Iran

Blüte und Rückfall der islamischen Welt


Arabisch Kalligraphie; Bild: Atif Gulzar via Wikimedia Commons

24.12.10
KulturKultur, Theorie, TopNews 

 

 

Von Anton Holberg

Vom 21. bis 23. November fand in Teheran der internationale Philosophiekongress unter dem Motto „Philosophie: Theorie und Praxis“ in der Nationalbibliothek Irans statt. Er sollte  einer der Philosophiekongresse sein, die seit einigen Jahren unter der Schirmherrschaft der UNESCO stattfinden. Noch am 9.11. jedoch zog sich die UNESCO zurück. Sie reagierte damit auf internationale Proteste, die auf die sich deutlich verschlechternde Situation der Geisteswissenschaften allgemein und der Philosophie im besonderen in der Islamischen Republik Iran hingewiesen hatten. Hatte das 1979 an die Macht gekommene fundamentalistische Regime in Teheran die Universitäten zunächst von marxistischen und liberalen Akademikern und zu Beginn der 90er Jahre sogar von Anhängern historisierender-hermeneutischen Koranexegese „gesäubert“, so hatte sich doch insbesondere in der Zeit der Präsidentschaft des vergleichsweise liberalen Mohammad Khatami (1997-2005) eine Tendenz zur Öffnung auch gegenüber den Ansätzen der westlichen weltlichen Philosophie auf Kosten der herrschenden konservativen oder gar fundamentalistischen Theologie durchgesetzt. Zwar gehört die schiitische zu den rationalistischen Denkschulen. Ein wesentlicher Grundsatz dieser ist es, dass Religion und Vernunft sich nicht widersprechen können und dürfen. Es ist denn auch kein Zufall, dass der Iran schon zur Beginn des 20. Jahrhunderts als quasi einziges islamisches Land von unten heraus eine konstitutionell-parlamentarische Bewegung herausgebildet hatte, die von den Traditionalisten überwiegend unterstützt und getragen wurde. Auch heute ist der Reformdiskurs in der islamischen Theologie im Iran am fortschrittlichsten. Wenn der ägyptische Reformtheologe Nasr Hamid Abu Zayd kein Ägypter gewesen wäre und im Iran gelebt hätte, dann wäre er wohl kaum ins Exil verbannt und zwangsweise geschieden worden. Dennoch fand schon vor Ende der Amtszeit Khatamis ein Gegenschlag des konservativen und fundamentalistischen Lagers statt, der zur Präsidentschaft Mahmoud Ahmadinejads führte und im universitären Bereich zur Ankündigung einer erneuten islamischen „Kulturrevolution“. Die Erschütterung des Regimes durch die sogenannte „grüne Bewegung“ nach den Präsidentschaftswahlen von 2009 hat diese Tendenz dahingehend verstärkt, dass z.B. das Kulturministerium Ende Oktober 2010 die Revision von 12 „westlich geprägten“ humanwissenschaftlichen Disziplinen ankündigte, um sie in Einklang mit den Lehren des Korans zu bringen. Völlig unabhängig vom Wert der „westlichen Prägung“ handelt es sich hier unzweifelhaft um einen Angriff auf das freie Denken, wohin immer dieses im Einzelnen auch führen mag. Schon zuvor waren Dutzende von nicht ausreichend frommen Dozenten zwangsweise frühverrentet worden. Die Tatsache, dass die Teheraner Behörden mit Gholam Ali Haddad-Adel einen ausgemachten Apologeten des Regimes zum Kongressleiter ernannt hatten, war gewissermaßen der Tropfen, der sogar für die UNESCO das Fass zum Überlaufen brachte. Den  Propagandisten, die ein angeblich „jüdisch-christliches“ Erbe als Grundlage der Aufklärung gegen „den“ Islam in Anschlag bringen, sind die Entwicklungen im Iran Wasser auf ihre Mühlen. Die Geschichte zeigt allerdings ein anderes Bild, wenngleich nicht unbedingt ein direkt gegenteiliges.

Im Mittelalter war die  Welt des Islams, d.h. des von Spanien im Norden, dem Atlantik im Westen bis nach Zentralasien reichenden Gebietes, in dem der Islam ab Mitte des 7. Jahrhunderts die Staatsreligion geworden war, der Welt des „christlichen Abendlandes“, insbesondere deren westlichem Teil, zivilisatorisch lange Zeit haushoch überlegen. Die Beherrschung insbesondere des westlichen Mittelmeeres durch Muslime hatte West- und Mitteleuropa vom traditionellen Fernhandel der Antike abgeschnitten und zu rein agrarischen Gebieten gemacht, in denen die aus der Römerzeit übriggeblieben Städte keine Funktion als Fernhandelszentren mehr hatte, sondern nur noch örtliche Stützpunkte der katholischen Kirche waren. Während bereits der Prophet Mohammed als Teilnehmer an Handelskarawanen mit der wirtschaftlichen und kulturellen Überlegenheit der nördlich der arabischen Halbinsel gelegenen Gebiete vertraut war und seine Anhänger ermahnte, das Wissen auch dann zu suchen, wenn es aus China komme, gefiel sich das byzantinische Reich am östlichen Mittelmeer in der zunehmend sterilen Weiterführung einiger Teile des Erbes der Römer und Griechen bei gleichzeitiger blutiger Unterdrückung der Anhänger nicht nur „heidnischer“ sondern auch heterodoxer christlicher Überzeugungen, insbesondere der monophysitischen Arianer und Nestorianer. Im Westen war der Rückschritt derart, dass nicht einmal von einer nennenswerten Kenntnis des römischen und griechischen Erbes die Rede sein konnte. Derweil entwickelten sich in der islamischen Welt Naturwissenschaften, Medizin und sogar die Philosophie zu bis dahin unbekannten Höhen, was im übrigen gleichzeitig und zum Teil früher auch für China galt. So verfasste bekannte 908 bei Bukhara geborene Ibn Sina („Avicenna“) ein Werk über die allgemeinen Prinzipien der Medizin („al-qanoun fi-l-tibb“), dass noch 600 Jahre später auch im Westen eines der meistgenutzten Standardwerke blieb. Schon zuvor hatte der persische Arzt Al Razi (864-930) die sterilisierende Eigenschaft des reinen Alkohols erkannt und war einer der Pioniere der Kinder- und der Augenheilkunde geworden. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war seine 23-bändige Enzyklopädie die bis dahin veröffentlichte umfangreichste medizinische Abhandlung. Der persische Mathematiker Al-Khwarizmi hatte bis Mitte des 9. Jahrhunderts nicht nur die Algebra und die Algorithmen-Lehre – beides Worte aus dem Arabischen – entwickelt, sondern vor allem auch durch die Einführung der Zahl Null aus Indien das moderne Zahlensystemermöglicht. Im Jahre 852 baute Abbas Ibn Firnas den ersten Flugapparat und  stieß sich mit ihm vom Minarett der Großen Moschee in Córdoba ab. Das hatte er offensichtlich überlebt, denn 20 Jahre später unternahm er als 70-Jähriger einen zweiten erfolgreicheren Versuch. Bis zu Leonardo da Vincis (1452-1519) Konstruktionen auf dem Papier sollte es noch sieben Jahrhunderte dauern. Der Geograph Al-Farghani berechnete im 10. Jahrhundert den Erdumfang fast genau. Als Columbus Ende des 15. Jahrhunderts zu seinen Seefahrten aufbrach, stützte er sich abgesehen von Habgier und religiösem Mystizismus auf antike Quellen und auf ein Missverständnis eben der Berechnungen Al-Farghanis und ging von einem um ein Viertel geringeren Erdumfang aus. Während London noch ein dreckiges dunkle Loch war, gab es im muslimischen Córdoba bereits Straßenbeleuchtung. In Damaskus standen Mitte des 12. Jahrhunderts im „Al-Nouri“-Krankenhaus schon über 8.000 Betten zur kostenlosen medizinischen Versorgung bereit. Ein gleichwertiges Krankenhaus befand sich in Baghdad, wo der erwähnte Ar-Razi wirkte. Während es im 9. Jahrhundert in der Bibliothek von St. Gallen, die damals als die größte des christlichen Europas galt, ganze 36 Bücher gab, befanden sich  in den Bibliotheken Córdobas über 500.000 Bücher. Schon zuvor hatte der Abbasiden-Kalif Harun al-Rashid  in Baghdad das „Haus der Weisheit“ gegründet und die Stadt zu einem Zentrum der Geistes- und Naturwissenschaften gemacht. Die schiitische Dynastie der Fatimiden gründete 1004 in Kairo ein ebensolches Zentrum. Eine der Voraussetzungen für die Expansion des Buchwesens war die Einführung des zuvor in China entdeckten Papiers. Während der 1188 verstorbene syrische Emir Usama Ibn Munkidh, kein Gelehrter, sondern Politiker und Heerführer, es als den größten Verlust seines Lebens bezeichnete, dass fränkische Seeräuber ein Schiff versenkt hatten, auf dem sich eine ihm gehörende Bibliothek von 4.000 Bänden befand, dichtete Hartmann von Aue im „Armen Heinrich“ noch gegen 1195: „Ein ritter so geleret was, daz er an den buochen lass...“.

