Barbaren mit der »gelben Haut« zum Ausdruck.

1 Jean-Vincent Brisset: La Chine, une puissance encerclée? Puf, Paris 2002, Seite 68

2 Jean-François Dufour: Géopolitique de la Chine. Complexe, Bruxelles 1999, Seiten 106/107

  • Übersetzung aus dem Italienischen: Erdmute Brielmayer
  • Der Italiener Domenico Losurdo ist Professor für Philosophie und lehrt an der Universität Urbino in Italien. Im Neue Impulse Verlag erschien im vergangenen Monat eine aktualisierte und erweiterte Neuauflage seines Buches »Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute«. Bezug: www.jungewelt.de/shop




Druck auf das Kapital

Vorabdruck. Die Entwicklung der KP Chinas und ihrer Strategie seit 2003 (aus jw vom 21.6.2009)

Von Helmut Peters
 
Die neue Führungsspitze Hu Jintao/Wen Jiabao verfolgte sofort mit ihrem Amtsantritt (im März 2003 – d. Red.) einen neuen, praxisnahen und transparenten Arbeitsstil. Ihre ersten Schritte galten der Lösung der Probleme der notleidenden Bevölkerung, des Dorfes und der Wirtschaft. Allein in den ersten vier Wochen führte sie dazu vier Beratungen des Politbüros des ZK und seines Ständigen Ausschusses durch. Im Unterschied zur vorangegangenen Wahlperiode wurde die Öffentlichkeit über Inhalt und Ergebnisse der Beratungen in Kenntnis gesetzt.

In seiner Rede zum 20. Jahrestag der Verfassung am 4. Dezember 2002 legte Hu Jintao Wert darauf, die Autorität der Verfassung zu betonen. Er nannte die Verfassung die grundlegende Richtschnur für die Tätigkeit auch der KP Chinas und der bewaffneten Kräfte. Alle Kräfte im politischen System machte er für den Schutz der Verfassung und ihre Durchsetzung verantwortlich.

Die 2. Tagung des ZK der Partei Ende Februar 2003 beriet ein Projekt zur Umgestaltung der Regierung, ihrer Funktionen und ihrer Rolle mit dem Ziel, sie weiter aus einer »Regierung der Planwirtschaft« in eine »Regierung der Marktwirtschaft« umzugestalten. Angestrebt wurde eine »Regierung vom Typ der Dienstleistungen« mit folgenden Hauptaufgaben: Makroregulierung und -kontrolle der Wirtschaft mit ökonomischen, gesetzlichen und administrativen Mitteln, Schaffung eines guten Umfeldes für die Entwicklung des Marktes und der Unternehmen, Ausgleich der Mängel des Marktes und Wahrnehmung von Aufgaben, die der Markt nicht bzw. nicht gut zu lösen vermag (z.B. öffentliche Aufgaben). Das Projekt wurde auf der 1. Tagung des X. Nationalen Volkskongresses (NVK) im Monat darauf angenommen.

Auf der Tagung wurde mit den Wahlen zur Besetzung der zentralen staatlichen Funktionen der Generationswechsel in der Führung von Partei und Staat abgeschlossen. Neuer Vorsitzender der VR China wurde Hu Jintao. Wu Bangguo übernahm den Vorsitz des Ständigen Ausschusses des NVK. Jiang Zemin blieb Vorsitzender der Zentralen Militärkommission und Wen Jiabao übernahm die Funktion des Ministerpräsidenten. (…)

Neue Auffassung von Entwicklung

Auf der 3. Tagung des ZK im Oktober 2003 faßte die KP Chinas den »Beschluß über einige Fragen der Vervollkommnung des Systems der sozialistischen Marktwirtschaft«. Es ging darum, die Rolle des Marktes in dem anfänglich bereits bestehenden Wirtschaftssystem auszubauen, das in Grundzügen geschaffene System vielfältigen Eigentums mit dem Gemeineigentum als Kernstück in allen seinen Teilen weiterzuentwickeln und die bereits bestehende Öffnung des Landes nach außen qualitativ zu erweitern. Das schloß die Verwaltung des staatlichen Vermögens durch eine besondere Institution, die Festlegung von Krite­rien für die Bewertung von staatlichem Vermögen bei einer Veränderung des Eigentumsrechts und die Konzentration auf die Entwicklung moderner und international konkurrenzfähiger chinesischer Gesellschaften und Unternehmensgruppen ein.

