Kurdistan

Herausgegeben  von Civaka Azad - Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e.V.

Bornheimer Landstraße 48, 60316 Frankfurt

E-Mail: info@civaka-azad.org, Internet: http://civaka-azad.org

INFORMATIONSDOSSIER ZUR REVOLUTION IN WESTKURDISTAN (NORDSYRIEN)

DIE REVOLUTION IN WESTKURDISTAN

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Die Revolution beginnt… ....................................................................................................... 2

Teil 2: Die Auswirkungen eines möglichen Regimewechsels – Interview mit Ilham Ahmet ........... 3

Teil 3: Was die KurdInnen aus Syrien wollen – Interview mit Ilham Ahmet (2) .............................. 5

Teil 4: ‚Wir arbeiten für die Sicherheit unseres Volkes‘ – Die Volksverteidigungseinheiten der

YPG ................................................................................................................................................... 6

Teil 5: Kommunale Selbstverwaltungsstrukturen aufbauen – Die Arbeit der Volkshäuser und

Volksgerichte ..................................................................................................................................... 7

Teil 6: Ein neues Bildungssystem aufbauen – Schule auf Kurdisch .................................................. 9

Teil 7: Die Jugend ist der dynamischste Teil der Gesellschaft – Die Jugendkonföderation

Westkurdistans ................................................................................................................................. 11

Teil 8: Die Revolution in Westkurdistan ist die Revolution der Frau – Wie die kurdische Frau die

kurdische Gesellschaft demokratisiert ............................................................................................ 12

Anhang: ‚Demokratisches Syrien – Demokratisch Autonomes Westkurdistan‘ ein Interview mit

Aldar Xelil, Mitglied des Kurdischen Hohen Rates ........................................................................ 14

***Weitere aktuelle Informationen zu den Entwicklungen in Westkurdistan und den anderen Teilen

Kurdistans findet ihr auf unserer Homepage (www.civaka-azad.org) oder auf der Homepage der

Informationsstelle Kurdistans (www.isku.org) ***

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DIE REVOLUTION IN WESTKURDISTAN – TEIL 1

Situation der KurdInnen vor der Revolution

In Syrien tobt gegenwärtig ein blutiger Bürgerkrieg. Jeden Tag erscheinen Meldungen von bewaffneten Auseinandersetzungen und Massakern in den Medien. Doch in Syrien findet gegenwärtig auch eine Revolution statt. Es ist die Revolution von Westkurdistan. Bevor wir uns näher anschauen, um was für eine Revolution es sich genau handelt, wollen wir noch ein paar Hintergrundinfos zu den Kurdinnen und Kurden aus Syrien und Westkurdistan vorweg geben.

In Syrien und Westkurdistan leben rund 3 Mio. KurdInnen. Der größte Teil von ihnen lebt in den westkurdischen Städten wie Qamislo, Kobanî, Efrîn, Amudê oder Dêrik. Aber ein nicht unbedeutender Teil der Kurdinnen und Kurden musste, zumeist aus ökonomischen oder politischen Gründen, ihre Heimat verlassen und in syrische Städte wie Aleppo (Heleb) oder Damaskus ziehen. Heute gibt es in Aleppo, wo rund 600 000 KurdInnen leben, oder in Damaskus, wo es auch annähernd 500 000 KurdInnen sind, ganze kurdische Stadtbezirke. Die politische Situation des kurdischen Volkes in Syrien unterschied sich nicht bedeutsam von den anderen Teilen Kurdistan. Auch hier wurde die Sprache des kurdischen Volkes nicht anerkannt, auch hier führten die Machthaber aus Damaskus eine rigorose Assimilations- und Verleugnungspolitik gegenüber der Bevölkerung Westkurdistans. In Syrien gab es vor der Revolution ganze 16 kurdische Parteien, deren politischer Spielraum war jedoch stets äußerst begrenzt. Aufgrund der systematischen Repressionen wurden viele politische AktivistInnen festgenommen und verschwanden zum Teil hinter den Mauern der Gefängnisse des Baath-Regimes. Viele zogen es aufgrund der Repressionen vor, ins Ausland zu flüchten und verloren dadurch ihre Verbindung zur Basis in Westkurdistan.

Die Revolution beginnt …

In Westkurdistan ist die Revolution nicht von heute auf morgen vom Himmel gefallen. Ein ganzes Jahr haben sich die Kurdinnen und Kurden auf die passende Situation vorbereitet. Die erste Stadt, in der sich die Bevölkerung angefangen hat zu organisieren, war Dêrik. Von Dêrik aus verbreitete sich die Organisierung der Bevölkerung über ganz Westkurdistan und weit darüber hinaus. Denn auch in den kurdischen Stadtteilen im Rest von Syrien erreichte die Bevölkerung Westkurdistan einen hohen Organisierungsgrad. 

Organisierung der Bevölkerung – das ist die größte Waffe der KurdInnen gegenwärtig in Syrien. Nur dadurch kann die eigene Sicherheit inmitten eines Bürgerkrieges gewährleistet werden. So gelingt es der kurdischen Bevölkerung gegenwärtig in der umkämpften Stadt Aleppo die Gefechte aus ihren Stadtteilen herauszuhalten. Die Organisierung der Bevölkerung ist aber zugleich auch ein Garant für die Errungenschaften der KurdInnen in dieser revolutionären Phase.

Was die Bevölkerung erreichen kann, wenn sie organisiert auftritt und handelt, wurde bereits vor der Revolution in der westkurdischen Stadt Kobanî ersichtlich. Dort hatte das Assad-Regime vor langer Zeit schon die Ländereien der Bevölkerung beschlagnahmt. Doch vor drei Monaten entschied sich die Bevölkerung in einer organisierten Aktion die Länder wieder unter ihre eigene Kontrolle zu bringen. Und sie setzten ihre kollektive Entscheidung kurzerhand um und beschlagnahmten sozusagen ihr eigenes Land zurück. Zum Schutz des Landes wurden zudem bewaffnete Einheiten aus der Mitte der Bevölkerung organisiert. Diese Selbstverteidigungseinheiten, die sich später während der Revolution in allen kurdischen Orten unter dem Namen YPG organisieren sollten, beschützten die Ländereien erfolgreich, und die Regierung Assads beschloss lieber freiwillig die Länder aufzugeben, anstatt eine Eskalation der Situation zu riskieren. Diese Aktion in Kobanî kann gerne als die gelungene Generalprobe vor der Revolution verstanden werden.

Ausgangspunkt der Revolution waren die Moscheen „Zu Zeiten des Propheten Mohameds waren die Moscheen immer auch Zentren, in denen soziale Probleme diskutiert und gelöst worden sind. Nach seinem Tod verloren die Moscheen diese Funktion. Wir wollen die ursprüngliche Funktion der Moscheen wiederbeleben.“ Das sind die Worte eines religiösen Geistlichen aus Kobanî. Und auch in seiner Moschee beschloss das Volk, dass in der Nacht vom 18. auf dem 19. Juli die Revolution losgehen soll. Um ein Uhr nachts Ortszeit nahmen die Volksverteidigungskräfte der YPG die Straßen, die in die Stadt hinein- und hinausführen unter ihre Kontrolle. Die Bevölkerung setzte zeitgleich die Belagerung und Einnahme aller staatlichen Institutionen der Stadt ein. Schließlich versammelte sich die Bevölkerung vor dem Militärstützpunkt der Assad-Armee in Kobanî. Eine Delegation aus der Bevölkerung wurde hineingeschickt, um mit dem Militär zu verhandeln. Sie sollten ihre Waffen abgeben und man werde für ihre Sicherheit garantieren, das war das Angebot der kurdischen Seite. Und angesichts der Ausweglosigkeit gegenüber den Volksmassen willigten die Soldaten ein. Später kehrte ein Teil der ehemaligen Soldaten zu ihren Familien in die arabischen Städte zurück, während ein anderer Teil es aufgrund der Bedrohung durch die Freie Syrische Armee vorzog, in Kobanî zu bleiben.

Kobanî wird im kollektiven Gedächtnis der kurdischen Bevölkerung stets seinen Platz als Ausgangsort der westkurdischen Revolution behalten. Von Kobanî aus weitete sich die Revolution in den darauffolgenden Tagen auf weitere Städte Westkurdistans aus. Wie die Revolution weitergeht, denn sie ist noch im vollen Gange, und wie sie sich auf das Leben der Bevölkerung auswirkt, soll in den kommenden Teilen dieser Serie beschrieben werden.

DIE REVOLUTION IN WESTKURDISTAN – TEIL 2

Im zweiten Teil unserer Serie geben wir die erste Hälfte aus einem ausführlichen Interview mit dem Mitglied des kurdischen Hohen Rates Ilham Ahmet wieder. Das Interview wurde von der JINHA Journalistin Hazal Peker geführt.

Die Entwicklungen in Syrien sind weltweit weit oben auf der politischen Agenda. Wieso gibt es auf der ganzen Welt solch ein Interesse daran, ob es Syrien zu einem Regimewechsel kommt oder nicht?

Syrien hat eine historische Bedeutung. Und die Entwicklungen in Syrien werden eine Reihe von Veränderungen, die über Syrien hinausgehen, mit sich bringen. Insbesondere für die Staaten, die eine Vormachtstellung in der Region spielen, hat es deshalb eine besondere Rolle, in welche Richtung sich Syrien entwickelt. Man darf nicht vergessen, dass das internationale Kapital und die äußeren Mächte bereits mit dem Irak-Krieg begonnen haben, ihre Projekte für den Nahen und Mittleren Osten umzusetzen. Nach dem Irak mussten dann auch andere Staaten dran glauben.