Die Liste der Leistungen zur arabischen Kultur – darunter viele Perser, Juden wie Ibn Maimoun (Maimonides, 1135-1204), Ibn Paqouda und Ibn Gabriol sowie Angehörige anderer Völker und Religionen - gehörender Wissenschaftler, Künstler und Philosophen ließe sich seitenlang ausbreiten. Es soll genügen, darauf hinzuweisen, dass entgegen landläufiger Meinung wie gezeigt der Beitrag, den diese Männer aus der islamischen Ländern  des Mittelalters geleistet haben, sich keineswegs in der Rettung des antiken griechischen geistigen Erbes für die Nachwelt und ihre Vermittlung an die Christen beschränkte. Das gilt auch auf dem Gebiet der Philosophie, wo als bedeutendster Philosoph und gleichzeitig Richter und Mediziner Ibn Rushd (Averroes, 1126-1198) in Abgrenzung zu Al-Ghazali (1058-1111), dem bedeutendsten Theoretiker eines mystischen Zugangs zum Islam, auf Aristoteles aufbauend die Übereinstimmung von religiösem Glauben und Rationalität beschwor. Unter den Bedingungen des gesellschaftlich unbestrittenen Vorrangs des Glaubens war das zweifellos eine fortschrittliche Sichtweise, die in erster Linie der Verteidigung der Rationalität galt, auch wenn sie seit der europäischen Aufklärung unter Bedingungen, in denen die Religion ihren umfassenden Zugriff auf die Gesellschaft längst verloren hat, primär der Verteidigung des Glaubens dient. Unter islamischen Theologen fand er allerdings wenig Interesse oder gar Zustimmung, um so mehr hingegen in den Kreisen jüdischer Gelehrter in Spanien, Südfrankreich und Siziliens. Zwischen 1217 und 1230 von Michael Scotus in Toledo ins Lateinische übersetzt fand der Averroismus Eingang in alle Stätten der Gelehrsamkeit der Renaissance und des Humanismus. Ein Jahrhundert nachdem er dort als ketzerisch verboten worden war verpflichtete die Universität Paris ihre Dozenten unter Eid, Aristoteles nur in der Linie der Interpretation Ibn Rushds zu lehren. An dieser Stelle muss allerdings hinzugefügt werden, dass das Bemühen, die theologischen „Wahrheiten“ durch aristotelischen Rationalismus zu „beweisen“ („Philosophie als Magd der Theologie“) auch in der Westkirche eine Tradition hatte. Die Übersetzung des ‚Organon’, der aristotelischen Schrift über die Logik, durch den Mönch Boetius (470-525) in Syrische wurde zur Mutter der scholastischen Philosophie, die, obwohl durch einengende theologische Dogmen unfruchtbar geworden, dennoch das Handwerkszeug und den Wortschatz der späteren Wissenschaften schuf und die geistigen Grundlagen für ihre eigene Überwindung schuf. Die Scholastik währte vom 9. Jahrhundert bis zur Renaissance an der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert. Ihr Höhepunkt im 13.Jahrhundert ist mit den Namen von Albertus Magnus, Duns Scotus und vor allem Thomas von Aquin gekennzeichnet. Dieser unterschied zwischen der Philosophie und Naturwissenschaft als für die irdische Realität zuständige Methoden und der Theologie als für das – höherwertige - übernatürliche Zuständige. Das war letztlich auch der Ansatz Ibn Rushds gewesen.

Es stellt sich nun aber die Frage, weshalb von der Hochkultur des islamischen Mittelalters nichts mehr oder zumindest nicht viel geblieben ist. Äußere Faktoren für kulturellen Niedergang wie der Einfall der – vorwiegend germanischen – „Barbaren“ ins Römische Reich auf der einen und Mitte des 13. Jahrhunderts  der der Mongolen in das Reich der Abbasiden auf der anderen Seite sind wichtige Faktoren, setzen aber eine längere Periode der internen Schwächung voraus. Für die islamischen Reiche gilt, dass der kulturellen Blüte nach einer ersten Zeit der Wiederherstellung etwa alter Bewässerungssysteme kaum eine weitere Entwicklung der Produktivkräfte entsprach. Der Handel innerhalb der islamischen Welt und nach außerhalb beschränkte sich im wesentlichen auf Luxusgüter. Ausschlaggebend jedoch war schließlich, dass die Vertreter der geistigen Kultur stets von den mehr oder weniger privaten Interessen und Launen der Herrschenden abhängig blieben. Deren Herrschaft wiederum war meistens instabil und von Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Stämmen und Völkerschaften bedroht, wie in Al-Andalus etwa bis ins 11.Jh. andauernden „Erbfeindschaft“ zwischen den Angehörigen der südarabischen Kalb und der nordarabischen Qais auf der einen Seite und der zwischen Berbern und Arabern und mehr noch zwischen verschiedenen Berbergruppen in der Folgezeit. Für die sozio-ökonomische Basis der Herrschaft hatte das kaum Bedeutung. Insbesondere die Philosophen waren sich dessen bewusst, und Ibn Rushd brachte das deutlich mit dem Hinweis zum Ausdruck, dass seine rationalistischen Überlegungen nur etwas für die Elite seien. Grundlegend dafür scheint die Tatsache zu sein, dass der Islam sich primär in Regionen ausgebreitet hatte, in denen eine Produktionsweise vorherrschte, die mit dem Marx’schen Begriff der „asiatischen“, oder – weniger  geographisch und somit allgemeiner – einer „tributären Produktionsweise“ zu fassen ist. Diese ist auch in ihrer weiteren Entwicklung durch die Existenz eines übermächtigen Staates und eines nur prekären Rechts auf Privateigentum gekennzeichnet. Unzweifelhaft ist es nicht der Islam an sich, der etwa durch das Zins- bzw. Wucherverbot die Entwicklung hin zum Kapitalismus unmöglich gemacht hätte. Zum einen vertrat auch die mittelalterliche katholische Kirche diese Haltung zum Zins, weshalb der Handel in vielen Regionen zunächst vorzugsmäßig in jüdischen Händen lag. Andererseits hatten islamische Theologen und Rechtsgelehrte, was hier stets identisch war,  sich schon bald eine Vielzahl von Kniffen („hiyal“) ausgedacht, um das Verbot des Wuchers (rib’a)  zu umgehen. Vielmehr konnte sich die zahlenmäßig große Kaufmannsschicht nicht wie im germanischen Feudalismus sozusagen „in den Poren“ der alten Gesellschaft – hier insbesondere den dem Zugriff der feudalen Grundherren entzogenen Städte - zu einer diese perspektivisch sprengenden Klasse entwickeln. Vereinfacht gesagt war der Bürger in der griechischen und römischen Antike und deutlicher noch im europäischen Feudalismus als Eigentümer Mitglied der Gemeinschaft, während er in der APW/“tributären Produktionsweise“ als Mitglied der Gemeinde Privateigentümer sein konnte. Wenngleich sich das Privateigentum in der Epoche des Imperialismus zu einer Fessel der umfassenden Entwicklung der Menschen verwandelt hat, diente es im Mittelalter schließlich zu ihrer Emanzipation. Natürlich hat die auf älteren für die Region typischen Formen erwachsene sozio-ökonomische Struktur der mittelalterlichen islamischen Welt mit ihren vielen Kaufleuten, internationalen Handelbeziehungen und kulturellen Errungenschaften alleine den Fortschritt zur kapitalistischen als der vorherrschenden Produktionsweise nicht verhindert. Dazu bedurfte es offensichtlich dessen, dass diese Welt schließlich vom „christlichen Abendland“ nicht nur abgehängt wurde, sondern auf dieser Basis schließlich auch unterjocht werden konnte.