Nach dem XVI. Parteitag (im November 2002 – d. Red.) nahm die öffentliche Diskussion über die akuten ökonomischen und sozialen Probleme und die Wege zu ihrer Lösung an Breite und Tiefe zu. Die Meinungen in der Partei zur Frage, wie die Wirtschaft richtig und am besten zu entwickeln sei, gingen weit auseinander. Die Führungskader in der Partei, die die Meinung vertraten, zuerst müsse man das Bruttoinlandsprodukt (BIP) entwickeln und erst danach alle anderen Probleme lösen, bildeten nach wie vor die große Mehrheit. Auf diesem Hintergrund setzte in den Medien die Auseinandersetzung mit dieser Position ein. Angesichts dessen, daß die Beschäftigungsrate und das Einkommen der Bevölkerung hinter dem hohen Wachstum der Wirtschaft zurückgeblieben waren, ging es um das Ziel der Produktion. »Wenn das Wirtschaftswachstum nicht zu einer entsprechenden Erhöhung der Beschäftigungsrate und der Einkommen der Bevölkerung führt, dann haben wir das Ziel für die Entwicklung der Produktion und der Wirtschaft nicht erreicht.« Wachstum müsse mit Entwicklung einhergehen.

Der Beschluß der 3. Tagung des ZK von Oktober 2003 enthielt eine Passage, in der sich das ZK, ohne direkt auf die negativen Auswirkungen der einseitigen Orientierung auf die Steigerung des BIP zu verweisen, darauf orientierte, künftig die gesamte Komplexität der Gesellschaft in der wirtschaftlichen Entwicklung zu berücksichtigen. Daraus entwickelte sich die schon genannte »wissenschaftliche Auffassung von der Entwicklung«, die die offiziellen Verlautbarungen der Partei Anfang 2004 zu prägen begann: »Daran festhalten, den Menschen als das Wesentliche anzusehen, die Auffassung von einer allseitigen, abgestimmten und nachhaltigen Entwicklung zu schaffen und die allseitige Entwicklung der Wirtschaft, Gesellschaft und des Menschen fördern.« Das bedeutete, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und die Reform und Öffnung in Übereinstimmung mit der umfassenden Entwicklung von Stadt und Land, der Regionen, von Wirtschaft und Gesellschaft, von Mensch und Natur und von Entwicklung im Innern und Öffnung nach außen voranzubringen. Eine entscheidende Lehre war aus dem zurückliegenden Entwicklungsabschnitt gezogen. Das war die erste grundlegende strategische Korrektur, die die neue Partei- und Staatsführung vornahm. Die Herauskehrung des Menschen mit seinen Bedürfnissen und in seiner Rolle für die Entwicklung der Gesellschaft erinnert an die Politik, die Hu Yaobang als Generalsekretär des ZK in der ersten Hälfte der 80er Jahre einzuleiten bemüht gewesen war.

In der öffentlichen Propaganda wurde dieses neue Herangehen an die gesellschaftliche Entwicklung als »theoretisches System für die Untersuchung und Lösung der Entwicklungsprobleme des gegenwärtigen China«, als »konzentrierter Ausdruck der Weltanschauung und der Methodologie« der KP Chinas und als »Modell und Strategie für die Modernisierung Chinas« definiert. Sie sei »die Theorie über eine neue Entwicklung, in der die Einheit von ökonomischem, sozialem und ökologischem Nutzen sowie die Einheit von gegenwärtigen und langfristigen Interessen, von Gesamtinteressen und Teilinteressen den Ausgangspunkt bilden«. (…)

Diese neue Auffassung der KP Chinas begann auch die Aufgaben zu bestimmen, denen sich Partei und Regierung in der Makropolitik zuwandten. Das betraf die Erweiterung der Binnennachfrage, die Minderung des Beschäftigungsdrucks, die staatliche Wahrnehmung der öffentlichen Daseinsfürsorge, den beschleunigten Aufbau der Sozialversicherung und der dörflichen Infrastruktur, die Erweiterung des Getreideanbaus auf stabiler Grundlage, die unbedingte Sicherung eines wachsenden Einkommens der Bauern, die Regulierung der Produktionsstruktur, die Förderung der Rolle der neuen Industrie für die Entwicklung der Volkswirtschaft und die Vergrößerung des Exports. Zum generellen Ziel dieser Bemühungen wurde, die Früchte der Reform und Öffnung der gesamten Gesellschaft zugute kommen zu lassen, die Gesamtbedürfnisse zu regulieren und ein stabiles Wachstum der Wirtschaft zu sichern.