Syrien spielt nun hierbei eine Schlüsselrolle, denn die Auswirkungen eines Regimewechsels in diesem

Land werden weitaus größer sein, als beispielsweise in Ägypten oder Libyen. Und deswegen hat jede

Macht seine eigenen Kalkulationen hinsichtlich Syriens. Wir reden hier also nicht bloß von einem Aufstand

des Volkes oder einem Bürgerkrieg, denn auch die äußeren Mächte spielen eine gewichtige Rolle in diesem

Konflikt. Dieser Krieg verläuft so blutig, weil es eben auch eine russische Front oder eine europäische

Front gibt. Jede dieser Mächte versucht in Syrien ein System nach ihren Vorstellungen zu installieren. Und

jede dieser Mächte hat selbstverständlich auch große Angst, ihren Einfluss in Syrien zu verlieren. Denn

sollte das geschehen, wäre das praktisch gleichbedeutend damit, dass diese Mächte auch in der gesamten

Region nichts zu sagen hätten und dadurch kein Stück des Kuchens im Mittleren Osten mehr erhalten

würden. Durch diesen Wirrwarr an Machtinteressen in Syrien herrscht allerdings auch eine ernsthafte

Gefahr vor, dass das Land dreigeteilt werden könnte. Dann würde es vermutlich zu einem alawitischarabischen,

einem sunnitisch-arabischen und zu einem gemeinsamen kurdischen und christlichen Teilstaat

in Syrien kommen. Diese These wird von vielen Kreisen angesichts der Eskalation der Situation als nicht

unrealistisch angesehen.

Welche Auswirkungen hat dieser Krieg auf die verschiedenen Minderheiten im Land?

Zwischen den verschiedenen Volksgruppen in Syrien herrscht zum größten Teil eigentlich ein

harmonisches Verhältnis. Es kommt eigentlich zu keinen Kämpfen zwischen den verschiedenen Gruppen.

Hinzu kommt, dass der ehemalige syrische Präsident Hafiz al-Assad eine sehr geschickte Politik verfolgte.

Er gewährte den Volksgruppen gewisse Rechte und versuchte dadurch den Menschen das Gefühl zu geben,

sie seien frei. So durften die Kurden zu Hause und auf der Straße ihre Sprache sprechen und in ihrer

traditionellen Kleidung auf die Straße gehen. Mit dieser Politik unterband Assad, dass die verschiedenen

Volksgruppen weitere Forderungen an das Regime stellten. Gleichzeitig verfolgte das Regime aber auch

eine Assimilationspolitik gegenüber den KurdInnen. Vielen Menschen wurde die syrische

Staatsbürgerschaft aberkannt und sie verloren dadurch ihre elementaren Grundrechte. Zusätzlich wurden im

Rahmen der Politik des „Arabischen Gürtels“ systematisch AraberInnen in den kurdischen Gebieten

angesiedelt und KurdInnen enteignet und deportiert.

Abgesehen von der Staatspolitik war und ist das Verhältnis zwischen den Völkern allerdings friedlich. Als

Beispiel kann ich das Zusammenleben der Kurden, Assyrer, Armenier und Araber in Derîk oder Qamislo

anführen. Das Zusammenleben ist so sehr ineinander gewachsen, dass man diese Gruppen nicht mehr

trennen kann. Jede Gruppe spricht ihre eigene Sprache und lebt ihre eigene Kultur. Zugleich hat sich die

kurdische Sprache, weil die KurdInnen in der Mehrheit sind, auf natürlichem Weg zur gemeinsamen

Sprache entwickelt. Und das stört die anderen Gruppen nicht, denn die KurdInnen haben ihre Sprache und

Kultur nicht den andere zwanghaft aufgedrängt.

Der kurdischen Bevölkerung ist es in den Gebieten, in denen sie leben, gelungen, die Kontrolle ohne

Blutvergießen an sich zu nehmen. Sie erklärten, dass sie sich selbst verwalten wollen. Welche

politischen Schlussfolgerungen kann man aus der Situation der KurdInnen in Syrien ziehen?

Wir können deutlich sagen, dass die KurdInnen die dritte oppositionelle Kraft, nach den äußeren Mächten

wie Europa und islamischen Opposition im Inland, sind. Und während das System und die übrige

Opposition einen blutigen Kurs fahren, setzen die KurdInnen auf einen friedlichen Widerstand. Wir halten

das für den sinnvolleren Weg. Es ging uns nicht darum, sofort die Waffen in die Hand zu nehmen und sie

gegen das Regime zu richten. Wir wollen unser Ziel eines demokratischen Syrien mit friedlichen Mitteln

umsetzen. Wegen diesem Kurs wurden uns von vielen Seiten Vorwürfe gemacht. „Warum kämpft ihr

nicht? Ihr leistet gar keinen Widerstand“, hieß es von verschiedenen Kreisen. Aber wir haben versucht zu

erklären, dass wir unseren Kurs für den richtigeren Weg erachten. Der Nahe und Mittlere Osten ist für sein

Blutvergießen bekannt. Wir wollen als KurdInnen beweisen, dass es auch anders gehen kann, dass mensch

auch mit friedlichen Mitteln für seine Rechte einstehen kann. Und die Tatsache, dass wir mit dieser Politik

bisher recht erfolgreich waren, bringt die restliche Opposition zum Grübeln. Auch der Staat und die

äußeren Mächte sind regelrecht schockiert über die Ergebnisse unserer Politik.

Lange Zeit hat sich der syrische Staat mit Gewalt gegen unsere Politik gewehrt. Sie dachten, dass das

kurdische Volk Syrien spalten will. Und sie haben Dutzende unserer Freundinnen und Freunde inhaftiert,

gefoltert und ermordet. Und dabei haben die KurdInnen stets nichts mehr verlangt, als ihre grundlegenden

Rechte. Aber der Staat hat auf seiner Verleumdungs- und Vernichtungspolitik beharrt. Jetzt mischt sich das

Regime nicht sonderlich in die Entwicklungen in Westkurdistan ein. Sie lassen mehr oder weniger die

KurdInnen gewähren. Das Regime denkt sich das Ganze wie folgt: „Wir lösen zunächst das Problem unter

den Arabern, und danach werden wir uns schon um die KurdInnen kümmern.“ Das ist ihre gegenwärtige

Herangehensweise. Aber sie lassen außer Acht, dass sich einiges geändert hat. Wir schreiben das Jahr 2012

und die Umstände haben sich ein wenig verändert. Sie können nicht mehr so leicht wie früher in unsere

Städte hineinspazieren und tun und lassen, was sie wollen. Wir sagen, dass sowohl das Regime als auch die

Opposition falsch an die Sache herangehen. Beiden Seiten geht es nur darum sich an der Macht zu halten

bzw. die Macht an sich zu reißen. Die KurdInnen agieren da schlauer und bauen gegenwärtig ihre

kommunalen Verwaltungsstrukturen in ihren Ortschaften auf.

Im nächsten Teil erklärt Ilham Ahmet, was die Ziele die KurdInnen in Westkurdistan und Syrien sind.

 

DIE REVOLUTION IN WESTKURDISTAN – TEIL 3

Was wollen die Kurdinnen und Kurden für Westkurdistan?

Was wir in Westkurdistan aufbauen wollen, ist die Demokratische Autonomie. Und der größte Teil der

kurdischen Bevölkerung unterstützt dieses System. Für sie ist das die bestmöglichste Lösung hier. Und die

Arbeiten für die Demokratische Autonomie laufen auf Hochtouren.

Gibt es überhaupt ein Fundament in Westkurdistan für die Demokratische Autonomie? Wenn ja, wie

sieht dieses aus?

Wie gesagt, wir befinden uns in der Aufbauphase und das Fundament entwickelt sich. Überall organisiert

sich das Volk in Rätestrukturen. Es entstehen parallel hierzu Frauenräte. Es entwickelt sich eine starke

Zivilgesellschaft, ÄrztInnen, IngenieurInnen, LehrerInnen und weitere Berufsgruppen organisieren sich. In

so gut wie jedem Lebensbereich organisiert sich die Bevölkerung. Das ist das Fundament der

Demokratischen Autonomie. Ein wichtiges Thema ist natürlich auch die Wirtschaft. Hier haben sich

ebenfalls die ersten Komitees zusammengeschlossen. Aber aufgrund der aktuellen politischen Situation

haben wir noch nicht den Fokus unserer Arbeiten auf die Wirtschaft gelegt. Wir werden die Arbeiten in

diesem Bereich, sobald es möglich ist, wieder auf unsere Tagesordnung setzen. Das wirtschaftliche Ziel in

der Demokratischen Autonomie wird es sein, Projekte zu entwickeln, durch die sich die Bevölkerung in

Westkurdistan weitgehend selbst versorgen kann.

Es ist die Rede von 16 politischen Parteien in Westkurdistan. Wie sieht die Zusammenarbeit

zwischen den Parteien aus? Kann das Ziel einer gemeinsamen kurdischen Politik erfolgreich

umgesetzt werden?

Du hast Recht. Es gibt insgesamt 16 kurdische Parteien in Westkurdistan. Und wir haben von Anfang an

betont, dass es für die Kurden von großer Wichtigkeit ist gemeinsam zu agieren. Aber es war natürlich auch

nicht leicht dies umzusetzen. Denn vor allem die Kräfte aus dem Ausland versuchten die eine oder andere

kurdische Partei für ihre eigenen Interessen zu gewinnen und zu instrumentalisieren. Die einflussreichste

kurdische Partei hier ist die PYD (Partei der Demokratischen Einheit). Sie genießt den meisten Zuspruch

der westkurdischen Bevölkerung. Und sie hat die Politik der kurdischen Einheit sehr stark vorangetrieben.