Im 13. Jahrhundert fasste ein Beobachter zusammen: „Alles liegt jetzt in Ruinen...Keiner der Sultane war am Aufbau interessiert. Ihr einziges Ziel war es, Steuern einzutreiben und diese zu konsumieren.“ Das abbasidische Großreich war bereits im 11.Jh. auseinandergebrochen, und zu Beginn des 12. Jahrhunderts beklagte sich der persische Dichter Omar Khayyam über das Verschwinden der Gelehrten. Nur die islamischen Reiche in Spanien überlebten noch bis 1492– wenn auch zunehmend in Abhängigkeit von den christlichen Königreichen auf der Halbinsel.

Während so bei aller äußeren Blüte der islamischen Zivilisation deren Grundlagen stagnierten, entwickelte sich im christlichen Europa etwa seit dem 11. Jahrhundert die Basis für einen erneuten Aufschwung, der angefangen von der Zeit der Renaissance (15.,16.Jh) über die der Aufklärung alle übrigen Gesellschaftsformationen schließlich weit hinter sich lassen sollte. Das Wirken der katholischen Kirche als ideologischer Stütze der Feudalordnung war dabei nur insofern von Bedeutung als es immer mehr zum Widerspruch anstachelte. Von großer Bedeutung war dafür der Handel, zunächst der Venedigs, der schon Ende des 9.Jahrhunderts im Kontakt mit dem durch den islamischen Vorstoß zwar geschrumpften aber nicht gefallenen Byzanz und der islamischen Welt am Ostrand des Mittelmeeres wiederauflebte. Grundlage war hier die Fortexistenz einer städtischen Kultur, die im Austausch für Tuche und Gewürze nach Lebensmitteln oder von den Venezianern an der dalmatischen Küste geraubten Sklavinnen für muslimische Harems oder nach Bauholz, Eisen und Waffen verlangte. Etwa gleichzeitig wurden am nördlichen Rand des Karolinger Reiches aus skandinavischen Piraten (Wikinger oder Normannen) Händler, die im Falle der an der Ostsee Ansässigen schließlich sogar über russische Flüsse (Dnjeper) bis zum Schwarzen- und zum Kaspische Meer vorstießen und dort den Handel mit den Byzantinern bzw. dem Abbasiden-Reich aufnahmen. Dabei schufen sie im 9. Jahrhundert in Gestalt des Fürstentums Nowgorod den Kern des Russische Reiches. Im 11. Jahrhundert entwickelten sich so zunächst als Handelposten auch in Westeuropa nördlich der Alpen und Pyrenäen wieder Städte mit ökonomischer Funktion, an der Schelde und dann am Rhein. Gleichzeitig gründeten sie ein Reich in Unteritalien.

Zur weiteren Entwicklung bedurfte es aber nicht nur des ja an und für sich unproduktiven Handels, sondern auch einer produktiveren Landwirtschaft. Dazu trugen Neuerungen bei wie der im Laufe der Zeit aus dem slawischen Bereich seit dem 6. Jahrhundert bis zum 9.Jh.  nach Westeuropa gewanderte ‚schwerrädrige Pflug’, die Erkenntnis, dass die Produktion durch den Einsatz von Viehdung oder auch durch die Nutzung von Bohnen und Gemüse zur Düngung erhöht werden könne und schließlich die aus Zentralasien übernommene Technik, Pferde statt der langsameren Ochsen vor den Pflug zu spannen. Dem Mediävisten L.White zufolge war das „die produktivste landwirtschaftliche Methode in Relation zur Arbeitseinsatz pro Person, die die Welt je gesehen hatte“. Die Feudalherren – darunter an prominenter Stelle die Herren der Abteien und Klöster - , die anders als jene der islamischen Reiche auf ihren Ländereien lebten, waren die treibende Kraft für die erste und auf lange Zeit wichtigste Form der Mechanisierung, der Wassermühle.  Sie untergruben damit unwissentliche ihre Macht. Das alles geschah zu Zeiten, da ein Ritter noch stolz war, überhaupt „in den buochen“ lesen zu können.