Eine andere wesentliche Veränderung in der Politik der Partei nahm das Politbüro auf seiner Tagung Ende Dezember 2002 vor. Die Lösung der Problematik Dorf/Landwirtschaft/Bauer (san-nong) wurde zum wichtigsten aller Schwerpunkte in der Arbeit der Partei erklärt. Das ZK der Partei und der Staatsrat veröffentlichten am 1. Januar 2003 den gemeinsamen Beschluß »Meinungen zu einigen Fragen über die Förderung des Wachstums der bäuerlichen Einkommen«. Die materielle Stimulierung der Produktionsaktivität der Bauern, vor allem der Getreidebauern, begann wieder eine wichtige Rolle in der Landwirtschaftspolitik der Partei zu spielen. Die größte und einschneidende Veränderung in der Politik der Partei im ländlichen Bereich bestand jedoch darin, daß nicht mehr die Landwirtschaft der Industrialisierung und das Dorf nicht mehr der Stadt dienen sollte, sondern umgekehrt die Industrie die Entwicklung der Landwirtschaft und die Stadt die Entwicklung des Dorfes unterstützen sollen. Die Bedeutung, die der »San-nong«-Problematik beigemessen wurde, zeigte sich auch daran, daß wieder, wie schon mehrfach vor 20 Jahren, das erste offizielle Dokument von Partei und Regierung zu Beginn des Jahres die Arbeitsaufgaben in diesem Bereich festlegte. Langfristig orientierte die Partei darauf, das sozialistische Dorf aufzubauen.

Neue Parteistrukturen

Die Regierung des Landes mußte auf der Grundlage des Gesetzes »Schaffung eines sozialistischen Rechtsstaats« mit der Partei (diesen Prozeß – d. Red.) beginnen. Die neue Parteiführung unter Generalsekretär Hu Jintao begann bereits im ersten Jahr ihrer Tätigkeit Maßnahmen zu ergreifen, um den demokratischen Aufbau der Partei voranzubringen. Vor allem Hu Jintao selbst war darum bemüht, neue demokratische Formen im Parteileben einzuführen und zu verankern. Es wurde nicht nur eine Reihe von Vorschriften und Bestimmungen für die Durchsetzung des innerparteilichen demokratischen Lebens, der Rolle der Parteikomitees und der Rechte der Parteimitglieder verabschiedet. Die Führung erprobte praktische Schritte, um den Parteiaufbau an der Basis in Stadt und Land zu verstärken, das Volk in eine Vorauswahl der Kader bei den Parteiwahlen an der Basis einzubeziehen, den Parteisekretär auf der Ebene des Xiang (administrative Ebene zwischen Kreis und Dorf, ein Territorium mit einem Marktflecken als Zentrum – d. Red.) direkt zu wählen, sich mehrere Kandidaten für eine Parteifunktion bewerben zu lassen und die geheime Wahl zu verbreiten. Dazu gehörte auch das Experiment, die Delegiertenkonferenzen zur Neuwahl der Parteiorgane auf lokalen Ebenen für die Dauer der gesamten Wahlperiode bestehen zu lassen und sie mit Rechten und Pflichten für die demokratische Gestaltung des Parteilebens in ihren Wahlbezirken auszustatten. Es erwies sich jedoch als ungeheuer schwer und langwierig, die Normalisierung des Parteilebens allein schon gegen die Macht der »Ersten« auf den einzelnen Ebenen und in den einzelnen Institutionen durchzusetzen.

Auf einer Landeskonferenz zur Arbeit auf organisatorischem Gebiet Ende 2002 hatte Hu Jintao Ziel, Richtung und Aufgaben in der neuen Entwicklungsetappe der Partei vorgegeben: Gewährleistung der Rolle der Partei als Vorhut der Arbeiterklasse und des Volkes, Sicherung ihrer führenden Rolle beim Aufbau des Sozialismus chinesischer Prägung, Wahrnehmung der Aufgabe der »drei Vertretungen« (für die fortgeschrittensten Produktivkräfte, die moderne Kultur und für die Interessen der großen Mehrheit des Volkes – d. Red.) und die ständige Hebung der Kampfkraft der Partei. Die Partei müsse an sich selbst, wie er sagte, höchste Anforderungen stellen und die Fähigkeit entwickeln, ihr Niveau als führende und regierende Kraft des Landes ständig zu heben, sich der Korruption zu widersetzen und Risiken zu meistern. Die Entwicklung ihrer marxistischen Ideologie und Theorie sollte mit ihrem organisatorischen Aufbau und der Entwicklung ihres Arbeitstils verbunden sein. Hu forderte, der Aufbau der Partei an der Basis müsse einhergehen mit der Festigung ihrer Klassen- und Massenbasis, dem Aufbau einer Armee hochqualifizierter Führungskader und einer starken Führungsschicht. Zwischen Februar und Oktober 2004 verabschiedete das Zentralkomitee nacheinander eine Reihe von Bestimmungen zur Durchsetzung der genannten Orientierung. Um die Kontrolle der Disziplin und die Bekämpfung der Korruption effektiver zu gestalten, begannen im April 2004 die bis dahin auf den einzelnen Ebenen getrennt arbeitenden Apparate der Disziplinkontrollkommission des ZK der Partei und des Ministeriums für Kontrolle zu kooperieren. (…)