Wir wussten von Anfang an, dass es zwar keine ideologische Einheit geben kann, aber unter den gegebenen

Umstände musste eine politische Einheit der Kurdinnen und Kurden her. Deswegen haben wir uns alle in

Qamislo getroffen und beschlossen, gemeinsam zu handeln. Daraus ist der Kurdische Hohe Rat entstanden

und diese Entwicklung hat die kurdische Bevölkerung sehr gefreut. Die meisten kurdischen Parteien sind

Teil dieses Rates und diejenigen Parteien, die nicht Teil der kurdischen Einheit werden wollen, werden von

der Bevölkerung nicht mehr akzeptiert. Natürlich stört die kurdische Einheit die äußeren Mächte, allen

voran die Türkei. Auch andere Mächte, die auf dem Rücken der kurdischen Parteien ihre Interessen in

Syrien verwirklichen wollen, fühlen sich gestört und versuchen mit aller Kraft die Einheit wieder zu

spalten. Aber wie gesagt, keine kurdische Partei kann es sich leisten losgelöst vom Kurdischen Hohen Rat

Politik zu betreiben. Ganz einfach, weil das kurdische Volk sofort sehen würde, dass diese Partei dann nicht

mehr im Interesse der kurdischen Bevölkerung handelt.

Wie sieht es mit der Sicherheitspolitik des Kurdischen Hohen Rates aus? Gibt es Vorbereitungen für

den Fall eines möglichen Angriffs?

Seit dem Massaker von Qamislo am 12. März 2004 haben die Kurden angefangen ihre eigenen

Sicherheitskräfte zu organisieren. Nachdem die Bevölkerung in der letzten Zeit eine Stadt nach der anderen

In diesem Teil unserer Serie zu den Hintergründen der

Revolution in Westkurdistan geben wir den zweiten Teil des

Interviews mit Ilham Ahmet wieder. Ahmet ist eine von zwei

weiblichen Mitgliedern des Kurdischen Hohen Rates. Sie

beantwortet die Fragen der JINHA-Reporterin Hazal Peker.

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in Westkurdistan eingenommen hat, übernahmen die aus der Bevölkerung zusammengesetzten

Sicherheitskräfte die Verantwortung für den Schutz der Städte. Das ist die Geburtsstunde der sogenannten

Volksverteidigungskräfte (YPG). Die Kräfte der YPG kontrollieren heute die Zufahrtsstraßen in die

kurdischen Städte, tragen Mitverantwortung für die öffentliche Ordnung in den Städten und kontrollieren

die Grenzgebiete zu der Türkei und zu den arabischen Gebieten.

Aber unsere Selbstverteidigungsmechanismen laufen nicht allein über die bewaffneten Kräfte. Für uns heißt

Selbstverteidigung auch, dass die Bevölkerung im politischen Bereich seinen Einfluss wahren kann. Das

heißt, dass das Volk seinen Willen zum Ausdruck bringen können muss. Zudem muss es seine Kultur und

seine Sprache wahren und weitergeben können. Das sind für uns auch elementare Bereiche der

Selbstverteidigung. Und sowohl die bewaffnete als auch die unbewaffnete Selbstverteidigung läuft über die

Organisierung des Volkes.

Gibt es noch etwas, dass du sagen möchtest?

Für uns ist es ganz wichtig, dass die Welt versteht, worum es den Kurdinnen und Kurden in Syrien geht.

Uns geht es nicht darum die Macht zu ergreifen und die Türken, Araber oder die Perser zu unterwerfen. Wir

wollen ausschließlich unsere eigene Existenz schützen, uns selbst verwalten und unsere Kultur ausleben.

Zunächst geht es uns darum, dass wir unsere Errungenschaften schützen. Das zweite wichtige Ziel ist der

Aufbau der Demokratischen Autonomie.

 

DIE REVOLUTION IN WESTKURDISTAN - TEIL 4

Wir arbeiten für die Sicherheit unseres Volkes

Kurdo Mihemed: Wir sind Jugendliche, die in der Gegend hier aufgewachsen sind. Und als es hieß, dass

wir hier von nun an für die Sicherheit unseres Volkes arbeiten sollen, haben wir diese Aufgabe

übernommen.

Wir kontrollieren hier den Weg, der von Aleppo bis nach Heseke führt. Es wird in Schichten von jeweils

zwei Stunden gearbeitet, dann lösen wir uns gegenseitig ab.

Basil Ahmed: Ich arbeite an diesem Kontrollpunkt nun seit 15 Tagen. Wir arbeiten alle für die Sicherheit

unseres Volkes und es macht uns natürlich stolz, dass wir in diesen Tagen, in denen unser Volk mit klaren

Schritten in Richtung Freiheit marschiert, auch unseren Beitrag leisten können. Wir wollten freiwillig

unseren Dienst tun, sind zu einem Stützpunkt der YPG gegangen und haben uns eintragen lassen.

Mihemed Birahîm: Um unsere Heimat zu befreien, haben wir die kurdische Einheit geschaffen. Von nun

an muss jeder hier irgendwo mit anpacken. Und ich habe halt hier meine Aufgabe übernommen. Es macht

mich natürlich auch glücklich, meinen Beitrag leisten zu können.

Was hier gerade geschieht, ist eine Volksrevolution

Ahmed Bozan: Seitdem ich mich erinnern kann, lebten wir in unserer Heimat als Gefangene. Aber nun hat

sich hier einiges geändert. Von nun an werden wir nicht mehr zulassen, dass eine andere Macht über uns

herrscht. Was hier gerade geschieht, ist eine Volksrevolution. Wir werden alles tun, um ein freies Leben zu

ermöglichen. Es gibt für uns kein Zurück mehr. Ich möchte von hier aus auch Grüße an alle Menschen

unseres Volkes in allen vier Teilen Kurdistans entsenden, die gerade für ihre Freiheit kämpfen.

Die JINHA Reporterin Hazal Peker hat während ihrer Reise in Westkurdistan mit

Jugendlichen gesprochen, die für die Volksverteidigungseinheiten der YPG die

wichtigsten Zufahrtstraßen in die kurdischen Siedlungsgebiete kontrollieren. Die

YPG ist mittlerweile in Kobanî, Qamişlo, Afrin, Amude, Dilbese, Serê Kanî, Şex

Maksut Eşrefi (zugehörig zu Aleppo), Derîk, Girqalegê und Gire Gewr organisiert

und hat in diesen Orten die Verantwortung für die Sicherheit der Bevölkerung

übernommen. Peker sprach mit Jugendlichen, die an den Kontrollpunkten auf dem

Weg von Aleppo über Kobanî nach Heseke eingesetzt worden sind.

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Wir müssen unsere Verbindung zur Bevölkerung aufrechterhalten

Mustafa Ahmet: Wir arbeiten hier für unser Volk. Früher, als die Regimekräfte in diesem Gebäude waren,

haben sie unsere Menschen dort festgenommen und gefoltert. Heute sind wir hier und wir versuchen

unserem Volk dabei zu helfen, seine Probleme zu lösen. Um das zu schaffen, müssen wir unsere

Verbindung zur Bevölkerung aufrechterhalten. Sollten wir die Verbindung verlieren, können wir auch ihre

Probleme nicht lösen.

Ahmet Derwiş: Unser Volk kennt diese Kontrollstützpunkte nur als schlechte Orte, an denen gefoltert und

misshandelt wurde. Das ist auch verständlich, wenn man bedenkt, dass bisher die Mitglieder des Baath-

Regimes nicht für die Sicherheit des Volkes da waren, sondern dafür, die Menschen hier zu unterdrücken

und zu erniedrigen. Aber wir haben als Volk diese Kontrollpunkte an uns gerissen und die Regimekräfte

weggejagt. Und wir werden für das Volk unsere Aufgaben hier erfüllen.

Aus dem Militär zu den Volksverteidigungskräften

Ziyad Mustafa: Ich bin hier, um dabei zu helfen eine freie Gesellschaft aufzubauen. Davor war ich im

syrischen Militär. Dort wurde ich permanent ausgegrenzt und diskriminiert wegen meiner kurdischen

Herkunft. Als die Revolution hier losbrach, bin ich aus dem Militärdienst geflohen und hab mich direkt hier

gemeldet. Zwischen dem Militärdienst und dem Dienst hier liegen Welten. Dort herrscht permanent eine

angespannte Situation und man wird die ganze Zeit erniedrigt. Hier ist das Verhältnis zueinander

freundschaftlich. Wir machen Späße untereinander und verstehen uns gut. Zugleich nehmen wir aber

natürlich unsere Aufgaben ernst.

Ahmet Miraz: Bevor wir den Stützpunkt hier eingenommen haben, verbrachten wir zwei Tage mit

Vorbereitungen für die Aktion. An dem Tag sind wir dann mit 100 Leuten zu dem Stützpunkt gekommen.

Wir haben den Soldaten des Regimes erklärt, dass sie den Stützpunkt freigeben sollen und wir von nun an

für die Sicherheit hier sorgen werden. Wir haben keinerlei Gewalt gegen sie ausgeübt. Sie haben schließlich

eingesehen, dass ihnen die Hände gebunden sind und sie haben uns ihre Waffen überlassen und sind

weggegangen. Früher wäre solch eine Situation nicht denkbar gewesen. Aber in der jetzigen Situation blieb

ihnen nichts anderes übrig. Nun sorgen wir hier für die Sicherheit des Volkes und ich bin überglücklich,

hier meinen Teil dazu beitragen zu können.

Badi Seyfettin: Wir sind hier keine Soldaten irgendeines Staates. Wir sind ein Teil des Volkes und sorgen

uns um die Sicherheit der Bevölkerung. Wir übernehmen eine wichtige Aufgabe für den Aufbau einer

freien Gesellschaft. Wenn die Bevölkerung mit ihren Anliegen zu uns kommt und wir ihnen weiter helfen

können, sind wir die glücklichsten Menschen.