Auf politischer Ebene waren die Kreuzzüge zwischen 1095 und 1270 ungeachtet der barbarischen Vorgehensweise ihrer Protagonisten, die beispielsweise die Eroberung Jerusalems mit einem umfassenden Massaker an Muslimen und Juden krönten, die deutlichsten Zeichen für eine Umkehr der historischen Entwicklung seit dem 7. Jh. Trotz des mit ihnen verbundenen religiösen Fanatismus bei gleichzeitiger Raub- und Mordsucht bedeuten sie nicht unbedingt eine allgemeine Feindschaft der Christenheit gegenüber dem Islam. In Spanien etwa, wo die islamische Herrschaft durch den Verlust von Córdoba (1236) und Sevilla (1248) im wesentlichen auf Granada zusammengeschmolzen war, gründete König Alfons der X. von Kastilien, zurecht auch „der Weise“ genannt, 1254 die „Übersetzerschule“ von Toledo, wo ein großer Teil der arabischen Schriften übersetzt wurden und zwar in Nachahmung der islamischen Reiche im Interesse einer breiteren Volksbildung nicht ins Lateinische, sondern folgend in die Volkssprache, hier dem Kastilischen. Das kulturell maurische  aber schon 1085 von den Christen zurückeroberte Toledo war neben dem normannisch-arabischen Sizilien die wichtigste Pforte für den Einfluss der arabischen Bildung in der westlichen Christenheit. Sie hatte sich ihrerseits aus griechischen, persischen und indischen – also „heidnischen“ – Quellen genährt. Dabei kam den dort ansässigen Juden eine zentrale Rolle als Übersetzer ins Kastilische zu, während christliche Übersetzer diese Übersetzungen dann ins lateinische übertrugen. In der Übersetzung durch Michael Scotus und Hermannus Alemannus konnten so die Kommentare Ibn Rushds zu Aristoteles im christlichen Europa ein Welle auslösen, die zum Sieg des aristotelischen Denkens über die idealistische Philosophie Platons und der Neuplatoniker führte, wenngleich Ibn Rushd der Vorwurf gemacht worden ist, dass seine Interpretation des Aristotelismus unzulässig mit Platonismus vermischt sei. 1256 wurde Roger Bacon, der für eine konsequente Trennung von Philosophie und Theologie eintrat, Professor in Oxford. Nicht viel später vertrat der englische Geistliche Johannes Duns Scotus (1270-1308) die Auffassung, das Bewusstsein sei eine Eigenschaft der Materie. Während der ganzen Zeit der „Scholastik“, der offiziellen philosophisch-theologischen Lehre der mittelalterlichen katholischen Kirche tobte der „Universalienstreit“ zwischen den scholastischen Anhängern der offiziellen katholischen Lehre, die die allgemeinen Begriffe für real hielten (Realisten) erklärten,  und den „Nominalisten“, die die Idee vertraten, diese Begriffe seien nur Namen, während das erkennbar Einzelne die Realität sei (Nominalisten). Sie wurden damit zu Wegbereitern materialistischen Philosophie in den folgenden Jahrhunderten. Im Hintergrund dieses mit großer Leidenschaft geführten philosophischen Streits standen Fragen der Machtkonzentration und ihrer Legitimierung, wenn zum Beispiel über die Einheit der Dreifaltigkeit diskutiert wurde. Wenn Verallgemeinerungen real sind, haben sie eine viel größere Autorität, als wenn sie geistige Produkte sind, über die gestritten werden kann. Die zunehmende Hinwendung zum Nominalismus bedeutete zugleich eine Emanzipation von Autoritäten, die das Göttliche für sich in Anspruch nehmen. In diesem Sinne förderte der Nominalismus die Naturwissenschaften und den säkularen Staat. Neun Jahre nach der Berufung Bacons liegt die Geburt Dante Alighieris (1265), des Autors der „Göttlichen Komödie“. Obgleich unzweifelhaft ein frommer Katholik widersetzte er sich als als Anhänger der kaisertreuen Gibellinen dem Machtanspruch des  römischen Kirchenstaats auf seine Heimatstadt Florenz. In seinem umfangreichen Werk betonte er in klarem Bruch mit der mittelalterlichen Tradition die Rolle der Persönlichkeit. Ohne es zu wissen half er so dem Humanismus der Renaissance den Weg zu bereiten.  Schon der hier erwähnte Konflikt zwischen Staat und Religion in Form des Machtkampfes zwischen Kaiser und Papst öffnet weltlichem Denken einen gesellschaftlichen Raum, den es in den islamischen Reichen, wo der Kalif oder Sultan stets auch das religiöse Oberhaupt war, so nur schwer geben konnte. Rationalistische Denkansätze wie die Ibn Rushds blieben in der islamischen Welt des Mittelalters gesellschaftlich konsequenzlos.

In Hinblick auf den jüdischen Gelehrten Ibn Maimoun formulierte der US-amerikanische Historiker Will Durant 1926 allerdings die allgemeine Wahrheit: „Die klügsten Verteidiger des Glaubens sind seine größten Feinde, denn ihr Scharfsinn erzeugt Zweifel und regt den Geist an.“

Allgemein gilt, dass zwar die unzweifelhaften religiösen Orientierung von Männern wie Ibn Rushd oder Thomas von Aquin deutlich macht, das weder Christentum noch Islam an sich den Fortschritt zu rationalem Denken verhindern, dass das wohl aber weitgehend für die organisierte Religion galt und gilt. So ist die europäische Aufklärung kein Kind der Liebe des kirchlich organisierten Christentums und nicht einmal dessen legitimes Kind, sondern Begleiterscheinung und Förderer dessen ideologischen und weltlichen Machtverfalls. Das Schicksal Giordano Brunos, der 1600 auf Geheiß der von 1478 bis ins 18. Jahrhundert wütenden ‚Heiligen Inquisition’ als Ketzer verbrannten pantheistischen Dichter und Philosophen oder Galileis, des Naturwissenschaftlers, der angesichts des ihm drohenden gleichen Schicksals 1633 offiziell der kopernischen Lehre abschwörte, belegt das ebenso wie die Zustände im calvinistischen Genf des 16. und des gleichfalls protestantischen Edinburgh im 17. Jahrhundert. In Genf etwa wurden  1547 ein gewisser Jacques Gruet wegen „Blasphemie“ und „Atheismus“ und 1553 der spanische Flüchtling Servatus wegen Häresie auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Um zur – mächtigeren - katholischen Kirche, unter der  alleine in der Zeit des Mönchs Torquemada des 1. Großinquisitors in Spanien, 100.000 Prozesse und rund 2.000 Hinrichtungen stattfanden,  zurückzukehren:  noch zu Zeiten des Aufklärers und Deisten Voltaires herrschte diese unumschränkt z.B. in Toulouse. In Fresken verewigte Frankreichs siebtgrößte Stadt die Widerrufung des Ediktes von Nantes, das den Protestanten Glaubensfreiheit gewährt hatte, und und feierte jährlich das Blutbad der Bartholomäusnacht. Protestanten durften dort noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, also kurz vor der französischen Revolution, weder Arzt, Rechtsanwalt, Kolonialwarenhändler, Apotheker, Drucker oder Buchhändler sein. Eine Katholikin erhielt 1748 eine Geldstafe von 3.000 Francs, weil sie eine Protestantin als Hebamme genommen hatte. Nachdem bereits der Enzyklopädist Denis Diderot gesagt hatte „Die Menschen werden nicht frei sein, bevor nicht der letzte König mit den Därmen des letzten Priesters erwürgt worden ist“ schloss sich auch Voltaire nachdem er über die Zustände in Toulouse gehört hatte, zwar nicht dem Kampf gegen die Religion wohl aber dem gegen den kirchlich organisierten Abergauben und Fanatismus an. Die erwähnte Offenheit christlicher Staaten gegenüber Andersgläubigen – den Muslimen ebenso wie den Juden – währte solange als deren kulturelle Überlegenheit offenkundig war, d.h. solange man sie brauchte. 1492 fiel Granada und „entdeckte“ Kolumbus Amerika. Nur sechs Jahre später eröffnete der Portugiese Vasco da Gama den Christen den direkten Handelsweg nach Indien und marginalisierte die bis dahin als Zwischenhändler auftretende islamische Welt auch in diesem wichtigen Bereich. Um 1440 bereits hatte Gutenberg den Buchdruck entdeckt, was die Veröffentlichung von Büchern in zuvor unbekannter Menge ermöglichte. Die den Mauren von den „katholischen Königen“ Ferdinand und Isabella zunächst zugesagte Religionsfreiheit wurde auf Betreiben von Jiménez de Cicneros, dem neuen Erzbischof von Toledo schon bald widerrufen. Der Vorwand war der Aufstand, der unter den Muslimen Granadas ausbrach als der Erzbischof 1499 den Befehl gab, alle arabischen Bücher theologischen Charakters zu verbrennen. Nachdem schon zuvor 170.000 Juden Spanien hatten verlassen müssen, wurden bald auch die Muslime („Moriscos“) vertrieben. Sie siedelten sich überwiegend in Marokko an, wo sie ihre Kultur allerdings jeder Dynamik frei weiterlebten.