Es ging und geht um den Aufbau eines Systems der innerparteilichen Demokratie, dessen Grundlage die Sicherung der demokratischen Rechte der Parteimitglieder und dessen Schwerpunkt der Ausbau des Systems der Parteikomitees und der Parteidelegiertenkonferenzen ist. Es ging und geht um eine Lösung des Problems der immer noch hoch konzentrierten Macht auf allen Ebenen. Das schien nun unter der Führung Hu Jintao/Wen Jiabao möglich zu sein. (…)

Die »harmonische Gesellschaft«

Mit der »wissenschaftlichen Auffassung der Entwicklung« korrigierte die Führung Hu Jintao/Wen Jiabao die einseitige Ausrichtung der wirtschaftlichen Entwicklung auf die Steigerung des BIP. Die These von der Notwendigkeit, eine »harmonische sozialistische Gesellschaft« zu schaffen, war die Reaktion der KP Chinas auf zwei Entwicklungen.

Es war erstens eine Reaktion auf die sich zuspitzenden vielschichtigen Interessenkonflikte, die die chinesische Gesellschaft zu zerreißen drohen. Nicht nur, daß die sozialen Veränderungen die Gesellschaft in Klassen und soziale Schichten mit auseinanderdriftenden Interessen gespalten hatte. Unter den Bedingungen einer fast ungezügelten Marktwirtschaft hatte sich auch ein gesellschaftliches Klima herausgebildet, das vor allem in den entwickelten Regionen des Landes erheblich durch die Kapitalverhältnisse geprägt ist und das gesellschaftliche Bewußtsein beeinflußt. »Das heutige vorherrschende gesellschaftliche Bewußtsein ist voller Materialismus und Konsumitis (xiaofeizhuyi). Öffentliche Meinung, Reklame und Familienerziehung – es gibt nichts, was Dir nicht mitteilt, daß der Erfolg und das Glück des Menschen in dem Besitz und dem Konsum von Sachen, in der Verfügung über Häuser, Autos, Kleidung, Uhren und Schuhen, im Umgang mit Stars, im Golfspielen, in ungezwungenen nächtlichen Gelagen (…). bestehe. Die absolute Mehrheit der Menschen in China kann so nicht leben (…)«, heißt es zu diesen sozialen Veränderungen in der südchinesischen Wochenzeitung Nanfang Zhoumo vom 11. Oktober 2007.

Es war zweitens eine Reaktion aus der Erkenntnis, daß alle Kräfte für die Modernisierung des Landes mobilisiert werden müssen, um dem langfristig wirkenden starken ökonomischen, politischen und militärischen Druck des kapitalistischen Westens widerstehen zu können. Nicht zufällig wurde zum ersten Mal seit langer Zeit wieder in einem veröffentlichten Dokument der KP Chinas von »feindlichen Kräften« gesprochen, die China von außen bedrohen.

Diese soziale Problematik hatte bereits der XVI. Parteitag im Auge, als er forderte, die Gesellschaft »harmonischer« zu entwickeln. Die weitere innere und äußere Entwicklung zwang die Parteiführung, stärker zu reagieren. Es ging nun nicht mehr darum, die Entwicklung »harmonischer« zu gestalten, sondern grundsätzlich eine »harmonische (xiehe) sozialistische Gesellschaft« zu entwickeln. Diese Aufgabe stellte die 4. Tagung des Zentralkomitees der Partei im September 2004. Damit veränderte sich auch das offizielle Herangehen an die sozialen Prozesse. Im Vordergrund stand nicht mehr die Tendenz, die sozialen Schichten und Gruppen nach ihren Ressourcen für die Modernisierung zu differenzieren, sondern ihre Gemeinsamkeiten für die »nationale Renaissance« zu betonen. Zwei Jahre später, am 11. Oktober 2006, faßte die 6. Tagung des XVI. Zentralkomitees schließlich den »Beschluß des ZK der KP Chinas über wichtige Fragen des Aufbaus der harmonischen sozialistischen Gesellschaft«.

Was versteht die KP Chinas unter einer »harmonischen Gesellschaft« und welche Bedeutung mißt sie ihr bei? Generalsekretär Hu Jintao nannte sie »eine Gesellschaft, in der eine demokratische und auf Gesetzen beruhende Regierung, Fairneß und Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit und Freundschaft, umfassende Vitalität, Sicherheit und Ordnung, Mensch und Natur miteinander harmonisch verbunden sind«. In einer anderen Veröffentlichung wurde die »harmonische Gesellschaft« im Zusammenhang »mit den tiefgreifenden Veränderungen in der inter­na­tionalen Lage und dem Eintritt unseres Landes in eine neue Etappe der Reform und Entwicklung« gesehen. Es komme darauf an, »entschlossen im breitest möglichen und vollständigsten Maße alle aktiven Faktoren zu mobilisieren und ständig die Fähigkeit zu erhöhen, die harmonische sozialistische Gesellschaft aufzubauen. (…) Das ist für die Integration der gesellschaftlichen Kräfte, die allseitige Abstimmung der Interessenbeziehungen, die Minderung der gesellschaftlichen Widersprüche, für den Erhalt der gesellschaftlichen Stabilität, die Festigung der Regierungsposition der Partei sowie die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft von außerordentlicher theoretischer und praktischer Bedeutung.« Im Dokument der 6. ZK-Tagung selbst wird die »harmonische Gesellschaft« als ein wesentliches Attribut des Sozialismus chinesischer Prägung bezeichnet, und die Harmonie wird als »eine wichtige Garantie für Reichtum und Stärke des Landes, für das Aufblühen der Nation und für das Glück des Volkes« betrachtet. Aus diesen und anderen chinesischen Veröffentlichungen zu dieser Problematik läßt sich folgendes verallgemeinern:

1. Die KP Chinas versteht unter der »harmonischen sozialistischen Gesellschaft«, wie sie in China gegenwärtig angestrebt wird, im Kern eine langfristig stabile Gesellschaft, in der sich alle sozialen Kräfte auf der Grundlage eines gesetzlich verankerten Interessenausgleichs in einem nationalen Übereinklang befinden, »ein jeder seinen Platz hat« und seine ganze Kraft für die »nationale Renaissance der chinesischen Nation« einsetzt.

2. Der Begriff »harmonisch« schließt das Vorhandensein von Widersprüchen ein. Er besagt, daß diese Widersprüche rechtzeitig und effektiv gelöst werden müssen, damit sie die gesellschaftliche Balance nicht untergraben. Hingegen findet sich der Gedanke, Widersprüche produktiv zu nutzen, in den Veröffentlichungen nicht.

3. Der Begriff »harmonisch« wird auch auf die internationalen Beziehungen angewandt. Die KP Chinas strebt langfristig eine »harmonische Welt« an. Auch hier geht es wieder um eine Interessensbalance. Das schließt sowohl die Anerkennung der antagonistischen Widersprüche im internationalen Kräfteverhältnis wie die Auffassung ein, die bestehende ökonomische und politische Weltordnung des Kapitalismus auf einem friedlichen Weg im Ergebnis von Veränderungen des Kräfteverhältnisses demokratisieren zu können.

Der Beschluß ist ein programmatisches, wenn auch kein allseitiges Dokument für den Aufbau der harmonischen sozialistischen Gesellschaft bis 2020. Er befaßt sich ausführlich mit den dabei zu lösenden politischen, ideologischen, soziologischen, kulturellen und ökologischen Aufgaben. Im Grunde bleibt dagegen ausgeklammert, auf welcher ökonomischen Basis sich diese Gesellschaft entwickeln soll. (…)

Erkenntnisse und Probleme

1. Mit dem Dokument über die harmonische Gesellschaft hat die Führung Hu Jintao/Wen Jiabao eine zweite strategische Korrektur in der Theorie und Praxis der KP Chinas vorgenommen. (…)

2. Die KP Chinas greift mit ihrer Vorstellung über eine harmonische Gesellschaft auf Gedanken des klassischen chinesischen Philosophen Kongzi (Konfuzius) das konfuzianische Ideal von der großen Gemeinsamkeit« (da tong) zurück. Es heißt, die Gesellschaft des kleinen Wohlstandes korrespondiert mit der klassischen chinesischen Vorstellung, »in der Harmonie verschieden zu sein« (he er bu tong). Dieses traditionelle Bild drückt die Harmonie und die Einheit zwischen Himmel, Erde und Mensch, die Bewahrung eines dynamischen Gleichgewichts zwischen ihnen aus und erkennt zugleich die bestehenden Unterschiede unter den Menschen an.

3. Augenscheinlich stößt die langfristige Strategie der KP Chinas, eine »sozialistische harmonische Welt« zu errichten, in der Gegenwart auf erhebliche Hindernisse und auf Widerstand. Schon die Einschätzung im Dokument, »unsere gegenwärtige Gesellschaft ist insgesamt harmonisch«, stimmt nicht mit der gesellschaftlichen Realität überein. Es gibt viele Aufgaben im Dokument, die »alte Probleme« (lao wenti) sind. Diese »alten Probleme« sind Anlaß zur Unzufriedenheit und zu Protesten der Betroffenen. Die Ursache für diese »alten Probleme« ist nicht in erster Linie auf fehlende Bedingungen für ihre Lösung zurückzuführen. Ich sehe sie vielmehr darin, daß die Politik vor allem auf lokaler Ebene, aus welchen Gründen auch immer, sich nicht oder nicht ausreichend um ihre Lösung gekümmert hat und kümmert. Wenn sich diese Praxis nicht grundsätzlich ändern sollte, dann dürfte es große Schwierigkeiten bei der Umsetzung des verkündeten Programms geben.