DIE REVOLUTION IN WESTKURDISTAN – TEIL 5

Mala Gel“ (deutsch: Volkshaus), so heißen in den westkurdischen

Städten die Zentren, in denen das gesellschaftliche Leben neu

geschaffen werden soll. Lange Zeit waren der kollektive Zusammenhalt

und das gesellschaftliche Bewusstsein der Kurdinnen und Kurden

Angriffsziele des Regimes. Nun soll im Zuge der Revolution das freie

und kollektive Leben wiederbelebt werden. Und so wurden, kurz

nachdem die KurdInnen die Kontrolle über ihre Städte erlangt hatten,

die Volkshäuser errichtet. In ihnen arbeiten die gewählten

VertreterInnen der Volksräte Westkurdistans und kümmern sich um die

Anliegen der Bevölkerung.

Hazal Peker sprach in Qamişlo mit Remziye Muhammed, einer jungen Frau, die mit deutlicher Mehrheit

zur Vorsitzenden des Volksrates von Qamişlo gewählt worden ist.

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Mit der Revolution soll auch ein alternatives Justizsystem in Westkurdistan aufgebaut werden. Die

sogenannten Volksgerichte stecken noch in den Kinderschuhen, werden allerdings von einer Vielzahl von

Menschen aufgesucht, die eine gerechte Lösung für ihre Probleme erwarten.

Die alten Gerichte des Baath-Regimes waren von der Bevölkerung kaum noch in Anspruch genommen

worden, weil von ihnen ohnehin keine Gerechtigkeit mehr erhofft wurde. Doch seitdem die Volksgerichte im

Aufbau begriffen sind, erwarten die Menschen von ihnen auch Lösungen für ihre alten bisher ungeklärten

Angelegenheiten. Peker sprach auch mit drei Mitgliedern des „Freiheitsgerichts von Kobanî“ über ihre

Arbeit.

Die Arbeit der Volkshäuser

Remziye Muhammed: Ich wurde bei der Wahl des Volksrats von Qamişlo zur Vorsitzenden gewählt. Das

ist natürlich eine ganz besondere Ehre für mich, vor allem als eine kurdische Frau. Auch für die

Bevölkerung von Qamişlo ist es eine besondere Erfahrung, endlich selbst ihre RepräsentantInnen

bestimmen zu dürfen. Zudem befinden wir uns in einer Phase, in der wir als Kurdinnen und Kurden Schritt

für Schritt unsere Rechte wiedererlangen. Das entfacht zusätzliche Begeisterung bei uns. Wir verwirklichen

in dieser revolutionären Phase überaus wichtige Projekte. So werden in allen Stadtteilen Rätestrukturen

aufgebaut. Das Volk erhält die Möglichkeit, nach seinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen selbst

Projekte in Gang zu setzen.

Wir wollen nicht, dass die Gefechte von außen auf unsere Region übergreifen. Wir wollen auch nicht mehr,

dass die Bevölkerung im Falle von Problemen den Staat um Hilfe anbettelt. Der Staat hat ohnehin nicht

mehr die Kraft, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Es kommt sogar vor, dass staatliche Stellen die

Bevölkerung an uns verweisen, weil sie einfach nicht mit deren Anliegen klarkommen. Für die

Bevölkerung ist das Ganze natürlich auch etwas völlig Neues. Jahrzehntelang war sie nur den autoritären

Umgang der Institutionen des Baath-Regimes gewohnt. Und nun gibt es Anlaufstellen, die selbst aus der

Mitte der Bevölkerung entstanden sind und in denen versucht wird, sich derer Probleme anzunehmen.

Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist auch die Jugend. Dabei setzen wir vor allen Dingen auf Bildung.

Insgesamt lässt sich sagen, dass der Fokus unserer Arbeit als Volkshäuser auf familiären Angelegenheiten,

Jugend- und Bildungsarbeit sowie wirtschaftlichen Angelegenheiten liegt. Wir versuchen quasi Lösungen

für die Probleme zu finden, die durch das Baath-Regime ungelöst gelassen worden sind.

Natürlich haben wir auch unsere Schwächen und das sind leider nicht wenige. Vor allem, wenn es um

Wasser- und Stromversorgung geht, stehen wir oft vor Schwierigkeiten. Wir versuchen, an diesen

Problemen zu arbeiten. Aber wir stehen bei den genannten Punkten vor dem Hindernis, dass wir nicht

losgelöst vom Staat handeln können. Das heißt, wir können noch keine eigene Wasser- und

Stromversorgung für die Städte bereitstellen. Zudem hat die Bevölkerung aufgrund des Krieges

wirtschaftliche Probleme. Das sind Sachen, die wir unbedingt angehen wollen. Aber unter den gegebenen

Umständen fällt uns das nicht leicht. Doch ich bin guter Dinge, dass wir auch diese Probleme lösen werden.

Wir stecken mitten in einer revolutionären Phase und wir arbeiten wirklich Tag und Nacht, um die

Probleme der Bevölkerung zu lösen. Dass die sehr solidarisch miteinander umgeht und sich gegenseitig

unterstützt, ist natürlich äußerst hilfreich für uns alle. Zwar haben manche noch gewisse Berührungsängste

gegenüber unseren neuen Strukturen, das sind vor allem einige Männer, die mit den Frauenkomitees und

Frauenratsstrukturen Schwierigkeiten haben. Aber die werden wir auch noch davon überzeugen, dass die

Befreiung der Frau und die Befreiung der Gesellschaft nur Hand in Hand vonstattengehen kann.

Das Freiheitsgericht von Kobanî: 300 Fälle in einem Monat

Ahmet Kobanî: Wir sind hier im Freiheitsgericht von Kobanî und wir sind Mitglieder dieses Gerichts.

Zurzeit besteht es aus sieben Männern und drei Frauen. Es ist das erste Volksgericht, das es in Kobanî je

gegeben hat. Als wir es gründeten, war der Staat noch nicht endgültig aus dem öffentlichen Leben

zurückgedrängt worden.

Daher glaubten wir auch nicht, dass sich dieses Gericht binnen so kurzer Zeit so immens entwickeln würde.

Wir dachten, dass wir es vielleicht mit zwei oder drei Fällen am Tag zu tun haben würden. Aber es kam

anders. Am Ende des Monats hatten wir uns um ganze 300 Fälle gekümmert. Es gibt viele ungelöste

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Probleme innerhalb unserer Bevölkerung und der Staat hatte sich ihrer nie ernsthaft angenommen. Es ging

ihm nur darum, wie noch mehr Geld aus den Menschen hier herausgepresst werden konnte. Dem haben wir

mit der Übernahme der Kontrolle Einhalt geboten. Während zuvor hier in der Gegend Kreditwucher weit

verbreitet war, haben wir dies direkt verboten. Nun ahndet unser Gericht diese Fälle. Insgesamt gibt es neun

weitere Zweigstellen der Volksgerichte in den verschiedenen Stadtteilen. Die Fälle werden zunächst dort

behandelt. Wenn sie dort nicht gelöst werden können, kümmern wir uns hier darum.

Muhammed Halit: Unsere Aufgabe hier ist es nicht, die Interessen des Staates zu vertreten. Wir sind keine

Sklaven des Staates. Wir sind Teil der Volksgerichte und wir versuchen mit aller Kraft, die Probleme im

Sinne der Bevölkerung zu lösen. Unsere Rechtsprechung beruht auf den ethischen Grundsätzen der

Gesellschaft. Früher war es so, dass hier an den staatlichen Gerichten das Recht auf der Seite der

Mächtigeren war. Uns geht es mit unserer Tätigkeit darum, dieses Verständnis auszumerzen. Deshalb haben

wir hier auch unsere eigenen Gerichte aufgebaut.

Osman Kobanî: Eines der wichtigsten Probleme in unserer Stadt ist die Geschlechterfrage. Es gibt

Männer, die mehrere Frauen haben. Oft wertschätzen diese Männer dann auch mehr diejenigen Frauen, die

Söhne und keine Töchter gebären. Das ist eine tragische Situation, denn die Frau wird wie ein Mensch

zweiter Klasse behandelt. Wir als Volksgerichte tragen auch eine Verantwortung, um dieses Verständnis zu

durchbrechen. Die meisten Fälle, die an uns herangetragen werden und an denen auch Frauen beteiligt sind,

sind Scheidungsklagen. Wir versuchen für diese Fälle gerechte Lösungen zu finden. Wenn beide Beteiligte

eines Falles Frauen sind, leiten wir ihn an Yekitîya Star [die Frauenbewegung Westkurdistans] weiter, weil

wir davon ausgehen, dass Frauen sich der Probleme von Frauen am besten annehmen können. Unter den

MitarbeiterInnen unseres Gerichts befinden sich aktuell auch drei Frauen. Ich hoffe, dass diese Zahl in

Zukunft weiter steigen wird.

DIE REVOLUTION IN WESTKURDISTAN – TEIL 6

Im Zuge der Revolution in Westkurdistan musste die Bevölkerung anfangen zu lernen, sich im Sinne ihrer

Bedürfnisse selbst zu organisieren. So wurden verschiedenste zivilgesellschaftliche Organisationen

geschaffen, die allesamt in ihren Bereichen im Dienste der Bevölkerung arbeiten sollen. Eines der

wichtigsten Bedürfnisse der Bevölkerung ist es, ihre kurdische Muttersprache – diese bisher verbotene

Sprache – wieder zum Erblühen zu bringen, um das öffentliche Leben wieder auf Kurdisch leben zu

können. Hierfür soll zunächst für die Schülerinnen und Schüler Kurdisch zur Schul- und Lehrsprache

werden. Um dies umsetzen zu können, bedarf es allerdings gut ausgebildete kurdische Lehrkräfte, die in

ihrer Muttersprache die Kinder unterrichten können. Und hier herrscht ein großer Mangel vor.