Auch in der islamischen Welt war es immer wieder zur oft blutigen Verfolgung heterodoxes Gruppen oder anderer Ungläubiger gekommen, obwohl Juden und Christen als „Leute des Buches“ im allgemeinen als „Schutzbefohlene“ des islamischen Staates betrachtet wurden. Aber selbstredend folgte auch dort die Idee den oft nur schlecht ideologisch verbrämten sozialen Interessen, etwa dem, den eigenen „Stamm“ an die Macht zu bringen und dort zu halten. Beispiele sind hier die Eroberung der Macht im Maghreb durch die zur Sanhadja-Gruppe der Berber gehörenden Almoraviden („Al-Murabitoun, 1061-1147) und deren Sturz durch die zu den Masmouda gehörenden Verteidiger der Idee der Einheit Gottes („Almohaden“, Al-Muwahidoun, 1147-1269). Unter der Herrschaft der der streng der malekitischen „Rechtsschule“ des sunnitischen Islam, die konservativste nach der noch heute auf der arabischen Halbinsel vorherrschenden hanbalitischen, folgenden Almoraviden, die zum Urislam zurückkehren wollten, wurden angebliche „Häretiker“ zum Tode verurteilt und die Schriften Al-Ghazzalis öffentlich verbrannt. Aber nicht nur bei diesen „Fundamentalisten“, sondern auch zu anderen Zeiten, etwa unter der Herrschaft der abbasidischen Kalifen Al-Ma’moun (813-33) und Al-Mu’tasim (833-42), die die an und für sich rationalistischere Lehre der Mu’tazzila für die Theologen und Beamten zur Pflicht machten, waren „Inquisitionsgerichte“ eingerichtet worden – bis die ganze Richtung nach ihrem Tod einfach verboten wurde. Das alles geschah völlig ungeachtet des berühmten koranischen Satzes „Keine Gewalt in der Religion“ (2.Sure, Vers 256). Unter den Nachfolgern der Almoraviden, den messianistischen Almohaden, sah es dann so aus, dass für die Massen strikte und von Sittenrichter, Zensoren und Erläuterern  der  Schriften des ‚Mahdi’ und Begründers der Bewegung, Ibn Tumert, überwachte jeder Diskussion entrückte Rechtgläubigkeit galt. Die philosophischen Spekultationen eines Ibn Tufail, Ibn Saba’in und eben Ibn Rushds hingegen erfreuten sich am Hofe weitgehender Freiheit und großzügigen Förderung. Mangels einer historisch aufstrebenden Klasse, die des in ihnen angelegten Rationalismus für ihre sozialen Interessen bedurft hätte, dienten sie dem intellektuellen Vergnügen der Herrschenden.

Es kann kaum als Zufall betrachtet werden, wenn der große arabische Historiker Ibn Khaldoun (1332-1406) schon zuvor eine Theorie permanenten zyklischen Wechsels zwischen verschiedenen Herrscherhäusern ohne eine Höherentwicklung formuliert hatte. Die Entwicklung des menschlichen Denkens, der Wirtschaft und Kultur fand hinfort vor allem in Europa statt und marginalisierte die islamische Welt. Die Schaffung und Expansion des osmanischen Reiches (1288-1922) änderte daran nichts. Die islamische Welt wurde im Wesentlichen durch den Imperialismus wieder einbezogen, jedoch in deformierender Abhängigkeit. Unter diesen Umständen konnten auch die seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts von verschiedenen Herrschern – so zunächst Mehmet Ali in Ägypten, später Mustafa Kemal „Atatürk“ in der Türkei, dem Schah im Iran oder Gamal Abd el-Nasser in Ägypten – vorgenommenen Bemühungen, mittels des Staates eine einheimische Bourgeoisie zu schaffen, nicht wirklich Früchte tragen. Die Pariser „Le Monde“ bezeichnete einst die ägyptische Bourgeoisie zur Zeit des Präsidenten Anwar as-Sadat als eine „Bourgeoisie ohne Charme und Diskretion“. Die Antwort seitdem war der moderne Islamismus. Eine soziologische Untersuchung die vor längerer Zeit unter Anhängern des islamistischen Bewegung in Ägypten , die in Form der „Muslimbruderschaft“ in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihren Anfang genommen hatte,  durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass Studenten nicht-geisteswissenschaftlicher Fächer mit ländlichem Hintergrund dort übermäßig repräsentiert waren. Die fundamentalistische  Strömung akzeptiert zwar westliche Technologie, ist aber in Hinblick auf die geistigen Grundlagen, auf der sich diese entwickelt hat, rückwärts auf die die glorifizierte Zeit des Propheten  im 7. Jahrhundert orientiert. Sie kann somit auch keine realistischen ökonomischen Vorstellungen über den Kapitalismus hinaus entwickeln und verfestigt die seit nunmehr über 500 Jahre gegebene Unterentwicklung des „Hauses des Islams“.  Der religiöse Fundamentalismus ist für die Massen wie für die Intellektuellen der islamischen Welt ebenso ein Fluch wie der Imperialismus. Der Iran, das Land, das einen vorrangigen Beitrag zur einstigen Blüte der islamischen Kultur geleistet hat, ist in Gestalt der Islamischen Republik Iran dafür eines der traurigsten Beispiele.

 

Verwendete Literatur:

Arkian, Shayan: Iranische und westliche Geisteswissenschaften, 12.11.2010, http://irananders.de/nc/home/news/article/iranische-und-westliche-geisteswissenschaften.html

Burkhardt, T.: Die maurische Kultur in Spanien. München 1970

Davidson, N.: .: Asiatic, Tributary or Absolutist. International Socialis (London) Nov.2004

(http://www.isj.org.uk/?id=20)

Davidson, N.: Islam and the Enlightenment. in: Socialist Review. London 3/2006

Durant, W.: Die großen Denker. Zürich 1945

Harman, Chr.: A People’s History of the World. London 1999

Pirenne, H.: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas im Mittelalter. Tübingen u. Basel 1994

Rodinson, M.: Islam und Kapitalismus. Frankfurt/M. 1971

Ronard, S. u. N.: Lexikon der arabischen Welt. Zürich u. München 1972

Strohmeier, G.: Denker im Reich der Kalifen. Köln 1979

Tökei, F.: Zur Frage des asiatischen Produktionsweise. Neuwied u. Berlin 1969

Souveräner Rentenstaat

Hintergrund: Zur politischen Ökonomie des Iran und seiner geostrategischen Bedeutung

Von Werner Ruf
Iran ist ein Rentenstaat. Kurz auf den Punkt gebracht bedeutet dies: 1. Der weit überwiegende Teil des Staatseinkommens stammt aus relativ unproduktiver, auf den Export von Rohstoffen gerichtete Tätigkeit, die zwar Devisen ins Land bringt, aber keinen nennenswerten Mehrwert schafft. Typisch hierfür sind die Förderung und der Export von Öl und Erdgas.