4. Das Dokument enthält zwei sich widersprechende Aussagen zur Ausübung der politischen Macht. Einmal heißt es, daß die Partei die Regierung des Landes für das Volk ausübt. An anderer Stelle wird davon gesprochen, daß die Leitung der staatlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Angelegenheiten durch die Bürger zu sichern sei. Bisher galt offenbar die erste Variante als offiziell. Sie weist gewisse Ähnlichkeiten mit der Vorstellung einer durch »die Regierung dominierten Marktwirtschaft« auf, wie sie in Japan und Südkorea existiert. Es bleibt abzuwarten, ob sich in diesem wichtigen Bereich die zweite Aussage des Dokuments durchsetzen wird.

Die Führung der KP Chinas hat sich seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zunehmend aus Intellektuellen zusammengesetzt. Das gleicht der Führung des Landes durch eine Elite. Auf längere Sicht wäre diese Situation nicht nur für die Klassenbasis der Partei bedenklich. Das würde auch den gegenwärtigen Zustand zementieren, daß der Staat, der Apparat, die Bürokratie die Beziehungen zwischen Staat und Bürger über die Maßen dominiert. Damit wären weitere Spannungen und Konflikte programmiert, und die Gesellschaft würde erheblich an Triebkräften des gesellschaftlichen Fortschritts verlieren.

4. Die Feststellungen im Dokument, die VR China werde weiterhin lange Zeit einem Druck der entwickelten (kapitalistischen – d. V.) Länder ausgesetzt sein, und feindliche Kräfte würden die Sicherheit des Staates und die Stabilität der Gesellschaft gefährden, halte ich in dieser Kompaktheit für aufschlußreich. Sie vermitteln den Eindruck, daß die KP Chinas bei allem Pragmatismus in der praktischen Gestaltung der Beziehungen zu den USA und den anderen führenden kapitalistischen Ländern den antagonistischen Widerspruch zwischen der VR China und den Zentren des Kapitalismus in ihrer Strategie und Politik durchaus berücksichtigt.

 



Unter Artikel ein Beitrag von Prof. Rolf Berthold zum letzten Parteitag der KP.


jw-Artikel: Auf revolutionärer Basis und 14 Tage Peking.   .

Dazu eine durch Prof. Rolf Berthold bestätigte "Kladde" seine Vortrags beim Berliner Rotfuchs-Verein im Februar 2008Teil 1 undTeil 2.

Als es in Tibet noch still zuging...







 
 
Ein ungeheures Lächeln


Glaubt man den vielen Hobbytibetologen in Deutschland und weltweit, dann sind die Chinesen schuld. Während die chinesische Präsenz im heutigen Tibet unterschiedslos als übel, böse und schlecht verdammt wird, erscheint das „alte Tibet“, womit Tibet bis 1950 gemeint ist, als ein Paradies der Friedfertigkeit, des ökologischen Bewußtseins und der spirituellen Reife. Der jahrhundertealte Einfluß des Buddhismus, so die westlichen Tibetfreunde, habe Tibet zu einer einzigen Weihestätte der humanen Perfektion geläutert, und wären die Chinesen nicht mit brutaler Gewalt über das derart gebenedeite Völkchen der Tibeter hergefallen, hätte er auch weiterhin seine segensreichen Wirkungen entfalten können. Die Phantasien über ein wundersames Shangrila über den Wolken, bewohnt von lauter lächelnden, friedfertigen Buddhisten, finden ihren zentralen Fluchtpunkt in der Person des Dalai Lama, der in einer nichtendenwollenden Welttournee die Öffentlichkeit über die Lage in Tibet „aufklärt“. Seine Anhänger betrachten ihn als die sinnbildliche Verkörperung all ihrer Sehnsüchte nach Frieden, Harmonie und Spiritualität, und lesen ihm seine Botschaft von den Lippen ab. Für ihn ist er der Garant eines besseren, ja des besten nur denkbaren Tibets, wenn er nicht gleich ganz als die letzte Hoffnung für diesen Planeten betrachtet wird. Leider ist das alles Unsinn. „Dalai Lama - Fall eines Gottkönigs“, ein Buch des kritischen Psychologen Colin Goldner erklärt, warum.