Doch auch für dieses Problem soll schnellstmöglich Abhilfe geschaffen werden. Als die Revolution in

Westkurdistan losbrach, sind dutzende kurdische Studierende aus den syrischen Metropolen in ihre Heimat

zurückgekehrt, um in dieser historischen Phase mit anzupacken. Und viele von ihnen befinden sich

gegenwärtig in der Ausbildung für den Lehrberuf. Ihr Alter ist zwischen 18 und 25 Jahren und viele von

ihnen haben vermutlich nie damit gerechnet, irgendwann einmal als LehrerIn zu arbeiten. Denn unter den

Studierenden befinden sich nicht nur Studierende für das Lehramt, sondern auch Jura- oder Ingenieurs-

StudentInnen. Doch aufgrund des dringenden Bedarfs an LehrerInnen in Westkurdistan haben sich diese

jungen Menschen für diesen Beruf umentschieden. Doch bevor sie die Kinder in kurdischer Sprache

Nach der Befreiung der kurdischen Städte vom Baath-Regime lautete

eine der grundlegenden Aufgaben, die kurdische Sprache in das

öffentliche Leben Westkurdistans zurückzuholen. Besondere

Schwierigkeiten bereitet es, die kurdische Sprache als Lehrsprache in

den Schulen umzusetzen. Es mangelt sowohl an Lehrmaterial in

Kurdisch als auch an qualifizierten LehrerInnen. Doch die KurdInnen

sind guter Dinge auch diese Schwierigkeiten zu meistern. „Als der

kurdische Lehrer Ferzad Kemanger im Iran durch den Strick getötet

werden sollte, sagte er auf seinen letzten Schritten Ihr könnt tun, was ihr

wollt. Aber am Ende werden wir die kurdischen Kinder in ihrer

Muttersprache unterrichten.‘ Wir setzen in Westkurdistan nun den

letzten Wunsch Kemangers um“, so ein angehender kurdischer Lehrer.

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unterrichten können, müssen die angehenden LehrerInnen erst einmal selbst auf Kurdisch lesen und

schreiben lernen. Denn auch ihre Unterrichtssprache ist bisher stets Arabisch gewesen. Hazal Peker von der

Nachrichtenagentur JINHA hat mit zwei Verantwortlichen für die Ausbildung der LehrerInnen und mit

zwei Kindern, die zu den ersten SchülerInnen an kurdischsprachigen Schulen gehören, gesprochen.

Wir erwarten Unterstützung aus den anderen Teilen Kurdistans

Müslüm Nabo (Verantwortlicher für die Ausbildung der LehrerInnen): „Mit der kurdischen Revolution

haben wir den Bildungsbereich in zwei Schritten umgewandelt. Mit dem ersten haben wir die

Bildungseinrichtungen aus den Händen des arabischen Regimes entrissen. Wir haben angefangen, selbst

den Unterricht in den Städten und Dörfern zu geben. In einem zweiten Schritt haben wir alle Fächer aus

dem Lehrplan genommen, die zur Assimilation des kurdischen Volkes beitragen. Es gab am Anfang das

Problem, dass es nicht genügend Lehrmaterial in kurdisches Sprache gab. Dieses Problem versuchen wir

nun anzugehen. Wir haben eine erste Konferenz in Westkurdistan zur Entwicklung der kurdischen Sprache

abgehalten und dort den Beschluss gefasst, eine Zeitschrift in kurdischer Sprache über die kurdische

Sprache herauszugeben. Man merkt an diesen Schritten, dass wir selbstbewusst agieren, dass wir keine

Angst mehr haben, wenn es um unsere Sprache geht. Ein großes Problem für uns ist, dass es hier kaum

kurdischsprachige Bücher gibt. Was diesen Punkt angeht, erhoffen wir uns Unterstützung aus den anderen

Teilen Kurdistans.

Kurdisch ist nie in einem Teil Kurdistans Amtssprache gewesen. Aufgrund dessen hat sich die Sprache

natürlich auch von Region zu Region über die Zeit differenziert. Heute werden manche Worte an dem einen

Ort anders ausgesprochen als an einem anderen Ort. Zudem haben sich in Nordkurdistan viele türkische

Begriffe ins Kurdische eingeschlichen, hier sind es viele arabische Worte, die sich eingeschlichen haben.

Das sind Probleme, die wir jetzt angehen müssen und für die wir Lösungen finden sollten. Deswegen an

dieser Stelle auch mein Aufruf an alle diejenigen, die sich wissenschaftlich mit unserer Sprache befassen,

dass sie hierauf Acht geben sollen.“

Ruken Nebo(Verantwortliche für die Ausbildung der LehrerInnen): „Allein in Kobanî gibt es aktuell zehn

Schulen, in denen wir die kurdische Sprache unterrichten. Und diese Zahl wird noch wachsen. Zurzeit

bilden wir die Lehrerinnen und Lehrer aus, die in kurdischer Sprache unterrichten sollen. Das sind

historische Aufgaben in einer historischen Phase. Deswegen sind wir hier auch alle sehr aufgeregt. Unsere

Kinder sollen in Zukunft in ihrer eigenen Sprache lesen und schreiben können. Uns geht es darum, dass sie

nicht dasselbe durchmachen müssen, was wir durchmachen mussten. Wir hatten als kurdische Kinder mit

großen Schwierigkeiten an den arabischen Schulen zu kämpfen.“

Sirin Mustafa (7 Jahre alt): Ich bin hier, um meine eigene Sprache zu lernen. Und ich habe bereits ein

erstes Gedicht auf Kurdisch gelernt. Das möchte ich euch vortragen:

Ich war ein kleines Kind

Habe der Welt meine Augen geöffnet

Überall Trauer und Leid

und ich suche meine Muttersprache

Mama, ich sage es dir

Mein Lehrer, ich sage es dir

Ich möchte meine Muttersprache lernen

Amara Ahmed (8 Jahre alt): Ich möchte nicht Arabisch lernen und auf die Schulen des Staates gehen. Ich

will die Sprache lernen, die Mama und Papa sprechen. Meine Mama sagt, dass sie ihr Leben lang auf diese

Tage gewartet hat. Sie sagt, dass ihre Träume wahr geworden sind und ich ihren Traum lebe.

11

DIE REVOLUTION IN WESTKURDISTAN – TEIL 7

Jugendkonföderation: Eine Organisation, nach der SchülerInnen und Studierende gedürstet haben

Dicle Çarçel (Mitglied der Jugendkonföderation): Ich bin Mitglied der Jugendkonföderation. Wir haben

diese Konföderation am 27.Mai in Aleppo gegründet. Sofort nach unserer Gründung haben wir gemerkt,

was für ein großes Interesse die SchülerInnen und StudentInnen an unserer Konföderation haben.

Anscheinend haben sie nach solch einer Organisation gedürstet. Wir haben mit ganz wenigen Mitgliedern

angefangen und sind sehr schnell gewachsen.Schon kurz nach unserer Gründung haben wir Gruppen in

Rakka, Damaskus, Lasqi und Hasekê aufgebaut. Wir haben uns in zuerst vor allem auf Städte konzentriert,

in denen es Universitäten gibt. Kurz darauf haben wir dann unseren ersten Kongress abgehalten. Auf dem

Kongress haben wir über verschiedene grundsätzliche Fragen lange Diskussionen geführt. Es ging

beispielsweise darum, mit welchem Bewusstsein die kurdische Jugend aufwachsen sollte. Eine andere

Frage war, welche Verantwortung der Jugend in dieser revolutionären Phase zukommt oder wie die

Studierenden einen Beitrag für die kurdischsprachige Schulbildung leisten können. Wir haben für die

verschiedenen Bereiche Kommissionen aufgebaut, mit denendiese Frage im Sinne unserer Diskussionen

angegangen werden sollen. Die Sprache ist aktuell natürlich ein sehr wichtiges Gebiet für uns. Das liegt

ganz einfach daran, dass die Schulbildung bisher nur in arabischer Sprache stattgefunden hat und wir nun,

was das betrifft, einen kompletten Neuanfang machen.

Ein anderes wichtiges Thema ist die Geschlechterfrage. Auch hier haben die Frauen innerhalb unserer

Konföderation ihre eigene Kommission aufgebaut. Sie befassen sich mit der Bewusstseinsbildung bei den

Frauen. Denn wenn die Frau sich nicht selber befreien kann, wird sich auch keine Gesellschaft und kein

Land dieser Welt nicht befreien können. Die Frauenkommission setzt sich auch mit den Spielchen des

Systems gegenüber der Frau auseinander. Sie versucht diese zu dechiffrieren und ins Leere laufen zu lassen.

Candoz Beki (Mitglied der Jugendkonföderation): Das Baath-Regime versuchte mit allen Mitteln, unsere

Jugend zu verwahrlosen und zu degenerieren. Dagegen führen nun unseren Kampf. Wir versuchen, der

Jugend ein Bewusstsein für ihre Sprache und Kultur, aber auch für ein verantwortliches Leben zu

vermitteln. Unserem ersten Aufruf hierfür sind viele gefolgt und haben sich uns angeschlossen. Ich bin mir

sicher, wir werden schon bald schöne Tage erleben.

"Ohne die Freiheit der Frau, keine Freiheit der Gesellschaft"

Doz Kobanî (Mitglied der Jugendkonföderation): Wir arbeiten hier als Mitglieder der Jugendkonföderation

für unsere Bevölkerung. Den wichtigsten Teil unserer Arbeit macht die Frauenarbeit aus. Denn unser

Vorsitzender sagte nicht zu Unrecht, dass ohne die Freiheit der Frau sich auch die Gesellschaft nicht

befreien kann. Deswegen setzen wir vor allem bei den jungen Frauen an und bieten auf sie ausgerichtete

Bildungsarbeit an. Zudem setzen wir uns mit der Zivilisationsgeschichte auseinander und thematisieren

tiefgehend die 5000jährige Geschichte des Patriarchats. Wir klären also die jungen Menschen darüber auf,

welche Stellung der Frau in der Gesellschaft vor dem Beginn des Patriarchats zukam und was in der Zeit

danach der Mann aus ihr gemacht hat. Diese Diskussionen sind für uns sehr wichtig.