2. Die Kontrolle der Renteneinkünfte und der mangels eigener wirtschaftlicher Entwicklung notwendigen Importe von Lebensmitteln und Konsumgütern stellt für die herrschenden Gruppen (»Staatsklasse«) die zentrale Quelle ihrer Bereicherung dar und sichert durch die Umverteilung eines Teils dieser Einkünfte in klientelistische Netzwerke die Macht der Herrschenden.

3. Da der Staat mittels dieser Einkünfte ein Minimum an sozialer Sicherung bieten kann, besteht kein Interesse am Aufbau einer auf Autarkie gerichteten Landwirtschaft und industriellen Produktion. Die Zementierung der Unterentwicklung ist geradezu die Rationale von Rentenökonomien.

Dieses Modell, das nahezu für die Gesamtheit aller Öl und Gas exportierenden Staaten (aber auch für andere Mono-Exporteure) gilt, hat gravierende Folgen für die sozialen und politischen Strukturen solcher Rentenstaaten: Einerseits ist der Fortbestand dieses Systems die gemeinsame Basis der herrschenden Kräfte, andererseits aber bestehen zwischen ihnen scharfe Rivalitäten, da permanent um die Kontrolle der Pfründe und deren Erweiterung gekämpft werden muß. (1) Diese Kämpfe sind meist unbedeutend in Zeiten, in denen der Rentenzufluß relativ groß ist; sie können heftigste Formen bis hin zum Bürgerkrieg annehmen (Beispiel Algerien), wenn die Rente sich verringert. Charakteristisch ist für diese Rentenstaaten, daß die Strukturen der realen Macht nur schwer durchschaubar sind, da sie nach außen oft durch ein formal dem Westen nachgebildetes System von Ministerien, Parlamenten etc. repräsentiert sind. Auch die Abhaltung von (in der Regel im Vorfeld streng kontrollierten) Wahlen gehört oft zu Außendarstellung dieser Systeme.

Orientalische Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, daß hier noch immer (Groß-)Familien die verläßlichsten sozialen und politischen Strukturen bilden. Diese sind in der Regel historisch gewachsen, legitimieren sich oft durch einen hohen Bildungsgrad und basieren meist auf Großgrundbesitz oder Schlüsselpositionen im Handel. Zugleich ist aber ein klientelistisches Systems Kennzeichen dieser Strukturen: Die führenden Personen an den Spitzen der großen Familien erhalten ihre Legitimität daraus, daß sie für die zur Großfamilie, zum Clan, ja zur Region oder Religionsgemeinschaft gehörenden Personen sorgen, ihnen Möglichkeiten zur Existenzsicherung geben. Nicht zufällig werden die Ergebnisse der jüngsten Präsidentschaftswahlen mit dem Verweis angezweifelt, daß etwa in Iran der Kandidat Mirhossein Mussawi, der im Wahlkampf seine Identität als Aseri (2) herausstellte, nur von knapp einem Drittel der Aseris gewählt worden sein soll, während Ahmadinedschad nach offiziellen Angaben fast zwei Drittel von deren Stimmen erhielt.

Macht und Rivalität (3)

Naturgemäß ist es schwierig, Details über die klientelistischen Herrschaftsstrukturen eines Rentenstaates zu erfassen oder in ihren Verästelungen darzustellen, entziehen sie sich doch dem Blick und den Kategorien westlich ausgebildeter Ökonomen. Irans Ökonomie wuchs in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, doch sind diese Wachstumsraten ausschließlich auf die steigenden Öl- (und Gas-)Preise zurückzuführen, die etwa 80 bis 90 Prozent der Staatseinnahmen ausmachen. Vor allem Raffinerien sind in so schlechtem Zustand, daß Iran etwa 40 Prozent des benötigten Benzins importieren muß. Importlizenzen werden staatlich vergeben und haben meist Monopolcharakter. Sie ermöglichen in der Konsequenz die Festlegung der Preise auf dem Markt. Der Erwerb dieser Konzessionen ist daher Anlaß zur Zahlung von »Vermittlungsgebühren«. Dies gilt für sämtliche Bereiche des Imports, wie insbesondere Nahrungsmittel, Pharmazeutika und Konsumgüter. Diese Produkte werden um der politischen Stabilität willen vom Staat subventioniert, ebenso wie der politisch hochsensible Benzinpreis. Damit kommen die Subventionen nicht nur den Bedürftigen, sondern allen Iranern zugute. Etwa zehn Prozent der Iranerinnen und Iraner erhalten eine Art Sozialhilfe. Das kostenfreie Gesundheitswesen wurde ausgebaut; Bildung ist kostenlos und wird durch Stipendien unterstützt. Dies erklärt auch den hohen weiblichen Anteil von 60 Prozent an den Studierenden.

Kern des Sozialsystems bilden die sogenannten Bonyads. Ursprünglich waren sie religiöse Stiftungen, inzwischen sind sie in einer Art Rechtsform von Stiftungen (Steuerfreiheit, bevorzugter Zugang zu Krediten und Devisen) in allen Sektoren der Ökonomie, vor allem im Außenhandel, präsent. Die Bonyads verfügen schätzungsweise über 33 bis 40 Prozent des iranischen Bruttosozialprodukts. Insgesamt sind in Iran gut 120 solcher Einrichtungen tätig.

Die wohl wichtigste Stiftung ist die für die Unterdrückten und Behinderten, unter deren Dach etwa 400 Firmen im Bereich Import/Export, Nahrungsmittel und Getränke, Baumaterial, petrochemische Industrie, Hotels und Tourismus vereinigt sind. An ihrer Spitze steht Mohammad Rorouzandeh, Generalstabschef der Revolutionsgarden Ende der 80er Jahre und früherer Verteidigungsminister. Die Stiftung unterstützt rund 120000 Familien von Kriegsveteranen und Opfern des Krieges gegen den Irak (1980–1988).

Eine weitere wichtige Stiftung ist die des Schreins von Imam Reza. Die Einkünfte basieren zum Teil auf den Schenkungen von jährlich etwa acht Millionen Pilgern. Der Wert ihres Landbesitzes wird auf etwa 20 Milliarden US-Dollar geschätzt. Hinzu kommen zwei (private) Universitäten, die iranische Coca-Cola-Fabrikation und industrielle Kleinbetriebe. An ihrer Spitze stehe Ayatollah Abbas Vaez-Tabasi, Mitglied des Wächterrates, dem der frühere Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani vorsteht. Sein Vermögen wird auf über eine Milliarde Dollar geschätzt. Ein Sohn gründete die Fluggesellschaft Mahan Air, ein anderer baut die Teheraner U-Bahn, ein dritter ist im Erdölgeschäft tätig, ein weiterer kümmert sich um die gigantische Landwirtschaft der Familie. Vaez-Tabasis Sohn ist verheiratet mit der Tochter des obersten Führers Khamenei.

Erwähnt sei noch die Nur-Stiftung, die im Import von Zucker, Pharmazeutika und Baumaterial tätig ist und über großen Immobilienbesitz verfügt. Vorsitzender ist Mohsen Rafiq Dust. Er war der erste Minister der Revolutionsgarden, danach Vorsitzender des Stiftung der Unterdrückten.