1. Die Person des Dalai Lama

Er ist der „weltliche“ und „geistige Führer“ eines unterdrückten Volkes. Er ist der bekannteste Buddhist der Welt. Er ist der Träger des Friedensnobelpreises. Und er lächelt unaufhörlich. Was kann an diesem Mann und seinem Verhalten auszusetzen sein? Eine ganze Menge. Da ist zum Beispiel die seltsame Tatsache, daß die Legitimation des Dalai Lama, im Namen aller Tibeter aufzutreten, so gut wie nie hinterfragt wird. Nicht nur wird nicht wahrgenommen, daß er selbst seine Position einem vollkommen absurden und obskuren Auswahlritual verdankt, das aus einem kleinen Jungen die Wiedergeburt eines menschgewordenen Buddhawesens oder „Bodhisatthvas“ machte (der Dalai Lama ist angeblich die Wiedergeburt des Bodhisattvas Avalokiteshvara, tibet. Chenrezig). Es wird auch aus Unwissenheit oder mit Absicht übersehen, daß die Geschichte des lamaistischen Buddhismus in Tibet keineswegs so friedfertig und einheitsselig verlief, wie die westlichen Tibetfreunde sich das zusammenphantasieren. Ganz im Gegenteil trieft sie von Blut. Sie ist eine endlose Abfolge von Grabenkämpfen zwischen Sekten, die einander buchstäblich bis aufs Messer verfeindet waren (und sind!), von Palastrevolten und Thronintrigen, und sie ist vor allem die Geschichte eines namenlos ausgebeuteten und unterdrückten Volkes.


Der jetzige Dalai Lama ist insofern nur der aktuelle oberste Vertreter einer extrem militanten und radikalen Mönchssekte, die es über Jahrhundert hinweg geschafft hatte, sich durch brutale Gewalt die Oberherrschaft über ganz Tibet zu sichern. Starker Tobak? Colin Goldner belegt diese Behauptungen mit einem eindrucksvollen Querschnitt durch die Geschichte des tibetischen Buddhismus (S. 48 – 68). Dort wird nicht nur die seltsame Vermengung des eigentlich aus Indien stammenden Buddhismus mit der animistischen Bön-Religion in Tibet genauer beleuchtet, die dem tibetischen Buddhismus seinen eigenen, radikal vernunftwidrigen Charakter verleiht, sondern auch die ganz profane, politische Geschichte dieser Religion, die genauso frei von Vernunft ist. Die Sekte, aus der aufgrund rein machtpolitischen Kalküls 1578 der Kult um den Dalai Lama hervorging, kämpfte sich den Weg an die Spitze mit Gewalt und Intrigen frei:

"Mit dem Niedergang der mongolischen Il-Chanat-Herrschaft und dem damit verbundenen Ende des Protektorats der Sakyapa brachen (ab etwa 1335) erbitterte Machtkämpfe zwischen den einzelnen Schulen und Klöstern Tibets aus, die sich über mehrere Generationen hinzogen. Aus den teilweise mit brutalster Gewalt ausgefochtenen Rivalitäten, in die sich auch die vom Sakyapa-Klerus entmachteten Fürsten einmischten, ging letztlich eine neuformierte Sekte hervor, die als Gelugpa (tibetisch: die Tugendhaften), weit mehr aber nach der Farbe ihrer Kopfbedeckungen als „Sekte der Gelbmützen“ (im Gegensatz zu den „Rotmützen“ der Sakyapa oder Kagyüpa).

Mit Hilfe des Mongolenführers Gushri Khan entledigte sich die Gelugpa zwischen 1639 und 1642 sämtlicher innenpolitischer Widersacher, selbst der in Lhasa sitzende, völlig bedeutungslose Vertreter der chinesischen Ming-Herrscher wurde umgebracht. Insbesondere aber die wiedererstarkten Rotmützen wurden mit unerbittlicher Gewalt verfolgt und letztlich nahezu ausgerottet: die Mönche der Sakyapa wurden zu Tausenden erschlagen, eingekerkert oder vertrieben, man eignete sich ihre Klöster und ihren Besitz an, verbot ihre Lehre, verbrannte ihre Schriften; auch die anderen buddhistischen Schule wurden zu völliger Bedeutungslosigkeit reduziert. Gushri Chan ernannte Lobsang Gyatso (1617 – 1682), der bereits als Fünfter Dalai Lama inthronisiert war, zur höchsten geistlichen und weltlichen Autorität des Landes; (...)" (S. 58 f.)

Mit anderen Worten: Die Autorität, die der Dalai Lama heute für sich beansprucht, ist ein Relikt, das aus den Zeiten der unmittelbaren Erben von Dschingis Khan auf die Tibeter gekommen ist. Wer glaubt, daß das alles kalter Kaffee und Schnee von gestern ist, sieht sich durch einen Vorfall aus dem Jahr 1997 eines besseren belehrt:

"Am 4. Februar 1997 erschütterte ein Ritualmord den Exil-Regierungssitz des Dalai Lama: Drei Mönche aus dem innersten Zirkel um „Seine Heiligkeit“, darunter der 70jährige Abt Geshe Lobsang Gyatso, waren in der Nacht auf grausige Weise abgeschlachtet worden; man hatte sie mit zahlreichen Messerstichen niederstreckt [Druckfehler im Original, M.H.] und ihnen wie Tieren beim Metzger die Haut angezogen. Weitere hochrangige Mönche, auch der Dalai Lama selbst, erhielten entsprechende Drohungen. Die Attentäter, so die für Buddhismus- und Dalai Lama-Fans in aller Welt schockierende Erkenntnis, kamen aus den Reihen der Exiltibeter selbst: aus den Reihen der Anhänger eines tibetischen Schutzpatrons, den der Dalai Lama ein gutes halbes Jahr zuvor mit Bann belegt hatte." (S. 382)

Nun könnte man immerhin behaupten, dieser Mordanschlag sei ja gegen die Politik des Dalai Lama gerichtet gewesen und repräsentiere nicht den tibetischen Buddhismus als Ganzes, und schon gar nicht die Sekte des Dalai Lama selbst. Kann der Mann als solcher nicht trotzdem als Leuchtturm der Friedfertigkeit und der Gerechtigkeit angesehen werden, für den ihn seine Anhänger halten? Keineswegs. Schon die simple Tatsache eines blutigen Guerillakriegs, der von einer Untergrundarmee seit 1958 im Namen der tibetischen Kultur gegen die Chinesen ausgefochten wurde, läßt an der legendenhaften absoluten Friedfertigkeit der Tibeter zweifeln. Daß der bewaffnete Kampf u.a. der Organisation Chusi Gandruk von einem der älteren Brüder des Dalai Lama, Gyalo Thöndup geleitet und von der CIA gesponsert wurde, wirft ein zwiespältiges Licht auf den ewig friedfertig lächelnden Dalai Lama selbst. Der bewaffnete Widerstand wurde 1973 auf Druck der USA eingestellt, nachdem die Amerikaner sich mit den Chinesen ins Benehmen setzen wollten. Die jährliche Unterstützung von 1,7 Millionen Dollar allein durch die CIA und andere Gelder blieben aus, und die Untergrundarmee wurde aufgelöst.

"Der Dalai Lama [...] konnte sich als Friedensstifter feiern lassen. Daß er dem bewaffneten Widerstand der Chusi Gangdruk fast fünfzehn Jahre lang höchst wohlwollend zugesehen hatte – in offenem Widerspruch zu seinem ständig vorgetragenen Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit – war schnell vergessen. (Passagen aus seiner Autobiographie von 1962, in denen er den tibetischen Guerillakampf ausdrücklich gutgeheißen hatte, wurden in der Neufassung von 1990 – inzwischen war er Friedensnobelpreisträger geworden – ersatzlos entfernt)." (S. 174 f.)

Vollends wird sein Gerede über Frieden zur Farce, wenn man sich die stabilen Kontakte des Dalai Lama zu alten und neuen Nazis und terroristischen Sektengründern ansieht. Das fängt bei den Nazi-Emissären der Enddreißiger nach Tibet an (an erster Stelle wäre dabei Heinrich Harrer zu nennen), und hört bei dem chilenischen Neofaschisten Miguel Serrano noch lange nicht auf.


Besondere Erwähnung verdienen in diesem Zusammenhang die Verbindungen des Dalai Lama zur internationalen Theosophen-Szene. Die Theosophie ist ein absurdes Gebräu aus krass rassistischen, antirationalen und esoterischen Ideologieversatzstücken, das Ende des 19. Jhdts. von der russischen Spiritistin Helena Blavatsky zusammengekocht wurde. Die Blavatsky faselte von sogenannten „Wurzelrassen“, aus denen die heutigen „Menschenrassen“ samt und sonders entstanden seien, und in den Tibetern sah sie die letzten Vertreter der Wurzelrasse der „Atlantier“ (den Abkömmlingen von Atlantis). Zum Entzücken aller Antisemiten konnte sie die Juden in ihren fünf Wurzelrassen nicht unterbringen, und verurteilte sie deswegen kurzerhand zum Aussterben, genauso wie die „Rothäute, Eskimos, Papuas, Australier, Polynesier usw.“, deren Zeit sie im Zeichen der spirituellen Vervollkommnung der Menschheit abgelaufen sah: Weg mit ihnen. Sie behauptete, derlei Weisheiten seien ihr 1888 in Form ihres Werks „Die Geheimlehre“ aus der Hand erleuchteter Tibeter zuteil geworden. (Natürlich sind die angeblichen Aufenthalte der Blavatsky in Tibet nicht belegt). Als kleines Detail am Rande sollte vielleicht erwähnt werden, daß diese Frau zusammen mit ihrem Gefährten Henry Steve Olcott zu den ersten Europäern gehörte, die offiziell zum Buddhismus übertraten (1880).


Fortsetzung des Tibet-Buchauszuges




Colin Goldner: Dalai Lama - Fall eines Gottkönigs, Alibri Verlag Aschaffenburg, 1999