Wenn wir heute noch Kurdisch sprechen können, haben wir das unseren Müttern zu verdanken. Unsere

Mütter haben nämlich zu Hause mit uns in unserer Muttersprache gesprochen. Unsere Kultur, unser

Zusammenleben mit der Natur, das alles haben uns die Mütter weitergegeben. Sie sind sozusagen während

der gesamten Zeit der Unterdrückung die Hüterin unserer Kultur und Geschichte gewesen. Diese Tatsachen

Die Jugend ist der dynamischste Teil der Gesellschaft und für autoritäre

Regime deshalb auch oft der gefährlichste. Aufgrund dessen war die

kurdische Jugend unter dem Baath-Regime stets einer starken Repression

ausgesetzt. Mit dem Ausbruch der Revolution hat die Jugend nun ihre

Selbstorganisierung deutlich gestärkt. Immerhin kommt der Jugend eine

große Verantwortung in dieser revolutionären Phase zu. Hazal Peker

(JINHA) sprach hierüber mit drei Mitgliedern der Patriotischen

Jugendkonföderation aus Westkurdistan.

12

haben wir uns während der Bildungsarbeit immer wieder vergegenwärtigt. Wenn die Frau sich selbst nicht

vergisst, geht auch ihre Kultur nicht verloren.

Vor allem die Frauen hier in Kobanî haben stets viel Leid erfahren. Das Baath-Regime hat vor allem die

Männer schlecht behandelt. Die Männer haben das anscheinend von ihm übernommen und dann wiederum

unsere Frauen schlecht behandelt. Deswegen haben wir unsere Bildungsarbeit auch auf die Männer hier

zugeschnitten. Mit der Revolution hat sich vieles im Verhalten der Männer verändert. Die Männer haben

wieder angefangen, ihre Identität zu schützen. Und was genauso wichtig ist, sie haben angefangen, ihre

Frauen wieder zu respektieren. Vor allem diese Tatsache hat uns mit Stolz erfüllt. Wir werden als

Jugendkonföderation genau an diesem Punkt weiterarbeiten und unsere politische Bildungsarbeit fortsetzen.

DIE REVOLUTION IN WESTKURDISTAN – TEIL 8

Star ist in der kurdischen Mythologie der Name der ersten Göttin und bedeutet im heutigen

Sprachgebrauch auch Stern. Alle Frauen, die sich in Westkurdistan in sozialen, politischen oder

militärischen Bereichen engagieren, sind stets auch Mitglied der Yekitiya Star.

Bildung und Organisierung

In allen befreiten Städten Westkurdistans bauen die Frauen ihre eigenen Bildungseinrichtungen unter dem

Namen „Navenda Zanist û Perwerdeyê Jinê“ auf. Diese zentralen Anlaufstellen für Frauen gibt es nun seit

rund zwei Monaten. Sie sollen nicht nur in den westkurdischen Städten aufgebaut werden, sondern auch in

den arabischen Städten mit hohem kurdischen Anwohneranteil. Die Frauen kommen in diese Zentren, um

mit anderen Frauen über ihre familiären und sozialen Probleme zu sprechen und um gemeinsam Lösungen

für diese zu finden. Zusätzlich gibt es ein wöchentliches Bildungsangebot für die Frauen. Bei diesen

Bildungsveranstaltungen geht es dann um Themen wie den gesellschaftlichen Sexismus, die Geschichte der

Frau, die Demokratische Autonomie oder die legitime Selbstverteidigung.

Schauen wir uns das Beispiel Kobanîs an: Dort haben die Mitarbeiterinnen des Frauenzentrums erfolgreich

den Aufbau des Frauenrates von Kobanî vorangetrieben, damit alle Frauen die Möglichkeit haben für sich

selbst zu entscheiden. Zuvor waren die Frauen ausschließlich in den insgesamt neun Stadtteilräten von

Kobanî aktiv. In jedem dieser Räte gibt es eine feste Geschlechterquote; von zwei SprecherInnen des Rates

ist eine Frau. Nun haben die Frauen neben ihrer Tätigkeit in den gemischten Strukturen auch ihren eigenen

Rat aufgebaut und ihre Delegiertinnen gewählt. Insgesamt 135 Frauen bilden gegenwärtig den Frauenrat

von Kobanî. Den Anstoß für die Selbstorganisierung in Kobanî und ganz Westkurdistan erklärt die Co-

Vorsitzende des Volksrates von Kobanî, Ayşe Efendi, mit folgenden Worten: „Wir haben festgestellt, dass

es keinen Sinn macht, im Schatten von gewissen Kräften zu sitzen und von ihnen eine Wohltätigkeit zu

erwarten. Das haben wir uns klar gemacht und beschlossen, dass wir jetzt selbst anpacken müssen.“

Die Reporterin der Frauennachrichtenagentur JINHA, Hazal Peker, sprach mit verschiedenen Frauen über

die Rolle der Frau in der Revolution von Westkurdistan:

„Wir müssen die alte Mentalität überwinden“

Die Vorsitzende des Volkshauses von Qamişlo, Remziye Muhamed, erklärt, welche Schwierigkeiten es in

ihrer Stadt gibt, die Frauen zu organisieren: „Wir wissen als kurdische Frau, dass ohne uns die Revolution

nicht erfolgreich verlaufen kann. Die Frau kann nicht nur alleine einen Haushalt führen, sie kann zugleich

auch eine Vorreiterrolle in der Organisierung der Bevölkerung spielen. Wenn wir dieses Potential der

Frauen nicht umsetzen können, ist das eine große Schwäche unserer Gesellschaft. Wir führen gerade den

Kampf diese Tatsache in das Bewusstsein der Menschen hier hineinzutragen. Denn, ob frau will oder nicht,

Die Revolution in Westkurdistan ist zugleich auch eine

Revolution der Frau. Denn die Frauen organisieren sich im

Zuge dieser Revolution, bauen Frauenzentren in den befreiten

Städten auf und spielen eine Vorreiterrolle in den Volksräten,

den Bildungseinrichtungen und den

Volksverteidigungseinheiten. Die Organisation der kurdischen

Frauen heißt „Rojavayê Kurdistanê Yekitiya Star“ – zu

Deutsch „Westkurdischer Verband Star“.

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das Regime und die arabische Mentalität haben das Denken unserer Männer über die Jahre sehr stark

beeinflusst. Wir müssen nun diese alte Mentalität mit aller Kraft überwinden. Wir werden große Mühen

aufbringen, damit die Frauen in dieser Stadt ihre Vorreiterrolle einnehmen können. In den Städten zeigt

unsere Arbeit bereits Früchte. Viele Familien motivieren bereits ihre Töchter dazu, sich gesellschaftlich zu

engagieren. In den Dörfern ist unsere Arbeit traditionell etwas schwieriger. Aber auch dort scheuen wir

keine Arbeit, um unser Ziel zu erreichen. Diese Schwierigkeiten sind nichts Außergewöhnliches in einer

revolutionären Phase.“

„Es ist die Aufgabe der Frau die Gesellschaft zu demokratisieren“

Gegenwärtig sind zwei der zehn MitgliederInnen des Kurdischen Hohen Rates Frauen. Eine dieser Frauen

ist Ilham Ahmet. Sie sagt, dass sie sich über ihre Rolle in diesem Rat nur verhalten freuen kann, weil die

Geschlechterquote von 40 % nicht eingehalten werden konnte. Sie bringt mit folgenden Worten ihre

Gefühle zum Ausdruck: „Im Kurdischen Hohen Rat habe ich und eine weitere Freundin von Anfang an

teilgenommen. Dass auch Frauen in diesem Rat vertreten sind, hat der Bevölkerung Mut und uns gegenüber

Vertrauen gegeben. Denn die Aufgabe, diese Gesellschaft zu demokratisieren, fällt vor allem den Frauen

zu. Leider sind wir zurzeit nur zwei Frauen in diesem Rat. Wir konnten die Geschlechterquote in diesem

Gremium nicht durchsetzen. Es wird zu den Aufgaben unseres Widerstandes als Frauen gehören, dass diese

Quote in Zukunft eingehalten wird. Die Frau muss die Stellung erhalten, die ihr gebührt. Denn überall in

der Revolution in Westkurdistan spielen die Frauen eine Vorreiterrolle. Schaut euch die verschiedenen

Aktionen hier an, die verschiedenen Organisationen. Überall werdet ihr Frauen in den vordersten Reihen

finden. Der Großteil der Gesellschaft akzeptiert diese Stellung der Frau bereits. Und diejenigen, die es noch

nicht akzeptieren, werden wir auch überzeugen. Wenn die aktiven Frauen die Familien besuchen, werden

sie mit großer Freude empfangen. Jede einzelne von ihnen ist für das Volk eine Heldin, eine

Revolutionärin.“

Das Volk wird von bewaffneten jungen Frauen geschützt

Auch in den Reihen der Volksverteidigungseinheiten (YPG) sind neben den jungen Männern auch

zahlreiche junge Frauen organisiert. Nach einer militärischen Grundausbildung ist ein Teil der jungen Leute

für die Sicherheit auf den Zufahrtsstraßen in die Städte verantwortlich. Ein anderer Teil kümmert sich um

die Sicherheit und die Ordnung in den Städten selbst. Hazal Peker sprach mit zwei jungen Frauen die sich

der YPG angeschlossen haben.

Mizgin Mahmud: „Ich bin als junge Kurdin bereit meiner Verantwortung in der kurdischen Revolution

gerecht zu werden. Deswegen hatte ich auch keine Scheu den Dienst für die Sicherheit der

Bevölkerung bei

der YPG zu beginnen. Ich arbeite sowohl an den Kontrollpunkten vor der Stadt, als auch in der Stadt. Das

ist eine Aufgabe, von der ich mit Stolz eines Tages meinen Kindern berichten werde. Wir bauen nämlich

für unsere Kinder ein Land auf, in welchem sie sich selbst verwalten, sich selbst verteidigen und in ihrer

Muttersprache sich in den Schulen bilden können.“

Newroz Suleyman: „Viele denken, dass die Selbstverteidigung des Volkes eine Aufgabe der Männer sei.