Jenseits der Stiftungen gibt es noch die Genossenschaften. Sie unterstehen zwar formal dem Genossenschaftsministerium, in Wirklichkeit werden sie jedoch von den Verwandten oder Verbündeten der »großen Männer« betrieben. Ein Beispiel ist die Rafsandschani-Genossenschft der Pistazienpflanzer, die ungefähr 70 000 Bauern vertritt. Der Pistazienexport bringt jährlich etwa 746 Millionen Dollar ein.

Auch die Revolutionsgarden, die Elitetruppe des Regimes, spielen eine zunehmend bedeutende Rolle in der Ökonomie. Ahmadinedschad war Oberkommandierender dieser Truppe während des Krieges gegen den Irak zwischen 1980 und 1988. Die materielle Unterstützung für hohe Offiziere der Truppe kann durchaus als Ausbau einer Hausmacht Ahmadinedschads verstanden werden. So erhielten die Revolutionsgarden den Zuschlag für das Projekt »Ghorb«, das mit Investitionen von 2,3 Milliarden Dollar ein großes Erdgasfeld im Süden des Landes erschließen soll.

Die politische Strategie Ahmadinedschads gehört unmittelbar in diesen Zusammenhang: Populistisch versprach er schon bei seiner ersten Wahl, daß die Renteneinkünfte »auf dem Tisch der Armen ankommen« sollten. Er unterstützt die Schaffung staatseigener Firmen, um Arbeitsplätze für die Unterprivilegierten zu schaffen. Außerdem richtete er billige Spezialkredite für Kleinbauern ein, erhöhte die Renten Bedürftiger, richtete »Heiratsfonds« für Jungvermählte ein. Seine Nähe zu den »Stiftungen«, in denen die Revolutionsgarden eine zentrale Rolle spielen, eröffnet ihm im sozialen Bereich Handlungsmöglichkeiten, um seine Basis, die arme, vor allem ländliche Bevölkerung, zu alimentieren. Seine Skepsis gegenüber Marktöffnung und Liberalismus, Verstärkung der Export­orientierung und dem Import westliche Luxusgüter findet hier eine Entsprechung, die erheblich zu seiner Popularität beitragen dürfte.

Die Struktur der klientelistischen Netzwerke in Iran kann mit den obigen Stichworten nur angedeutet werden. Eine viel subtilere Untersuchung wäre notwendig, um die Verästelungen, Verquickungen, Konkurrenzen und Allianzen zu erfassen und so ein Tableau der realen Strukturen der iranischen Politik zu entwerfen. Dennoch zeigen bereits die hier benannten Schlaglichter, welche Interessen und Strategien mit Hilfe dieser klientelistischen Netzwerke betrieben werden, wie Rivalitäten und Allianzen miteinander Hand in Hand gehen oder sich zu massiven Konflikten ausweiten können. Ohne Blick in die zentrale Quelle der Renten und auf die materielle Basis der wichtigsten Akteure bleibt die Analyse der iranischen Politik unvollständig und unverständlich. Sie konzentriert sich dann auf die Deutung religiös verbrämter Diskurse und verzichtet darauf, die Interessen der Akteure auch nur zu erkennen.

Energie und Geopolitik

Benzinknappheit in einem der erdölreichsten Länder: Di
Benzinknappheit in einem der erdölreichsten Länder: Die Raffinerien sind in einem so schlechten Zustand, daß 40 Prozent des Benzins eingeführt werden mussen (Teheran, 27.6.2007)
Der Energiesektor ist die zentrale Quelle der Staatseinkünfte und von daher der am heftigsten umkämpfte Bereich innerhalb des politischen Systems des Iran. Das Land verfügt über etwa zehn Prozent der derzeit bekannten Ölreserven, die Gasreserven sind noch viel gewaltiger: Iran steht derzeit an zweiter Stelle hinter dem Weltmarktführer Rußland. Die Konzentration auf die Abschöpfung der Rente führte dazu, daß während der ersten zwanzig Jahre nach der Revolution im Jahr 1979 im Energiesektor nicht investiert, sondern nur ausgebeutet wurde: Die Produktion fiel von sechs Millionen Barrel pro Tag in der Zeit des Schah (1974) auf 3,9 Millionen in der nachrevolutionären Zeit. Hiervon exportierte der Iran im Durchschnitt 2,4 Millionen. Die Raffinerien sind in einem so schlechten Zustand, daß, wie schon gesagt, fast die Hälfte des Benzins importiert werden muß, was wiederum Extraprofite für die daran Beteiligten sichert.

Ende der 90er Jahre entschloß sich die Regierung, die verfallenden Anlagen instand zu setzen und zu modernisieren. Auch die Förderung von Erdgas wurde nun massiv vorangetrieben. Hierzu waren umfangreiche ausländische Investitionen nötig. Iran kooperiert im Kohlenwasserstoffsektor nicht nur mit den westlichen Industrieländern, sondern auch mit den harten Konkurrenten des Westens: Allein die Verträge mit China sehen für die nächsten 25 Jahre Investitionen in Höhe von mehr als 100 Milliarden Dollar vor. Durch die Kooperation mit dem Ausland gerät die iranische Führung allerdings in Widerspruch zu einem ihrer zentralen Grundsätze, der zur politischen Doktrin erhoben wurde: niemals die iranische Souveränität durch Investitionen aus dem Ausland zu gefährden. Die in dieser Zwangslage gefundene Lösung sind sogenannte pay-back-Arrangements: Die ausländischen Firmen treten für die Kosten voll in Vorlage, werden aber – zuzüglich einer zinsähnlichen Rate – aus den Verkäufen der geförderten Kohlenwasserstoffe bezahlt, bis die Investitionen abgetragen sind. Die letztlich politischen Entscheidungen darüber, welche Firma den Zuschlag erhält, sind stets von beachtlichen »Vermittlungsgebühren« für die Entscheidungsträger begleitet, also gleichfalls ein wichtige Einkommensquelle. Zwischen 1996 und 2005 flossen Investitionen in Höhe von mindestens 15 Milliarden Dollar in die Erschließung iranischer Erdöl- und Erdgasfelder.

Insbesondere der Erdgasexport wird von der iranischen Führung zunehmend strategisch genutzt. So führt eine Pipeline aus dem Südiran über Täbris durch Armenien ins türkische Erzerum, von dort zum Erdölhafen Ceyhan. In Erzerum könnte sie angeschlossen werden an die geplante Riesenpipeline Nabucco, die von der EU gebaut werden soll und Erdöl und Erdgas aus dem Kaspischen Becken via Baku und Tbilissi unter Vermeidung russischen Territoriums und unter Umgehung Serbiens nach Österreich und Tschechien pumpen soll. Gefährdet wird dieses Projekt derzeit durch eine konkurrierende russische Pipeline, die unter dem Namen »South Stream« (»Nord Stream« ist die geplante Ostseepipeline) ebenfalls von Baku über Tbilissi, dann aber über russisches Territorium und durch das Schwarze Meer via Belgrad nach Wien und Prag geführt werden soll. Im Augenblick scheint das russische Projekt bessere Realisierungschancen zu haben, da Rußland bereits mit Italien einen Liefervertrag geschlossen hat (siehe jW-Thema vom 28.2.2009). Hierfür ist in Varna ein Abzweig geplant, der über Nordgriechenland durch die Adria zum Südzipfel Italiens führen soll. An diesen gigantischen Projekten zur Energieversorgung werden übrigens auch die geostrategischen Zusammenhänge sichtbar, die die Bedeutung Georgiens in der Konfrontation zwischen NATO und Rußland verdeutlichen.