Sie liegen falsch, denn auch die Frau kann die Aufgabe der Selbstverteidigung diszipliniert übernehmen.

Der beste Beweis hierfür ist das, was heute in Westkurdistan passiert. Wir sind als Kurdinnen und Kurden

stolz darauf, dass wir diese Revolution unblutig und unter der Vorreiterrolle der Frau bisher umsetzen

konnten.“

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„DEMOKRATISCHES SYRIEN – DEMOKRATISCHAUTONOMES

KURDISTAN“

Aldar Xelil, Mitglied des Kurdischen Hohen Rates in Westkurdistan, im

Interview für den Kurdistan Report

Während in Syrien die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der

Freien Syrischen Armee und dem Assad Regime weiter eskalieren,

versuchen die Kurden, ihre Organisierung in ihrer Region voranzutreiben

und ihre Sicherheit zu gewährleisten.

In Städten wie Kobanî (Ain al-Arab), Afrîn, Dêrika Hamko (Al-Malikiya)

und Amûdê hat die kurdische Bevölkerung gewaltlos die staatlichen Institutionen besetzt und die Kontrolle

vom Assad-Regime übernommen. Vor allem die türkische Regierung reagierte aggressiv mit

Interventionsdrohungen auf diese Entwicklung.

Dennoch sind die rund 3,5 Millionen Kurdinnen und Kurden in Syrien entschlossen, an ihrem

Lösungsprojekt „Demokratisches Syrien – demokratisch-autonomes Kurdistan“ festzuhalten. Über dieses

Thema, die Gründung des Kurdischen Hohen Rates und der Volksverteidigungseinheiten (YPG) sowie die

Drohungen der türkischen Regierung sprach Devriş Çimen für den Kurdistan Report mit dem Mitglied des

Kurdischen Hohen Rates Aldar Xelil.

Nach verschiedenen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens ist jetzt schließlich auch das Baath-

Regime in Syrien mit einem Volksaufstand konfrontiert. Wo stehen die Kurden dabei?

Seit dem Jahr 2010 erleben die Länder Nordafrikas und des Nahen und Mittleren Ostens äußerst bewegte

Tage. Die Ereignisse und Entwicklungen in der Region werden unter der Bezeichnung „Arabischer

Frühling“ subsumiert. Vor allem die Ereignisse in Tunesien und Ägypten können als Volksaufstände gegen

die Diktaturen im eigenen Land bezeichnet werden. Sie haben auch die Türen für ähnliche Entwicklungen

in den anderen Ländern der Region geöffnet. Dort setzte sich die Opposition, auf die innere Dynamik

bauend, für einen demokratischen Wandel ein, was wiederum für die umliegenden Länder zur

Inspirationsquelle wurde.

In Libyen und Syrien, ebenfalls zwei Staaten mit Demokratieproblemen, hat sich das Ganze dann in eine

etwas andere Richtung entwickelt. Das Gaddafi-Regime in Libyen wurde vor allem durch äußere Mächte zu

Fall gebracht. Und in Syrien halten die Gefechte noch weiter an.

Auch wenn jedes einzelne dieser Regime in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten seine

Eigenheiten hatte, so weisen sie doch gewisse Schnittmengen auf. Alle konnten sich in ihrer alten

Verfassung nicht länger halten und in der Bevölkerung gab es das Bedürfnis nach Demokratisierung. Diese

Regime hatten im 20. Jahrhundert ihre Dienste für das [imperialistische] System geleistet und ihre

Lebenserwartung war langsam aber sicher erfüllt. Sie mussten also früher oder später untergehen und das

ist dann auch geschehen.

Die Frage ist jedoch, ob in dieser bewegten Zeit die Probleme der Länder gelöst worden sind? Die Antwort

lautet: Nein, sie bestehen weiter. Manche Länder stecken aufgrund der Zuspitzung der Probleme sogar im

Chaos, und andere wiederum wollen von dieser Situation profitieren. Die Türkei, Frankreich oder

Deutschland gehören beispielsweise zu letzteren.

Die Situation der Kurden ist im Gegensatz dazu noch mal eine unterschiedliche, denn sie kämpfen in der

Region um die Wahrung ihrer Existenz und um ihre Freiheit. Das ist ein wichtiger Aspekt. Es geht ihnen

nicht darum, die Macht zu übernehmen. Und deshalb unterscheidet sich die Situation in Kurdistan von der

in den anderen Ländern des „Arabischen Frühlings“. Und weil ihr Ziel nicht die Staatsmacht ist,

positionieren sie sich weder auf der einen noch auf der anderen Seite, sondern agieren unabhängig.

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Während überall in Syrien gekämpft wird, haben die Kurden in einigen Städten Westkurdistans

unter Führung der PYD (Partei der Demokratischen Einheit) die Kontrolle ganz ohne

Gewaltanwendung übernommen. Wie ging das vonstatten? Gab es dafür bestimmte Vorbereitungen?

Wir haben bereits in der Vergangenheit klargestellt, dass wir nicht die Absicht hegen, die Staatsmacht an

uns zu reißen oder das Land zu teilen. Deshalb darf die Tatsache, dass wir in Westkurdistan begonnen

haben, Selbstverwaltungsstrukturen aufzubauen, nicht falsch interpretiert werden.

In der Phase, als die Kurden begonnen hatten, die Kontrolle in ihren Städten zu übernehmen, wurde ein

Anschlag, vermutlich der Freien Syrischen Armee, auf ein Krisentreffen der Regierung verübt. Einige

wichtige Vertreter des Regimes verloren dabei ihr Leben oder wurden schwer verletzt. Das hat in der

Regierung für einige Demoralisierung gesorgt und die Erwartung genährt, dass das Regime bald abdanken

würde. Das schuf natürlich auch ein gewisses Machtvakuum.

Das bedeutet aber nicht, dass wir diesen Prozess in Westkurdistan nur aufgrund dieser generellen

Unsicherheit im Land oder des Machtvakuums in Gang gesetzt hätten. Wir begreifen ihn vielmehr als

revolutionäre Intervention mit dem Ziel, die Selbstverwaltung unseres Volkes aufzubauen und die

Bevölkerung vor einem Krieg zu schützen, dessen Entwicklung und Ausgang weiter ungewiss erscheinen.

Wir können sagen, dass wir hierbei erfolgreich waren. Unser Volk in Westkurdistan ist momentan vor den

möglichen verheerenden Auswirkungen dieser chaotischen Situation geschützt.

Die Antwort auf die Frage, wie das gewaltlos geklappt hat, hängt mit dem Organisierungsgrad der

Bevölkerung zusammen. Die ist in Westkurdistan sehr gut organisiert. Man sollte das wirklich nicht

unterschätzen. Für diesen Organisierungsgrad wurde jahrzehntelange Arbeit investiert und große Opfer

mussten gebracht werden. Und nicht nur das. In Westkurdistan sind auch immer die Erfahrungen des

Widerstands aus allen Teilen Kurdistans zusammengetragen worden. Ohne Berücksichtigung dieser

Tatsachen kann diese Entwicklung auch nicht verstanden werden. Wir haben die gesamte Entwicklung in

dieser Form schon kommen sehen und waren darauf vorbereitet. Die sich ausweitenden Gefechte und das

Machtvakuum haben diese Entwicklung lediglich beschleunigt.

Nachdem die Bevölkerung die Kontrolle übernommen hatte, bildete sich der Kurdische Hohe Rat.

Wie ist dieser Rat zu verstehen und welche Kreise umfasst er?

Die Bestrebungen, eine kurdische Einheit in Westkurdistan zu schaffen, sind nicht neu. Der Prozess hatte

also schon früher begonnen und gelangte mit der Gründung des Kurdischen Hohen Rates zu einem

Ergebnis. Wir haben uns seit dem 15. März 2011 bemüht, den Weg für eine kurdische Einheit zu ebnen.

Wir wollten eine erste Konferenz organisieren, an der die Vertreter aller kurdischen Parteien aus

Westkurdistan teilnehmen sollten. Aber gewisse Kreise funkten dazwischen und die Bemühungen blieben

zunächst ergebnislos. Der Grund für das Querschießen war, dass die Präsenz der PYD darin einige störte.

Dadurch wurde auch ersichtlich, welche Vorstellungen sie von einem Westkurdistan in der Post-Assad-Ära

hatten. Alle kurdischen Kreise außer der PYD kamen dann auch unter dem Namen Kurdischer Nationalrat

zusammen. Diese Initiative blieb aber fruchtlos und wurde wieder aufgegeben.

Der Grund dafür, dass es nicht funktioniert hat, eine kurdische Einheit ohne die PYD zu etablieren, ist

schlichtweg deren Organisierungsstärke. Sie hat Volkskomitees und Volksräte organisiert, sie verfügt über

eigene Verteidigungskräfte und vor allem genießt sie großes Vertrauen in der Bevölkerung. Die war

dementsprechend auch nicht bereit, eine kurdische „Einheit“ ohne die PYD zu akzeptieren, weil dies

einfach keine Einheit darstellen würde. Nachdem das auch von den anderen kurdischen Parteien eingesehen

wurde, haben die Einheitsbestrebungen dieses Mal gemeinsam mit den Volksräten Westkurdistans (TEVDEM),

zu denen auch die PYD gehört, von Neuem Fahrt aufgenommen. Wie schon erwähnt, den

erfolgreichen Abschluss dieser Bestrebungen bildet die Gründung des Kurdischen Hohen Rates. Der stellt

das höchste Repräsentativ-Organ der Kurden dar. Er besteht aus zehn Mitgliedern, von denen fünf den

Volksräten Westkurdistans und fünf dem ehemaligen Kurdischen Nationalrat angehören. Außerdem

gehören dazu das Außenbeziehungskomitee, das Sicherheitskomitee und das Komitee für Soziales.

Der Kurdische Hohe Rat wird gegenwärtig von der gesamten Bevölkerung Westkurdistans akzeptiert. Nach

seiner Gründung gingen überall zehntausende Kurden auf die Straße, um diesen Zusammenschluss zu

feiern. Für uns kam dieses Ereignis der Akzeptanz nach einem Volksreferendum gleich. Und auch über die

Grenzen Westkurdistans hinaus hat die kurdische Bevölkerung diese Entwicklung begrüßt. Es steht somit

außer Frage, dass der Kurdische Hohe Rat die Repräsentanz der Bevölkerung Westkurdistans darstellt.

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Die kurdische Bevölkerung in Westkurdistan und Syrien fordert ein demokratisches Syrien und ein

demokratisch-autonomes Westkurdistan. Kannst Du uns diese Forderung näher erläutern?

Aus Deiner Frage geht bereits hervor, dass wir unsere Zielsetzung klar formuliert haben. Wir gehen mit der

Forderung „Demokratisches Syrien und demokratisch-autonomes Westkurdistan“ vor. Wir fordern also

nicht, wie oft behauptet, eine Abspaltung der kurdischen Gebiete. „Demokratische Autonomie“ bedeutet,

dass die Minderheiten gemeinsam mit der Mehrheit unter Berücksichtigung des Schutzes ihrer Eigenheiten

zusammen leben können. Deswegen fordern wir die Demokratische Autonomie innerhalb eines vereinten

Syriens. Die Tatsache, dass es in Syrien so viele verschiedene gesellschaftliche Gruppierungen gibt, spricht

ebenfalls für unser Modell. Syrien ist ein Vielvölkerstaat, mit verschiedenen Sprachen, Kulturen und

Religionen. Sie gehören zum Teil mit zu den ältesten Kulturen der Region und konnten ihre Existenz trotz

der oft kriegerischen Geschichte bis heute wahren. Aber diese Gruppen haben während ihrer gesamten

Geschichte auch mit anderen ethnischen und religiösen Gruppen zusammen in der Region gelebt. Und

allein aus dieser Tatsache lässt sich herleiten, dass der Gedanke der Demokratischen Autonomie der

sinnvollste Weg für eine gemeinsame Zukunft im vereinten Syrien ist.

Die Kurden haben bereits begonnen, mit den anderen Gruppen aus Westkurdistan ein gemeinsames Leben

nach den Prinzipien der Demokratischen Autonomie zu entwickeln. Die anderen Gruppen, von denen ich

spreche, sind beispielsweise die Assyrer, die Araber oder die Armenier in Westkurdistan. In Städten wie

Hesîçe (Al-Hasaka) oder Afrîn wurden diese Gruppen zur Mitarbeit in den Volksräten eingeladen und dazu,

ihre Interessen in die Ratsstrukturen einzubringen. Auch in anderen Orten gibt es Bemühungen,

gemeinsame Komitees mit diesen Gruppen aufzubauen.

Seit dem 17. August laufen die Aktionen und Demonstrationen der Bevölkerung in Westkurdistan unter

dem Motto „Lasst uns die Einheit Syriens gemeinsam stärken“.

Es wurden zudem auch Verteidigungskomitees unter dem Namen YPG

(Volksverteidigungseinheiten) gebildet. Was ist deren Aufgabe und Zweck? Aus welchen Leuten

bestehen sie?

Die YPG sind die Selbstverteidigungskräfte des Volkes in Westkurdistan. Ihre Mitglieder kommen aus der

Zivilbevölkerung und ihre Verantwortung liegt darin, die Sicherheit des Volkes zu gewährleisten.

Aufgrund der gegebenen Kriegssituation in Syrien war der Aufbau einer Selbstverteidigungsstruktur

unumgänglich. Denn wir befinden uns im Land in einer unübersichtlichen Phase und die kann sich

durchaus auch negativ auf das gesellschaftliche Leben auswirken.

Seit dem 15. März hat sich die Jugend innerhalb der Selbstverwaltungsstrukturen zu organisieren begonnen.

Sie haben ihre Kommandanturen gebildet und die Verantwortung für die Selbstverteidigung der

Bevölkerung übernommen. Nach der Gründung des Kurdischen Hohen Rates kündigten sie an, in dessen

Sinne zu arbeiten. Auf der letzten Sitzung der Volksräte Westkurdistans wurde dieser Beschluss nochmals

bekräftigt.

In Westkurdistan bestehen zudem noch weitere kleinere Verteidigungsgruppen. Wir arbeiten daran, sie

dazu zu bewegen, auch Teil der Volksverteidigungseinheiten zu werden.

In den türkischen und den westlichen Medien wird immer wieder berichtet, die PYD kooperiere mit

dem Assad-Regime. Was sagst Du dazu? Wie ist Eure Haltung zum Assad-Regime?

Wir bekommen hier mit, dass über die Medien solche Falschinformationen verbreitet werden. Das ist

traurig. Wir fragen uns auch, ob die Menschen diese völlig aus der Luft gegriffenen Behauptungen wirklich

glauben. Wenn diese Nachrichten nicht aus Unwissenheit verbreitet werden, dann sicherlich aus böser

Absicht. Anscheinend wollen manche Kreise nicht, dass Kurden ihre eigenen Selbstverwaltungsstrukturen

aufbauen. Statt an dieser Stelle jetzt auf diese Lügen und Verleumdungen zu antworten, will ich mich damit

begnügen, an einige Punkte zu erinnern.

Es ist allgemein bekannt, was die Kurden in Westkurdistan bisher alles durchgemacht haben. Sie waren

unter dem Baath-Regime einer gewalttätigen Verleumdungs- und Vernichtungspolitik ausgesetzt. Mit dem

Massaker von Amûdê oder der Politik des Arabischen Gürtels wurden in der Vergangenheit unzählige

Kurdinnen und Kurden aus ihrer Heimat vertrieben. Wir brauchen auch gar nicht allzu weit in die

Vergangenheit zurückgehen. Im Jahr 2000 hat der syrische Staat im Zuge seiner antikurdischen Koalition

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gemeinsam mit der Türkei und dem Iran die Repression gegen das kurdische Volk auf die Spitze getrieben.

Damals blieb den Kurden keine Luft mehr zum Atmen, sie wurden festgenommen und massakriert.

Und nun sollte die Frage gestellt werden, wer das Hauptziel dieser Verfolgung war? Wer wurde

festgenommen und massakriert? Alle, die Verstand und ein Gewissen haben, werden darauf die richtige

Antwort geben.

Worauf führst Du die aggressive Haltung der Türkei zu den Entwicklungen in Westkurdistan

zurück? Hältst Du eine militärische Intervention der Türkei in Westkurdistan für realistisch?

Die aggressive Haltung der Türkei gegenüber den Errungenschaften des Volkes in Westkurdistan ist nicht

schwer nachzuvollziehen. Ich sehe dafür eigentlich zwei maßgebliche Gründe. Der erste ist, dass die Türkei

dadurch in ihrer Existenzgrundlage erschüttert worden ist. Denn der türkische Staat baut auf der

Verleumdung und Vernichtung des kurdischen Volkes auf. Und nun müssen sie mit ansehen, wie die

Kurden in Westkurdistan Schritt für Schritt in Richtung ihrer Freiheit vorankommen. Ihnen ist natürlich

auch klar, dass diese Errungenschaften auch den Freiheitskampf in Nordkurdistan und den anderen Teilen

Kurdistans beflügeln werden. Das bereitet der Türkei selbstverständlich erhebliche Sorgen.

Ein weiterer Grund ist, dass die Türkei sich als Handlanger des US-amerikanischen „Greater Middle East

Project“ gewisse Hoffnungen hinsichtlich ihrer Stellung in der Region gemacht hat. Diese Hoffnungen

basierten allerdings auf Fehlkalkulationen der türkischen Außenpolitik und zerschellen gegenwärtig an den

Entwicklungen in Westkurdistan.

Die Frage ist natürlich, ob die Türkei nun diese politischen Rückschläge einfach so hinnehmen können

wird. Darüber lässt sich diskutieren. Sollte sie das allerdings nicht können und das Abenteuer einer

militärischen Intervention auf sich nehmen, dann kann sie dafür noch so viele Argumente vorschieben, wie

sie möchte. Der eigentliche Grund dafür wird allein die Entwicklung in Westkurdistan sein.

Gibt es noch etwas, was Du uns zu sagen hast? Vielleicht möchtest Du noch einige Worte an die

europäische Öffentlichkeit richten, weil gerade dort auch viele Falschinformationen über die Medien

verbreitet werden?

Für uns ist wichtig, dass begriffen wird, dass wir einen gerechtfertigten Kampf mit friedlichen und

demokratischen Mitteln führen. Wir würden uns wünschen, dass sich die europäische Öffentlichkeit in

diesem Kampf mit uns solidarisch zeigt. Zugleich würden wir uns auch wünschen, dass sie den

Verleumdungen und den Lügen über unseren gerechtfertigten Kampf keinen Glauben schenkt.

Entgegen ihren eigenen Aussagen geht es der türkischen Regierung in keinster Weise um das Wohl des

Volkes in Syrien, sondern ausschließlich um ihre eigenen politischen Interessen. Das wird an ihrer Haltung

gegenüber dem kurdischen Volk mehr als deutlich. Sollten die europäischen Staaten dennoch die

Syrienpolitik der Türkei unterstützen, dann würden wir uns von der europäischen Öffentlichkeit wünschen,

dass sie sich an diesem Punkt gegen ihre eigenen Regierungen stellt.

Aus dem Kurdistan Report Ausgabe September/Oktober 2012 entnommen