Schließlich darf nicht vergessen werden, daß rund zwei Fünftel des weltweit geförderten Öls die Straßen von Hormus passieren müssen. Dieser Tatbestand dürfte ein wesentlicher Grund gewesen sein, der die Bush-Administration von einem Krieg gegen den Iran abgehalten hat und sie mäßigend auf Israel einwirken ließ, hatte doch die iranische Führung mehrfach angedroht, diese Wasserstraße unpassierbar zu machen, sollten ihre Atomanlagen angegriffen werden.

Ferner hat Iran mit Rußland einen Vertrag geschlossen, der den Bau einer asiatischen Pipeline zur Belieferung Indiens und Chinas vorsieht. Mit beiden Ländern hat Iran Lieferverträge abgeschlossen. Darüber hinaus ist Iran beteiligt an der geplanten Gründung eines sich am Vorbild der OPEC orientierenden Kartells der Erdgas produzierenden Staaten. Hierüber verhandelt Iran derzeit mit den größten Gasproduzenten: Rußland, Iran, Katar, Algerien und Venezuela. Die Teilnahme von Ägypten und Nigeria an einem solchen Kartell bleibt derzeit noch spekulativ. Allerdings gehört in diesen Kontext auch der derzeit in Ausschreibung befindliche Bau einer Pipeline von Nigeria zur algerischen Mittelmeerküste, von wo bereits algerisches Gas teils per Pipelines nach Europa, teils verflüssigt in die USA transportiert wird. Die russische Gasprom hat soeben den Bau eines Teilstücks vom Nigerdelta zur Nordgrenze des Landes übernommen.

Iran liegt sowohl wegen seiner geographischen Lage wie aufgrund seiner enormen Vorräte an Kohlenwasserstoffen im Fadenkreuz der Großmachtinteressen. Hinter dem medienwirksam inszenierten Atomstreit zeichnet sich durchaus widersprüchliches politisches Verhalten ab: So wurden trotz des vom US-Kongreß verhängten Embargos (Iran-Libya-Sanctions-Act) weder während der Clinton- noch während der Bush-Administration US-Firmen wegen ihrer Investitionen in Iran sanktioniert. Gegenüber dem gemeinsam mit Gasprom geplanten Bau einer Pipeline nach China und Indien hat die Bush-Regierung jedoch »große Sorge« geäußert: Als gefährlich gilt offensichtlich nicht der Import iranischen Öls in die USA, wohl aber die Lieferung von Erdgas an die aufsteigenden Weltmächte und die Kooperation mit Rußland.

Vom Westen unkontrolliert

So erweist sich die Rente als der Fluch, den sie auch für die anderen Rentenstaaten darstellt: Sie verhindert ein wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Zugleich produziert sie ein politisches System, das in sich reformunfähig und -unwillig ist, sichert doch der Zugriff auf die Rente die Möglichkeit zur Aufrechterhaltung eines klientelistischen Systems, zur relativen Ruhigstellung der Massen und damit zum Erhalt der Macht. Zugleich werden die Mittelschichten politisch wie ökonomisch marginalisiert, was gerade in den letzten Wahlen und den darauffolgenden Demonstrationen in den großen Städte Irans mehr als deutlich wurde: Das politische System bleibt blockiert. Nun zeichnet sich der Iran – im Gegensatz zur großen Mehrheit der übrigen Rentenstaaten – durch eine beachtliche und erstarkende Mittelschicht aus. Ob es ihnen – im Verbund mit der Arbeiterschaft – gelingen kann, in einem revolutionären Akt das System zu stürzen, bleibt eine offene Frage. Die Spitzen des Regimes sind eng verflochten mit der Rentenökonomie, insbesondere die aus ihr ihre Macht schöpfenden Revolutionsgarden verhindern nicht nur den politischen Wandel, zumindest so lange, wie über das klientelistische System eine materielle Grundversorgung der Massen gesichert werden kann. Aus ihren ureigensten Interessen heraus garantieren sie auch die Fortsetzung der Rentenökonomie mit all ihren Begleiterscheinungen des Erhalts der Unterentwicklung, der Korruption und des Klientelismus.

Die Aufmerksamkeit, die dem Land in den westlichen Medien zuteil wird, erklärt sich nicht auf den ersten Blick: Nach Barack Obama ist Ahmadinedschad, zumindest im Westen, der wohl bekannteste Staatspräsident. Auch die Frage des behaupteten Strebens des Landes nach Atomwaffen ist nicht ausreichend, um die gigantische Medialisierung der iranischen Präsidentschaftswahlen und die ihnen folgenden Demonstrationen zu erklären, denn die »internationale Gemeinschaft«, deren Kern die NATO ist, hat sich recht problemlos mit den Atomwaffen Indiens, Pakistans und Israels und letztlich auch Nordkoreas abgefunden. Entscheidender sind zwei Tatsachen: Das iranische Regime entzieht sich der Kontrolle des Westens, seine geostrategische Lage ist zentral für die Zukunft der Welt-(Energie-)Politik, die im Zeitalter des Peak Oil immer brisanter wird.

Es kann daher kein Zufall sein, daß in der jüngsten Fassung der US-amerikanischen Nationalen Sicherheitsstrategie formuliert wird, daß »von keinem anderen Land als dem Iran eine größere Herausforderung für die USA ausgeht«. Selbst wenn von dem Willen des Iran zum Bau »der Bombe« ausgegangen wird, was sämtliche US-Geheimdienste in einer ungewöhnlichen öffentlichen Erklärung vor über einem Jahr dementiert haben, verfügt der Iran (im Gegensatz zu Israel mit den von Deutschland gelieferten U-Booten) noch lange nicht über die notwendigen Trägersysteme. Die Gründe für dieses Bedrohungsszenario liegen daher allein in den Energievorräten des Landes, in seiner geostrategischen Lage und der Diversifizierung seiner Energieexporte.

Wer wirklich auf einen Systemwandel in Iran hofft, sollte auf Interventionismus und Propaganda verzichten und die Regelung der iranischen Angelegenheiten den Iranerinnen und Iranern überlassen, sonst werden die demokratischen Willensbekundungen, die sich in den Auseinandersetzungen um die jüngste Präsidentschaftswahl gezeigt haben, auch nicht die Spur einer Chance haben. Doch vielleicht verfolgt die Skandalisierung der umstrittenen Wahlergebnisse einen ganz anderen Zweck: die internationale Delegitimierung und letztlich die Beseitigung eines Regimes, das als einziges in der Region eine unabhängige Außen- und Energiepolitik betreibt und durch die Vernichtung der Staatlichkeit des Irak zur regionalen Großmacht aufgestiegen ist.

1 Dazu Rachid Ouaissa: Staatsklasse als Entscheidungsakteur in den Ländern der Dritten Welt. Struktur, Entwicklung und Aufbau der Staatsklasse am Beispiel Algerien, Münster 2005

2 Aseri stammen ursprünglich aus Aserbaidschan. Im Iran leben etwa 18 Millionen Aseri, das entspricht 24 Prozent der iranischen Bevölkerung

3 Die hier angeführten Daten stützen sich vor allem auf den Congressional Research Service des US-State Departments. Dort werden auch die Hearings mit Experten dokumentiert. Zu diesem Beitrag siehe insbesondere die folgenden Berichte: CRS Report RS20871, CRS Report RS21592, CRS Report RS21548, CRS Report RS22323

* Werner Ruf ist emeritierter Professor für Internationale Politik an der Universität Marburg